Mittwoch, 26. Januar 2022

Computer­spielsucht von WHO jetzt offiziell als Krankheit anerkannt

Mädchen mit VR-Brille Computersüchtige Jugendliche können in die Spielewelten abdriften. (Bild: flickr.com, Marco Verch)

Die im Jahre 2018 überarbeitete Version [Seite auf Englisch] der Internationalen Klassifikation von Krankheiten (ICD-11) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist am 1. Januar 2022 in Kraft getreten. Unter anderem gilt nun auch die Computerspielsucht (Gaming disorder) als behandlungsbedürftige Krankheit.

Durch die internationale Klassifikation von Krankheiten seitens der WHO soll Medizinern eine exakte Diagnostizierung erleichtert werden. Zudem wird die ICD von Krankenkassen als Grundlage für die Kostenübernahme von Behandlungen verwendet.

Wie der WHO-Experte für psychoaktive Substanzen und Suchtverhalten, Wladimir Pozniak, erklärte, obliege es ausschließlich ausgebildeten Fachärzten, die Diagnose Spielsucht zu stellen.

Laut der ICD-11 geht die Computerspielsucht, online sowie offline, mit einem deutlichen Leidensdruck der betroffenen Personen einher. Zudem kommt es zu erheblichen Beeinträchtigungen der persönlichen, familiären, sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsfähigkeit.

Die Symptome der Gaming disorder werden im ICD-11-Katalog der WHO wie folgt beschrieben:

  • Kontrollverlust über das Spiel, zum Beispiel Beginn, Häufigkeit, Intensität, Dauer, Beendigung und Kontext
  • Erhöhung der Priorität des Spiels in dem Maße, in dem das Spielen Vorrang vor anderen Lebensinteressen und täglichen Aktivitäten hat
  • Fortsetzung oder Eskalation des Glücksspiels trotz Eintritt negativer Folgen. Das Spielverhalten kann kontinuierlich oder episodisch und wiederkehrend sein.

Gaming-Branche spricht sich gegen Klassifizierung von Computerspielsucht als Krankheit aus

Experten, die sich mit dem Thema Videospiele auseinandersetzen, sowie Vertreter der Computerspielindustrie, haben sich bereits mehrfach gegen die Aufnahme von Spielsucht in den ICD-11-Katalog ausgesprochen.

Die Experten befürchteten eine Stigmatisierung von Hobbyspielern. Millionen von Kindern und Jugendlichen, zu deren täglichen Aktivitäten das Spielen der Games gehörten, seien davon betroffen.

In einem offenen Brief [Seite auf Englisch] übten 28 Psychologen Kritik an dem Vorhaben. Darin heißt es unter anderem:

Bedenken hinsichtlich des problematischen Spielverhaltens verdienen unsere volle Aufmerksamkeit. Einige Spieler haben ernsthafte Probleme als Folge der Zeit, die sie mit Videospielen verbringen. Wir behaupten jedoch, dass es alles andere als klar ist, dass diese Probleme einer neuen Störung zugeschrieben werden können oder sollten, und die empirische Grundlage für einen solchen Vorschlag leidet unter mehreren grundlegenden Problemen.

Unter Wissenschaftlern gebe es zudem keine übereinstimmenden Positionen. Die Forschung in diesem Bereich sei rein spekulativer Natur, da klinische Forschungen rar und die Stichprobengrößen zu gering seien.

Ist Mediensucht nur ein Symptom ernster Erkrankungen?

Besonders in der Corona-Pandemie haben Kinder und Jugendliche mehr Zeit mit Computerspielen verbracht. Das Verhalten nehme dabei immer häufiger krankhafte Züge an, berichteten die Stuttgarter Nachrichten am Sonntag.

Petra Müller vom baden-württembergischen Landesverband für Prävention und Rehabilitation (bwlv) erklärte:

Die problematische, teils auch unkontrollierte Mediennutzung hat sich in der Pandemie verstärkt. Die Jugendlichen sind auf Online-Angebote ausgewichen, weil andere Freizeitangebote in der Pandemie fehlen.

Es sei entscheidend zu sehen, ob die exzessive Nutzung auch weiterhin bestehen bleibe, wenn es wieder mehr andere Freizeitbeschäftigungen gebe, so Müller. Die größte Gefahr sei ein Abdriften in die Spielewelten, wobei der Austausch mit anderen nicht möglich sei. Dies könne längerfristige Folgen mit sich bringen, da viele soziale Fertigkeiten nicht erlernt würden.

Allerdings könnten sich hinter dem auffälligen Nutzungsverhalten ernste psychische Krankheiten verbergen. In den meisten Fällen sei die Mediensucht nur ein Symptom, kommentierte der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Günter.

Die eigentlichen krankheitswertigen Störungen dahinter mit einer deutlichen Zunahme sind vor allem sozialer Rückzug, soziale Ängste, Depressionen, schwere Persönlichkeitsentwicklungsbeeinträchtigungen. In Folge dieser Belastungen und Erkrankungen entwickeln manche dann übermäßigen Medienkonsum und Mediensucht.

Durch die Belastungen aufgrund der Restriktionen in der Pandemie seien Kinder und Jugendliche derzeit vornehmlich wegen Essstörungen, Angststörungen und Depressionen in Behandlung.