Freitag, 20. Mai 2022

Gaming Disorder bei Minderjährigen: DAK-Studie zeigt massiven Anstieg während Pandemie

junger Gamer vor Monitor|Junge lehnt Kopf gegen Tafel|DAK-Studie Grafik Nutzungszeiten

Gemeinsam mit Forschern des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) und dem Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) hat die DAK-Gesundheit die krankhafte Nutzung digitaler Medien und Spiele bei Minderjährigen in Corona-Zeiten untersucht.

Am Donnerstag stellten die Verantwortlichen die Ergebnisse ihrer Längsschnittstudie vor. In allen untersuchten Bereichen war ein signifikanter Anstieg der pathologischen Mediennutzung im Vergleich zum Jahr 2019 zu verzeichnen. Gleichzeitig sei deutlich, dass Umstände wie Pandemie-bedingte Lockdowns die Probleme nicht begründeten, sondern lediglich verstärkten.

Depressive Kinder und hilflose Eltern

Die Erkenntnisse der Studie seien als beunruhigend zu bezeichnen, so die Experten Prof. Rainer Thomasius, Studienleiter und Ärztlicher Leiter am Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kinder- und Jugendalters am UKE Hamburg, und Andreas Storm, Vorstandschef der DAK-Gesundheit.

Auch der zur virtuellen Vorstellung der Studienergebnisse zugeschaltete Vertreter des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V., Thomas Fischbach, erklärte in Bezug auf die aktuellen Entwicklungen:

Wir beobachten zunehmend Kinder und Jugendliche, die so in sich gekehrt in einer eigenen Welt unterwegs sind (…). Wir erleben hilflose Eltern, die nicht wissen, wie sie diese Mediennutzung ihrer Kinder regulieren sollen. (…) Wir erleben zunehmend Kinder mit schulischem Leistungsabfall, mit Beenden oder Nicht-Pflegen von sozialen Kontakten, mit Rückzug bis hin zu Depressionen. Und das hat deutlich zugenommen.

Besorgniserregende Werte hatte die Studie unter anderem bei der Betrachtung der pathologischen Nutzung digitaler Spiele durch Kinder und Jugendliche erbracht.

Hier sei seit 2019 einen Anstieg um 51,8 % zu erkennen. Auf das Jahr 2021 hochgerechnet bedeute dies, dass aktuell auf rund 4,1 % aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland die ICD-11-Diagnose Gaming Disorder zutreffe. Somit seien rund 220.000 Menschen im Alter zwischen 10 und 17 Jahren computerspielsüchtig.

Jungen stärker betroffen als Mädchen

junger Gamer vor Monitor

Laut Studie ist die Computerspielsucht bei Jungen besonders stark angestiegen (Quelle:unsplash.com/Fausto Sandoval)

Hauptbetroffen vom krankhaften Spiel seien der Studie zufolge Jungen. Bei ihnen habe es auch den höchsten Anstieg des pathologischen Nutzungsverhaltens während des Pandemiegeschehens gegeben.

So stuften die Forscher 2019 noch 1,9 % der Jungen und 0,8 % der Mädchen als krankhaft spielend ein. In diesem Jahr habe die Diagnose auf 3,2 % der Jungen und 0,9 % der Mädchen zugetroffen.

Beim als riskant klassifizierten Gaming sei ein leichter Rückgang zu verzeichnen gewesen. Dennoch liege die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die Gefahr liefen, eine Sucht zu entwickeln, auf das Jahr 2021 hochgerechnet bei rund 492.000.

Obwohl der Höhepunkt des problematischen Nutzungsverhalten in allen untersuchten Bereichen während der ersten Lockdownphase zu verzeichnen gewesen sei, lägen die Zahlen auch heute noch deutlich höher als zu Vor-Pandemie-Zeiten.

Für die Längsschnittstudie „Mediensucht während der Corona-Pandemie“ betrachteten die Forscher das Nutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen bezüglich Social Media und Gaming über einen Zeitraum von rund zwei Jahren. Hierzu verglichen sie die Zahlen von vier Messpunkten.

In die Studie eingeflossen sind Betrachtungen zum Vorkrisenniveau im Herbst 2019 und dem Zeitraum kurz nach Beginn des ersten Lockdowns im April 2020. Auch die Zeit der erneuten Schließung von Geschäften und Freizeitstätten nach den vorübergehenden Öffnungen Ende 2020 und der Beginn zunehmender Lockerungen im Frühsommer 2021 geben Aufschluss über die Entwicklungen.

Untersucht wurde der Umgang mit Sozialen Medien, digitalen Online- und Offline-Spielen sowie Streaming-Diensten auf technischen Geräten.

Deutlich werde dies beispielsweise bei einer aktuellen durchschnittlichen Gaming-Zeit von 109 Minuten pro Werktag. Zwar sei dies weniger als die 132 Minuten im April 2020, im September 2019 habe die Zeit, die Minderjährige werktags mit Computerspielen verbracht hätten, jedoch bei lediglich 83 Minuten gelegen.

Gemeinsame Anstrengungen erforderlich

Den Experten zufolge seien die aktuellen Entwicklungen bereits lange vor der Pandemie absehbar gewesen. Das Corona-Geschehen sei somit nicht als Ursache, wohl aber als Katalysator der Problematik zu betrachten.

Junge lehnt Kopf gegen Tafel

Die Experten sehen vorrangig die Eltern in der Pflicht, ihre Kinder zu schützen (Quelle:dak.de)

Im Kampf gegen die krankhafte Nutzung digitaler Inhalte sehen die Experten in erster Linie Eltern in der Pflicht. So habe die Studie auch hervorgebracht, dass sich das elterliche Regelverhalten im Verlauf der Pandemie nicht messbar verändert habe.

Die Erziehungsberechtigten seien jedoch gefragt, wenn es darum gehe, den Kindern, für die sie die Verantwortung trügen, Medienkompetenz zu vermitteln und klare Grenzen zu setzen.

Unter anderem deshalb habe die DAK gemeinsam mit dem UKE eine Online-Plattform ins Leben gerufen, um Betroffene zu unterstützen. Hier können Versicherte aller Kassen Informationen erhalten und beispielsweise an kostenlosen Eltern-Workshops teilnehmen.

Gleichzeitig, so der Appell der Experten, müsse auch die Politik dringend verstärktes Augenmerk auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen legen. Dies gelte insbesondere mit Blick auf die neuen Herausforderungen des digitalen Zeitalters.