, November 2, 2018

In Großbritannien hat der Streit um die Einführung strengerer Glücksspiel-Regelungen ein prominentes politisches Opfer gefordert: Am gestrigen Donnerstag trat die britische Ministerin für Sport, Digitales, Kultur und Medien, Tracey Crouch aus Protest gegen die Verzögerung neuer Richtlinien von ihrem Posten zurück.

 

Der Schritt erfolgte aufgrund der Entscheidung der britischen Regierung, die Einführung von Einsatzbeschränkungen für die im Lande weit verbreiteten fixed odds betting terminals (FOBT) zu verschieben.

 

Umstrittene Verschiebung der FOBT-Beschränkung

Theresa May

Auch Theresa May wurde von dem Schritt überrascht (Bild: Wikipedia)

Ursprünglich sollten die Maximaleinsätze an den Glücksspielautomaten von aktuell 100 Pfund auf nur noch zwei Pfund je Spiel bereits im kommenden April reduziert werden. Die Maßnahme ist in der Regierung umstritten und auch die Buchmacher laufen dagegen Sturm, da sie um Einnahmen in Milliardenhöhe und die Zukunft ihrer Wettbüros fürchten.

 

Auf der anderen Seite setzen sich Spielschutz-Organisationen, Verbände und Politiker aller Parteien für eine möglichst schnelle Begrenzung der Einsätze ein. Sie argumentieren, dass die Automaten mitverantwortlich für die Ausbreitung von Spielsucht mit all ihren negativen sozialen wie finanziellen Folgen seien.

 

Entsprechend dem neuen Etatplan für das kommende Jahr steht nun allerdings fest, dass die Verschärfung erst im Oktober 2019 aktiv wird. Dies wurde am Montag von Finanzminister Philip Hammond unter anderem damit begründet, dass die Wettanbieter Zeit für die Umstellung erhalten sollten, um daraus resultierende Jobverluste nach Möglichkeit zu vermeiden.

 

Tracey Crouch zieht Konsequenzen

Mit dieser Ansicht steht er im scharfen Gegensatz zu der Position von Tracey Crouch, die eine scharfe Kritikerin der gegenwärtigen Regelung ist und die sich vehement für eine zeitnahe Einführung der strengeren Regelung ausgesprochen hat. In der Vergangenheit gehörte sie in den Reihen der Regierung zu den führenden Unterstützern der Einsatzbeschränkungen und hat die Kampagne für das geplante 2-Pfund-Limit maßgeblich vorangetrieben.

 

Erste Spekulationen über einen bevorstehenden Rücktritt von Tracey Crouch kursierten am Donnerstagmorgen, als die Ministern nicht zu einer Parlamentssitzung erschien, bei der die Folgen der verschobenen FOBT-Regulierung diskutiert werden sollten.

 

In ihrem an Premierministerin Theresa May gerichteten Rücktrittsschreiben begründete Tracey Crouch ihren Schritt. Sie betonte, dass die Verschiebung eine “unnötige Maßnahme” sei und es keinen triftigen Grund dafür gäbe. Die Entscheidung sei von Personen gefällt worden, die gänzlich andere Interessen als die vom Glücksspiel direkt Betroffenen verfolgten.

 

Nun würden die FOBTs auch weiterhin auf hohe Umsätze abzielen mit entsprechenden Folgen insbesondere in sozial benachteiligten Kommunen. Auf Twitter veröffentlichte Tracey Crouch ihr Schreiben, versehen mit einer persönlichen Nachricht an ihre Follower:

Mit großer Traurigkeit bin ich von einem der besten Regierungsjobs zurückgetreten. Ich danke Ihnen sehr für all die aufmunternden Nachrichten und die Unterstützung, die ich über den heutigen Tag erhalten habe. Politiker kommen und gehen, aber unseren Prinzipien bleiben wir ewig treu.

Premierministerin Theresa May bedauerte den Rückzug und betonte gleichzeitig, dass es zu dem Vorgehen keine Alternative gäbe. Nach Anhörung unterschiedlichster Positionen, von denen einige die Begrenzung sogar erst 2020 Kraft treten lassen wollten, sei der Entschluss auf den Stichtag im Oktober gefallen.

 

Die zurückgetretene Ministerin hatte vorher zu bedenken gegeben, dass die FOBTS durch die Verzögerung weitere 1,6 Milliarden Pfund erwirtschaften würden und dass auch weiterhin durchschnittlich zwei Menschen am Tag Selbstmord aufgrund von Problemen mit ihrer Spielsucht begingen.

 

Große Zustimmung für Tracey Crouch

Die Ex-Ministerin erhielt parteiübergreifend viel Zustimmung für ihren Entschluss. So lobte Oppositionsführer Tom Watson von der Labour-Partei ausdrücklich die Prinzipientreue, die Crouch zu ihrem “mutigen Schritt” bewogen habe. Gleichzeitig griff er die Regierung dafür an, wirtschaftliche Interessen über die gesundheitlichen und sozialen Belange der Bevölkerung zu stellen.

 

Der Erzbischof von Canterbury würdigte Crouch als mutige und prinzipienfeste Frau und schloss seine Twitter-Nachricht mit einem “God bless her”. Auch Großbritanniens Ex-Außenminister Boris Johnson äußerte sich zu dem Thema:

Tracey Crouch gebührt hohe Anerkennung; nicht nur für ihre Kampagne, sondern auch dafür, dass sie sich und ihren Prinzipien treu geblieben ist.

FOBTs – bei Spielern und Buchmachern gleichermaßen beliebt

Die FOBTs sind landesweit in Wettbüros zu finden, denn Schätzungen gehen von weit über 10.000 dieser Glücksspiel-Geräte aus. Sie erfreuen sich bei Zockern großer Beliebtheit, da an den Geräten Wetteinsätze auf unterschiedlichste Spiele getätigt werden können.

 

Wettbüro

FOBTs bringen Wettbüros Milliardensummen ein (Bild: Wikipedia)

Für die Wettbüros sind die Automaten eine wahre Goldgrube, mit der sie jährlich Milliardensummen verdienen. Ein Grund dafür sind die hohen Geldsummen, die an ihnen gesetzt werden können. So erlaubt die aktuelle Regelung, dass pro Spiel bis zu 100 Pfund gewettet werden können. Bei einer durchschnittlichen Dauer von nur 20 Sekunden ist es somit möglich, innerhalb einer Stunde beachtliche 18.000 Pfund zu setzen.

 

Auch der Staat profitiert, denn die Steuereinnahmen liege bei etwa 450 Millionen Pfund im Jahr. Dies dürfte neben der Angst vor einem seitens der Glücksspiel-Branche angedrohten Arbeitsplatzabbau aufgrund der Schließung von Wettbüros ein Grund dafür sein, warum die Verschärfung um ein halbes Jahr verschoben wurde.

 

Um den Einnahmeausfall zu kompensieren, plant die Regierung eine Anhebung der Glücksspiel-Steuern für Online Casinos von 15 % auf 21 %, die ebenfalls im Oktober 2019 in Kraft treten soll. Ihren Berechnungen zufolge dürften sich die kombinierten finanziellen Auswirkungen beider Maßnahmen in etwa die Waage halten.

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