Montag, 16. Mai 2022

Online-Glücksspiel und Gaming: Spielsucht-Ambulanz warnt vor Zunahme von Verhaltenssüchten in Österreich

Kind zockt am Laptop Die Experten warnen vor einer Zunahme von Verhaltenssüchten bei Kindern und Jugendlichen (Quelle:unsplash.com/Onur Binay)

Dem österreichischen Verein Pro mente OÖ zufolge seien in der Alpenrepublik immer mehr Kinder und Jugendliche von Spiel- und Internetsucht betroffen. Dies erklärte die dem Verein angegliederte Spielsucht-Ambulanz gestern bei einer Pressekonferenz zum Thema Verhaltenssüchte. Verschärft werde die Problematik, die auch Erwachsene betreffe, durch die Tatsache, dass die Grenzen zwischen Online-Gaming und Glücksspiel zusehends verwischt würden.

Internet triggert Verhaltenssüchte

Am gestrigen Mittwoch lud die Ambulanz für Spielsucht des Vereins Pro mente OÖ im Presseclub Linz zum Presse- und Podiumsgespräch. Der Verein betreut eigenen Angaben zufolge an 180 Standorten in Oberösterreich psychisch benachteiligte und beeinträchtigte Menschen. Hierzu gehört auch Hilfe bei Glücksspielsucht.

Unter dem Titel „Verhaltenssüchte auf dem Vormarsch – Immer mehr junge Menschen leiden an Spiel- und Internetsucht“ stellten die Experten nun Erkenntnisse einer aktuellen Studie des Markt- und Sozialforschungsinstituts IMAS vor.

Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) äußert sich die sogenannte Verhaltenssucht (oder nicht-stoffgebundene Sucht) in der zwanghaften Wiederholung bestimmter Verhaltensweisen.

Betroffene verspürten den starken Drang, dem jeweiligen Reiz zu folgen. Dieser dominiere ihre Gedanken, zugleich seien Handlungs- und Entscheidungsfreiheit stark eingeschränkt. Letztlich fehle die Freiheit, „diesem imperativen Bedürfnis“ zu widerstehen.

Neben Glücksspiel- und Gaming-Sucht gelten auch die Anhängigkeit von Shopping oder Pornographie als Verhaltenssüchte. Doch auch exzessive Arbeit oder übermäßiger Sport können als solche gewertet werden.

Der Erhebung zufolge verbrächten ÖsterreicherInnen ab 14 Jahren aktuell im Durchschnitt täglich knapp neun Stunden mit dem Konsum von Medien. 89 % hiervon entfielen auf die Nutzung von Online-Medien und Social Media.

Der auch aufgrund der Pandemie gestiegene Internetkonsum könne teils drastische Folgen haben. So beschrieben die Verantwortlichen als große Gemeinsamkeit der sogenannten Verhaltenssüchte, dass diese durch das Internet „getriggert“, also angetrieben bzw. verstärkt würden.

Spiel oder Glücksspiel?

Insbesondere bei bereits vorliegenden psychischen Problemen könne ein starker Internetkonsum zu weiterem Rückzug der Betroffenen führen und in Verhaltenssüchte kippen. Auch die Pandemie habe dazu beigetragen, dass sich vor allem die Erscheinungsform der Glücksspielsucht verändert habe. So erklärt Karlheinz Staudinger, MSc, Psychotherapeut in der Ambulanz für Spielsucht, im Statement:

Online-Gaming kann Spaß machen und ein netter Zeitvertreib sein. Wir beobachten aber zunehmend die Problematik, dass die Grenzen zwischen Online-Gaming und Glücksspiel mehr und mehr verschwimmen. Die Anbieter der Onlinespiele integrieren immer öfter Glückspielelemente in ihre Computerspiele, um einen Zusatzverdienst zu generieren, sodass schon Kinder früh das Geld ihrer Eltern zu verspielen beginnen. Und auch unsere Jugendlichen können dadurch sehr bald in die Schuldenfalle tappen, die Folge dessen kann ein schlechter finanzieller Start ins Leben sein und der Rückzug aus dem sozialen Leben.

In der Praxis der Beratungsstellen stelle sich vermehrt die Frage, wie eine durch das Online-Gaming bedingte Glücksspielsucht unter jungen Menschen verhindert werden könne.

Online-Glücksspiel auf dem Vormarsch

Konkret legt die aktuelle IMAS-Studie dar, dass 35 % der ÖsterreicherInnen ab 16 Jahren bereits regelmäßig um Geld gespielt hätten. Als Beispiele nennen die Macher das Glücksspiel im Casino, Lotto, Brieflose und Sportwetten.

Rund ein Fünftel der regelmäßig Spielenden habe angegeben, hauptsächlich online aktiv zu sein. Dies betreffe vornehmlich die Gruppe der 16- bis 34-Jährigen. Befragte über 60 Jahren nutzten zumeist Offline-Angebote. 6 % der Personen, die regelmäßig spielten, hätten angegeben, während der Pandemie vermehrt auf Online-Glücksspiel zurückgegriffen zu haben.

Auch in Deutschland betrachten Experten eine Zunahme des pathologischen Online-Spielverhaltens gerade unter Minderjährigen mit Sorge. Im November präsentierte die DAK Gesundheit eine Studie, nach der es während der Pandemie einen signifikanten Anstieg der pathologischen Mediennutzung unter Kindern und Jugendlichen gegeben habe. So sei die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, auf die die ICD-11-Diagnose Gaming Disorder zutreffe, von 2019 bis 2021 um 51,8 % gestiegen. Dies bedeute, dass aktuell rund 4,1 % aller Personen zwischen 10 und 17 Jahren computerspielsüchtig seien.

Bildungslandesrätin Christine Haberlander erklärte auf der gestrigen Pressekonferenz, dass das Land Oberösterreich den in der Studie dargelegten Herausforderungen insbesondere durch Aufklärung, Information und Prävention begegnen werde.

Unter anderem durch Schulungen für pädagogisches Fachpersonal und Angebote für Eltern solle die Medienkompetenz Minderjähriger gestärkt und ein verantwortungsvoller Umgang mit elektronischen Medien unterstützt werden.