, November 3, 2019

Georgien gilt als aufstrebendes Mekka für Glücksspieler aus Mittelost. In der georgischen Bevölkerung macht sich jedoch vermehrt Unmut über die fehlende Regulierung breit. Nun hat der erste Kanal des georgischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks (GPB) entschieden, ab Januar 2020 keine Glücksspielwerbung mehr im Fernsehen auszustrahlen.

 

Der Sender gab am Mittwoch folgende Erklärung ab:

„Entsprechend unserer Mission besteht das erste Ziel des Kanals darin, die Anforderungen der Gesellschaft zu erfüllen, die Förderung eines gesunden Lebensstils zu unterstützen und, basierend auf unseren eigenen Möglichkeiten, dem ernsthaften Leiden der Glücksspielsucht im Land entgegenzutreten.“

Nach Medienangaben soll der GPB die Entscheidung auf den Tod des 29-jährigen Sandro Beradze hin getroffen haben. Der junge Mann wurde am 29. Oktober, wenige Tage, nachdem er vermisst gemeldet worden war, tot in einem Wald aufgefunden. Ungenannten Quellen zufolge habe er sich infolge seiner Spielsucht selbst das Leben genommen.

 

Freiwilliger Verzicht auf Glücksspielwerbung

 

Die Maßnahme des Senders, auf Werbung für Glücksspiele zu verzichten, ist freiwillig. Das Management teilte mit, dass durch den Verzicht auf Glücksspielwerbung mit erheblichen finanziellen Verlusten zu rechnen sei.

 

Glücksspielwerbung ist nach den gesetzlichen Vorschriften in Georgien weder verboten noch eingeschränkt. Jedoch verzeichnet das Land in den vergangenen Jahren einen massiven Boom der Glücksspielbranche und die Zahl der Aktivisten, die auf die negativen Folgen aufmerksam machen und strengere Regulierungen des Glücksspiels fordern, nimmt zu.

Das Glücksspiel ist in Georgien legal und die Regulierungen für Glücksspielanbieter sind leicht zu erfüllen. Lokale und internationale Unternehmen können Glücksspiele anbieten, sofern sie in der Lage sind, die Lizenzgebühren zu zahlen. Diese bewegen sich zwischen 50.000 und 1 Mio. Lari (ca. 15.200 und 303.000 Euro). Da das Glücksspiel in Georgien damit nicht nur legal, sondern auch günstig ist, nutzten viele Glücksspielunternehmen die Gelegenheit und eröffneten Casinos, unter anderem in Touristenhochburgen wie Batumi.

Im April 2019 gab es in Georgien 92 aktive Glücksspielunternehmen. Georgien vereint dementsprechend ein hohes Glücksspiel-Angebot mit günstigen Einreisebedingungen für Touristen. Reisende aus mehr als 100 Ländern benötigen für die Einreise kein Visum – eine Tatsache, die sich viele Glücksspieler aus Ländern, in denen das Glücksspiel verboten ist, zu Nutze machen. Im Süden von Aserbaidschan sowie der Türkei und im Norden von Russland begrenzt, lockt Georgien viele Glücksspieler aus diesen Ländern in seine Casinos. Dies macht sich in steigenden Umsätzen bemerkbar.

 

Die Bruttoeinnahmen der georgischen Glücksspielindustrie betrugen im Jahr 2018 13,8 Mrd. Lari (ca. 4,2 Mrd. Euro), mehr als doppelt so viel wie im Jahr zuvor. Dies berichtete die Nachrichtenagentur Business Media Georgia (BMG) [Seite auf Georgisch] im Oktober. Aus Angaben des National Statistics Office of Georgia ginge hervor, dass sich die Umsätze der Glücksspielbranche seit dem Jahr 2013 um das 14-fache erhöht hätten.

 

Forderungen nach schärferen Regulierungen

 

Viele Georgier haben in der Glücksspielbranche Arbeit gefunden. Zudem nähme laut einer Umfrage von Transparency International Georgia aus dem Jahr 2015 der Großteil der Bürger (94 Prozent) nicht am Glücksspiel teil. Gleichwohl habe sich laut Stellungnahme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Bevölkerung eine „negative Einstellung“ zum Glücksspiel gebildet.

 

Batumi, Georgien

In Städten wie Batumi nehmen Casinos und Hotels massiv zu. (Bild: Pixabay/olesya41)

Diese Sichtweise teile der Sender und erfülle durch den Stopp der Glücksspielwerbung die öffentliche Nachfrage, zum Beispiel die der Organisation „Mothers Against Gambling“. Diese habe beklagt, dass sich von Juli 2019 bis heute bereits 15 Personen im Alter zwischen 14 und 31 Jahren aufgrund der Spielsucht und der dadurch verursachten Schulden das Leben genommen hätten.

 

Ana Dolidze, Mitglied des Hohen Rates der Justiz und Autorin der Kampagne gegen Glücksspiele, erklärte, sie begrüße die Initiative des Senders und hoffe, andere Medien würden dem Beispiel folgen. Ihre Kampagne ziele auf ein vollständiges Werbeverbot ab, jedoch bevorzuge man eine großzügige Selbstzensur der Medien, bevor gesetzliche Verbote eingeführt werden müssten.

 

Angesichts der zunehmenden Forderungen, das Glücksspiel in Georgien stärker zu regeln, bleibt abzuwarten, ob es in Georgien ähnlich wie in Großbritannien zu einem eingeschränkten Werbeverbot kommen wird.

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