Mittwoch, 29. Juni 2022

Exklusiv: Deutschland, das Glücksspiel und die Mafia – Interview mit dem Mafia-Experten Sandro Mattioli – Teil 4

Sandro Mattioli|Mann zeigt mit Finger auf Betrachter

In Teil 1, Teil 2 und Teil 3 des exklusiven Interviews spricht die Casinoonline.de-Nachrichtenredaktion mit dem Journalisten und Mafia-Experten Sandro Mattioli darüber, wie stark die italienische Mafia auch in Deutschland ist und wie sie unter anderem Online-Casinos zur Geldwäsche nutzt.

Thema ist auch die bislang wenig heldenhafte Rolle deutscher Aufsichtsbehörden beim Kampf gegen die Organisierte Kriminalität im Schatten des Glücksspiels im Internet.

Im vierten und letzten Teil des Interviews stellt sich unter anderem die Frage nach der Verantwortung von etablierten Online-Glücksspiel-Betreibern und Nutzern, wenn es darum geht, das Geschäft der Mafia nicht zu unterstützen. Einfache Antworten hierauf gibt es nicht. Jasmin Diop sprach mit Sandro Mattioli in Berlin.

Sandro Mattioli

Der investigative Journalist und Mafia-Experte Sandro Mattioli (Bildrechte:Lorenzo Maccotta)

Der Journalist und Autor Sandro Mattioli beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit der italienischen Mafia und ihren scheinbar unsichtbaren Aktivitäten in Deutschland. Er ist zudem Vorsitzender der im Jahr 2007 gegründeten NGO Mafianeindanke e.V..

Der Verein ist unter anderem in den Bereichen Kriminalitätsprävention, Geldwäschebekämpfung und Korruptionsbekämpfung aktiv. Er engagiert sich explizit für eine freie Gesellschaft ohne Mafia und Organisierte Kriminalität.

Sandro Mattioli widmete sich dem Thema Mafia in Büchern und Dokumentarfilmen und arbeitet unter anderem für Medien wie die Süddeutsche Zeitung, Der Spiegel, Arte und den Bayerischen Rundfunk. Zudem ist er als Redakteur des Podcasts „Die Mafia spricht Deutsch“ und Vortragsredner aktiv.

Unsichtbare Gefahr mit mörderischen Folgen

Casinoonline.de: Wie können Nutzer sichergehen, beim Online-Glücksspiel keine kriminellen Strukturen zu unterstützen?

Mattioli: Darauf kann ich keine Antwort geben. Das ist wie so oft im Bereich der organisierten Kriminalität: Für den Endnutzer ist das nicht zu erkennen ist. Das gilt auch für den Glücksspiel-Bereich.

Es kommt ja sogar vor,  dass Anbieter, die an sich legal operieren, damit konfrontiert sind, dass sie mit Kriminellen zusammengearbeitet haben. Und dann Schwierigkeiten haben, den eigenen Laden zu bereinigen. Das gilt nicht nur beim Glücksspiel, sondern in vielerlei Bereichen. Es ist ja nicht schwarz-weiß, sondern es gibt Grauzonen und die sind nicht immer einfach zu erkennen.

Casinoonline.de: Was denken Sie, wie es in den nächsten Jahren weitergehen wird mit Deutschland, der Mafia, dem Online-Glücksspiel?

Mattioli: Ich denke, wenn die Entwicklung, die sich bisher abzeichnet, weitergeht, dann werden sich die Zahlen mit Blick auf die italienischen Mafia-Organisationen weiter erhöhen. Zugleich dürfte die Tendenz, möglichst unauffällig zu agieren, so fortgeführt werden.

Irgendwann werden wir die Folgen dessen zu spüren bekommen, mit mehr Korruption, mehr Gewalt, weniger Sicherheit etc. Man muss nur nach Holland schauen, wo Auftragsmörder der Organisierten Kriminalität Hochkonjunktur haben.

