, 28.10.2021

In Teil 1 und Teil 2 des exklusiven Interviews mit dem investigativen Journalisten und Mafia-Experten Sandro Mattioli widmete sich die Casinoonline.de-Nachrichtenredaktion unter anderem der Frage, wie die italienische Mafia das Online-Glücksspiel dazu nutzt, kriminell erworbene Gelder in den legalen Markt zu schleusen.

 

Lesen Sie im dritten Teil, wer nach Ansicht des Experten in der Verantwortung steht, dem Treiben mafiöser Strukturen in Deutschland Einhalt zu gebieten und welche staatlichen Stellen gestärkt werden müssten, um den Kampf wirksam führen zu können. Das Gespräch vor Ort in Berlin führte Jasmin Diop.

 

Sandro Mattioli

Der investigative Journalist und Mafia-Experte Sandro Mattioli (Bildrechte:Lorenzo Maccotta)

Der Journalist und Autor Sandro Mattioli beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit der italienischen Mafia und ihren scheinbar unsichtbaren Aktivitäten in Deutschland. Er ist zudem Vorsitzender der im Jahr 2007 gegründeten NGO Mafianeindanke e.V..

 

Der Verein ist unter anderem in den Bereichen Kriminalitätsprävention, Geldwäschebekämpfung und Korruptionsbekämpfung aktiv. Er engagiert sich explizit für eine freie Gesellschaft ohne Mafia und Organisierte Kriminalität.

 

Sandro Mattioli widmete sich dem Thema Mafia in Büchern und Dokumentarfilmen und arbeitet unter anderem für Medien wie die Süddeutsche Zeitung, Der Spiegel, Arte und den Bayerischen Rundfunk. Zudem ist er als Redakteur des Podcasts „Die Mafia spricht Deutsch“ und Vortragsredner aktiv.

 

Papierbehörden vs. kriminelles Milliarden-Business

 

Casinoonline.de: Die Befürworter des Glücksspielstaatsvertrages in seiner jetzigen Form haben unter anderem argumentiert, dass der Staat den Auftrag hat, den natürlichen Spieltrieb des Menschen in legale Bahnen zu leiten. Durch das Setzen von Lizenzbedingungen könne der Markt seriöser und spielerfreundlicher gestaltet werden.

 

Mattioli: Ich will das gar nicht so sehr an den Lizenzen festmachen, sondern mir geht es um die Kontrolle. Ob die jetzt erfolgt, weil Lizenzen ausgestellt oder nicht ausgestellt werden oder weil keine Lizenzen benötigt werden, ist mir egal. Das Problem ist, dass wir diese Kontrollen nicht haben.

Wir sind einfach ein sehr kontrollschwaches Land und es zeigt sich immer wieder, dass diese Tatsache Akteure aus der organisierten Kriminalität anlockt.

Diese Problematik zeigt sich bei der FIU [Financial Intelligence Unit, Zentralstelle für Finanztransaktionsuntersuchungen], die wenig funktional ist. Das zeigt sich bei der Bankenaufsicht BaFin, die eben auch keine Spürhunde hat, sondern sich eher als Papierbehörde versteht. Und bei der fürs Glücksspiel zuständigen Behörde wird das vermutlich auch ähnlich sein.

 

Ich gehe nicht davon aus, dass man diesbezüglich sagen wird: „Wir setzen da jetzt eine Ermittlungsgruppe rein, 50 Leute, die sich nur darum kümmern, irgendwie schwarze Schafe rauszufiltern“. Und von daher ist die Kanalisierungsfunktion in legale Bahnen aus meiner Sicht nicht gegeben. Vielmehr basiert die Kanalisierungsfunktion auf einem Vertrauensvorschuss.

 

Casinoonline.de: Aktuell befinden sich die Online-Casinos ja noch in einer Duldungsphase.

 

Mattioli: Das ist, als wolle man das Steuerverhalten in legale Bahnen lenken und hoffe, dass sich die Leute selbst verpflichten, Steuern zu bezahlen. So funktioniert das ja auch nicht.

Ich denke, man kann es ganz banal sagen:

In einem Business, wo Milliarden bewegt werden, wo nachweislich kriminelle und hochkriminelle Akteure aktiv sind oder waren, einem Business, das so komplex organisiert ist, dass es über mehrere Länder übergreifend Strukturen ausbildet, da kann man nicht sagen „Okay, wir vergeben jetzt Lizenzen und das wird schon gutgehen“.

Vielmehr muss man Kontrollbehörden einrichten, die genau hinschauen. Es ist ja nicht so, dass die Gelder, die da nachweislich gewaschen werden, dann gewaschen sind und dann ist alles gut. Das sind ja Gelder, die Akteuren zugutekommen, die auch weiterhin nicht unbedingt Legalität im Sinn haben.

 

Mangelnde Kontrolle – Fatale Folgen

 

Casinoonline.de: Wo sollte Ihrer Meinung nach die Verantwortung für die Kontrolle des Online-Glücksspiels angesiedelt sein?

 

Mattioli: Optimalerweise finde ich eine Konstruktion wie in Italien, mit einer Polizeibehörde, die vor allem auf Finanz- und Wirtschaftskriminalität ausgerichtet ist, nicht verkehrt. Dementsprechende Konzepte, den Zoll dazu auszubauen, liegen vor. Wir haben natürlich in Deutschland auch Polizeibehörden, die Wirtschaftskriminalität verfolgen, aber de facto zeigt sich beispielsweise am Fall Wirecard relativ einfach, dass es nicht funktioniert.

 

Es fehlt am Spürhund-Gedanken, dieser Verfolgungswille ist eben oft nicht vorhanden. Idealerweise gäbe es eine sehr viel größere Aufmerksamkeit für Wirtschaftskriminalität, für komplex organisierte Kriminalität, für Geldwäsche.

Wenn man die Ressourcen betrachtet, die man in die Verfolgung der Clankriminalität gesteckt hat, und in Bezug auf Geldwäsche den gleichen Maßstab anlegen würde, dann hätten wir wahrscheinlich eine ganz andere Situation. Dann würde sich auch das Bild, was wir in Deutschland von Kriminalität haben, verändern. Ich glaube, dass der Umgang mit den verschiedenen Formen der Organisierten Kriminalität in einem krassen Missverhältnis steht und das halte ich für eine sehr schwierige Entwicklung.

Fakt ist, dass das Thema viel zu wenig beleuchtet wird. Ich würde mir wünschen, dass man die neue Glücksspielbehörde mit einem gewissen Pool an erfahrenen, bissigen Ermittlerinnen und Ermittlern ausstattet, die über die nötige Kompetenz in Bezug auf Geldwäsche und Finanzkriminalität verfügen. Und die auch wissen, dass Mafia etwas anderes ist als ein paar Gastwirte, die etwas Koks verticken.

 

Die Gefahr, die von weltumspannenden kriminellen Organisationen ausgeht, muss ihnen klar sein. Und sie müssen den Raum bekommen, komplexe Konstrukte über deutsche Grenzen hinweg untersuchen zu können.

 

 

Im vierten und letzten Teil des Interviews werfen wir ein Licht auf die Rolle, die Betreiber und Nutzer von Online-Casinos im Hinblick auf das Dunkelfeld von Mafia und Glücksspiel spielen. Zudem wagen wir einen vorsichtigen Ausblick auf, das was die Zukunft in diesem Kontext bereithalten könnte.