, January 6, 2019

Gewalt und Rassismus haben sich im italienischen Fußball Bahn gebrochen. Nun soll ein eilig einberufenes Krisentreffen aller VIPs des italienischen Fußballs eine Lösung finden.

 

Am morgigen Montag, dem 07.01., finden sich auf Einladung von Staatssekretär Giorgetti hochrangige Vertreter von Sport und Politik in Rom zu einem kurzfristig angesetzten Krisengipfel ein. Unter anderem mit dabei:

 

Italiens Innenminister Salvini, die Manager und Eigentümer aller Vereine der beiden höchsten italienischen Fußballigen Serie A und Serie B, Vertreter des italienischen Fußballverbands und der Schiedsrichter, Abgesandte der FIFA und Repräsentanten von Fan-Organisationen.

 

Verhöhnt und vom Platz gestellt – Koulibaly in Mailand

 

Kalidou Koulibali

Der Neapel-Spieler Kalidou Koulibaly war Ziel der rassistischen Beleidigungen (Quelle:Dariolucky, licensed under CC 4.0)

Ein Profi-Fußballer wird während eines Spitzenspiels von Tausenden Fans der gegnerischen Mannschaft massiv beleidigt und gedemütigt. Ebenso wie sein Trainer bittet er den Schiedsrichter das Spiel abzubrechen, der geht darüber hinweg.

Gegen Ende der zweiten Halbzeit verliert der Abwehrspieler beinah die Nerven, wird verwarnt und dann für seine Reaktion auf den Ordnungsruf mit gelb-rot vom Platz gestellt. Die Menge tobt.

 

So geschehen am 26.12. des gerade vergangenen Jahres im San Siro Stadion in Mailand.

Beim Spiel Milano gegen Napoli gaben die Ultras der Heimmannschaft ein beschämendes Zeugnis für ein Phänomen, das im italienischen Fußball alles andere als neu ist.

 

Opfer der tausendfachen rassistischen Ausfälle war der 27-jährige Kalidou Koulibaly.

 

Kalidou Koulibaly wurde 1991 im französischen Saint-Dié-des-Vosges  am Fuße der Vogesen geboren. Er hat die senegalesische Staatsbürgerschaft.

 

Vom örtlichen Fußballklub führte ihn die Karriere über einen französischen Zweitligaverein bis in die erste belgische Liga. 2014 unterschrieb Koulibaly beim italienischen Traditionsverein SSC Neapel.

 

Koulibaly spielt seit 2015 in der Nationalmannschaft des Senegal.

Der Lebenslauf Koulibalys ist so normal, wie es die eines Fußballprofis nur sein kann, sein Leben in Italien ist es nicht.

 

Denn Koulibaly, dessen Eltern aus dem Senegal stammen und der die Staatsbürgerschaft des westafrikanischen Landes besitzt, ist schwarz und allein das scheint auszureichen, um so manch gegnerischen „Fan“ in Affengebrüll ausbrechen zu lassen, sobald Koulibaly den Ball berührt oder den Rasen betritt.

 

Kein Einzelfall, eine Entwicklung

 

Das Spiel Inter gegen SSC am zweiten Weihnachtsfeiertag bildete den bislang unrühmlichen Höhepunkt einer Entwicklung im italienischen Fußball, in der sich Gewalt und Extremismus offen Bahn brechen, während Fairness und Sport in den Hintergrund zu treten scheinen.

 

Einer, der zumindest im Ansatz nachfühlen kann, wie es Koulibaly während seiner unsäglichen rund 75 Minuten auf dem Rasen des San Siro erging, ist Kevin Prince Boateng, ehemaliger Spieler des AC Mailand und als Sohn eines ghanaischen Vaters und einer deutschen Mutter ebenfalls dunkelhäutig.

 

2013 hatte Boateng den Platz bei einem Testspiel seines Vereins gegen den Klub Pro Patria (dt. „Fürs Vaterland) nach 26 Minuten vorzeitig verlassen, nachdem er und weitere nicht-weiße Spieler von den gegnerischen Rängen durchgehend rassistisch beleidigt worden waren.

 

Im Interview mit einer Mailänder Tageszeitung erklärt der Fußball-Profi:

Ich wurde damals von circa 50 Fans beleidigt, im San-Siro-Stadion waren es 10.000. Das ist Rassismus. Für einige Personen sind farbige Menschen Affen (…)

Vier Schwerverletzte und ein Toter

 

Italienkarte Mailand

Der 26.12.2018 ging als schwarzer Tag in de Fußballgeschichte des norditalienischen Mailand ein (Quelle: Google Maps)

Dass der zweite Weihnachtsfeiertag zu einem schwarzen Tag für den italienischen Fußball werden würde, zeichnete sich bereits vor Anpfiff der Partie ab, als es in der Nähe des Stadions zu heftigen Ausschreitungen kam.