Peter R. de Vries Plakat Beerdigung

Der niederländische Journalist Peter R. de Vries wurde im Sommer ermordet. Hintergrund soll sein Engagement gegen die Organisierte Kriminalität gewesen sein (Quelle:Shutterstock)

Wann dieses „Irgendwann“ bei uns ist, weiß ich nicht. Norditalien ist immer das mahnende Beispiel, was uns bei mafianeindanke e.V. auch sehr motiviert, nämlich zu verhindern,  dass man auf einmal bestimmte Geschäftszweige hat, die so sehr von mafiösen Akteuren durchdrungen sind, dass man die gar nicht mehr sauber bekommt.

Dabei geht es um alles, was relativ einfache, aber zugleich wichtige Arbeiten sind. Es zeigt sich schon jetzt, dass wir im Bereich der Gastronomie einfach eine relativ hohe Mafia-Dichte haben, was aber niemanden interessiert. Das wird sich auch in anderen Sektoren so weiterentwickeln. Diese Entwicklung läuft.

Und ich sehe im Moment auch nicht, wie sich das ändern könnte, wenn man die Sicherheitspolitik nicht neu definiert und sehr viel mehr einen präventiven Ansatz einbringt. Aber das tun wir nicht. Das sieht man ja an der FIU:

Die zentrale Stelle zur Bekämpfung von Finanzkriminalität funktioniert nicht.

Wenn man weiterhin sagt, „Wir legen den Fokus auf die sichtbare Kriminalität“, warum sollte sich dann aus Mafia-Sicht hier etwas ändern? Die wären ja blöd, die haben ein stabiles System mit über Jahrzehnte gewachsenen Strukturen in einem soliden Umfeld.

Existenzsichernde Vernunft in der Glücksspiel-Branche?

Casinoonline.de: Welche Rolle spielen die Betreiber im Themenkomplex Glücksspiel-Mafia-Geldwäsche?

Mattioli: Es ist im Grunde im Interesse der sauberen Anbieter, dafür zu sorgen, dass die schmutzigen Anbieter bekämpft werden. Je nach Branche ist eben nicht immer genau zu trennen, wer wozu gehört. Ich weiß nicht, ob Lobby-Aktivitäten, die Kontrolle reduzieren, den Verantwortlichen auf lange Sicht überhaupt zugutekommen.

Ich glaube, die Lobby täte gut daran, für eine Reglementierung zu sein, auch wenn es sozusagen erstmal gegen eigene Interessen geht. Und nicht zu sagen, „Alle Reglementierung weg“. Das gilt nicht nur, aber eben besonders aufgeprägt für den Glücksspielsektor.

Ich glaube, es ist langfristig existenzsichernd, wenn man dem Staat eine Kontrolle zubilligt. Das gilt in einer Branche, in der ein großes Risiko von Infiltration besteht, wie beispielsweise im Glücksspiel- oder Immobiliensektor ebenso wie meinetwegen bei der Bäckerinnung, wo das Risiko, dass sich mafiöse Akteure breitmachen, wahrscheinlich nicht so groß ist.

Casinoonline.de: Vielen Dank für Ihre Zeit und den sehr interessanten und aufschlussreichen Einblick in ein schwieriges Thema, das uns aller Voraussicht nach auch weiterhin beschäftigen wird.

Fazit: Der Mafia-Experte Sandro Mattioli hat im Gespräch mit der Casinoonline.de-Nachrichtenredaktion keinen Zweifel daran gelassen, dass das Thema „Italienische Mafia in Deutschland“ mehr Aufmerksamkeit benötigt.

Während der Kampf gegen die sogenannte Clan-Kriminalität die Titelseiten füllt und regelmäßig Politiker auf den Plan ruft, bleibe die organsierte Kriminalität von Cosa Nostra & Co. meist sowohl von Staats wegen als auch in der öffentlichen Wahrnehmung dort, wo sie sich am wohlsten fühlt:

Im Schatten.

Mit der Legalisierung des Online-Glücksspiels ohne funktionierende Kontrollbehörde und mit nur schwachen Finanzaufsichten bietet Deutschland dem Experten zufolge in der aktuellen Situation einen fruchtbaren Boden für mafiöse Akteure.

Die deutsche Politik und Öffentlichkeit müssten sich zeitnah dieser Herausforderung stellen und die Bekämpfung der Geldwäsche im großen Stil zur Priorität machen, um hierzulande Mafia-Verhältnisse wie in Teilen Italiens zu verhindern.