 

Ultras der Heimmannschaft hatten angereiste Neapolitaner brutal angegriffen: Nach den Attacken mit Stangen, Vorschlaghämmern, Macheten und Messern mussten vier Unterstützer der Gastmannschaft schwerverletzt im Krankenhaus behandelt werden.

 

Zeitgleich wurde ein Ultra eines mit Inter befreundeten Vereins von einem neapolitanischen Fahrzeug angefahren. Der 35-Jährige, der später als führendes Mitglied der in Deutschland verbotenen neofaschistischen Gruppierung „Blood and Honour“ identifiziert wurde, starb.

 

Die Politisierung des Sports

 

Drei Tage nach den Gewaltexzessen wurde der Anführer der Mailänder Ultras festgenommen. Der Mann mit dem rasierten Schädel und den Tätowierungen faschistischer Symbole steht im Verdacht, die Angriffe auf die Neapolitaner organisiert zu haben.

 

Glaubt man Medienberichten ist er Sinnbild für eine zunehmende Politisierung der italienischen Ultra-Szenen. Laut Angaben des italienischen Innenministeriums ist derzeit von 380 Ultragruppierungen auszugehen, knapp 150 von ihnen tragen die Politik in den Fußball.

 

54, so der Bericht, seien dem linken und linksextremen Spektrum zuzurechnen, 85 dem rechten und rechtsextremen. Die übrigen vereinten Mitglieder unterschiedlicher Ideologien.

 

Tatsächlich werden es nun nicht mehr allein die Ultras sein, die ihre politischen Ausrichtungen in die Stadien bringen, die Politik selbst ist gezwungen, sich Gehör zu verschaffen.

 

Sergio Mattarella, Staatspräsident Italiens, griff die Vorfälle vom San Siro in seiner traditionellen Silvesteransprache auf und sandte eine klare Botschaft:

Es ist das Bild eines positiven Italiens, das sich durchsetzen muss. Das Lebensmodell Italiens kann nicht – und wird niemals – jenes der gewalttätigen Ultras in den Fußballstadien sein. Von Extremisten, die sich als Fans tarnen. Die Ausbrüche von sektiererischem Hass, von Diskriminierung und Rowdytum befeuern. Behörden und Fußballvereine haben die Pflicht, solche Erscheinungen zu bekämpfen und zu bezwingen.

Innenminister Matteo Salvini, kündigte an, mit aller Härte gegen Hooligans vorgehen zu wollen:

 

Ein wahrer Fan brauche kein Messer in der Tasche, ein lebenslanges Stadionverbot sei das Richtige für „diese Idioten“, ließ er in einem Statement wissen.

Matteo Salvini ist Mitglied der Regierungspartei Lega Nord, die sich selbst als freiheitlich, unabhängig und regional-norditalienisch betrachtet.

 

Matteo Salvini

Auch Innenminister Salvini wird am Krisentreffen teilnehmen (Quelle:interno.gov, licensed under CC 3.0)

Kritiker warnen vor einer fremdenfeindlichen Ausrichtung der Partei, die zur wachsenden Spaltung und Radikalisierung der Gesellschaft beitrüge.

 

Salvini selbst hatte Rassismus einst als „Erfindung der Linken“ bezeichnet.

 

Der Innenminister ist bekennender und glühender Anhänger des AC Mailand. Im vergangenen Dezember wurde ein Foto publik, dass ihn mit einer Berühmtheit der italienischen Hooliganszene zeigt.

 

Das Bild auf dem sich Salvini und der mehrfach wegen schwerer Gewalttaten und hochkarätigen Drogendeals verurteilte Mann, wie es scheint, herzlich begrüßen, entstand während einer Feier des AC-Fanclubs „Curva Sud Milano“.

Quo vadis, Italia?

 

Wie genau es weitergehen soll in diesem traurigen Chaos von Rassismus, Gewalt und Fußball, ist nicht klar, fest steht aber, dass etwas geschehen muss.

 

Kalidou Koulibaly, dessen Mannschaft das Spiel am 26.12. verloren hatte, entschuldigte sich im Anschluss an die Partie via Twitter für die Niederlage, setzte aber auch ein Zeichen:

(…) ich bin stolz auf die Farbe meiner Haut. Und dass ich Franzose bin, Senegalese, Neapolitaner: Mensch.

Wenn sich am morgigen Montag, dem 07.01., alles, was im italienischen Fußball Rang und Namen hat, an einen Tisch setzt, um über die Auswüchse rund um Fußball und Rassismus in Italien zu beraten, dann ist das vielleicht noch keine Rettung, aber ein klares Zeichen:

 

Die Spirale von Gewalt und Extremismus muss – wenigstens im Sport – durchbrochen werden.