, 30.03.2021

Die Diskussion um die Suchtgefahr beim Spiel von Spielautomaten wurde vor kurzem erneut angefacht. Anlass war das Mitte März durchgeführte Symposium Glücksspiel. Bei diesem hatten Referenten wie Prof. Dr. Tilman Becker, Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel, und Prof. Dr. Lucia Reisch, Konsumforscherin an der Copenhagen Business School, die aus ihrer Sicht manipulativen Designs von Online-Slots angeprangert.

 

Ihrer Auffassung nach würden die Spieler unter anderem mithilfe von akustischen Elementen und Kleingewinnen zum dauerhaften Spiel animiert. Dies führe zu einer das problematische Spiel begünstigenden Konditionierung, so die Wissenschaftler. Marcus Dörr von Casinoonline.de, der jahrelang in der landbasierten Glücksspielindustrie tätig war, widerspricht diesen Hypothesen.

 

Gewinnmaximierung vor Gewinnchancen?

Marcus Dörr

Glücksspielexperte Marcus Dörr von CasinoOnlinle.de

Der Glücksspielexperte kritisiert die Annahme, dass Spielehersteller bevorzugt Slots entwickelten, die aus Gründen der Gewinnmaximierung auf Kosten der Gewinnchancen der Spieler gingen. Zwar sei es im Interesse von Herstellern und Online-Casinos, mit den Slots möglichst hohe Einnahmen zu erzielen, doch die Schlussfolgerung, dass nur die Spiele auf den Markt kämen, die den meisten Gewinn generierten, sei falsch.

 

Aufgrund der großen Konkurrenzsituation sei es für die Hersteller von größtem Interesse, Automaten zu präsentieren, die bei den Spielern am besten ankämen. Es nütze einem Hersteller wenig, Spiele zu veröffentlichen, die ihm potenziell den höchsten Gewinn brächten, dafür aber kaum gespielt würden.

 

Stattdessen gehe es darum, Slots im Programm zu haben, die eine hohe Popularität unter den Spielern erreichten. Nach Dörrs Angaben würden über 70 % aller gespielten Sitzungen mit den auf der Startseite eines Casinos präsentierten Games erreicht. Das Ziel der Hersteller sei somit, möglichst viele Titel zu kreieren, die es auf diese Seiten schafften. Dort würden sie eine hohe Aufmerksamkeit unter den Spielern erregen und auf diese Weise zu weiteren Spielsitzungen führen.

Glücksspielforscher wie Prof. Dr. Tilman Becker werfen der Industrie vor, Online-Automaten derart zu gestalten, dass sie eine Konditionierung der Spieler begünstigten. Demnach förderten eine hohe Ereignisfrequenz, gepaart mit häufigen Beinahe- und Kleinstgewinnen das irrationale Denken bei Spielern. Zusätzlich unterstützt werde dies durch die permanente Einspielung optischer und akustischer Signale.

 

Prof. Dr. Lucia Reisch setzte diese Designtricks mit “dark patterns” (dunklen Mustern) gleich. Diese seien geeignet, die Verhaltensautonomie der Spieler zu manipulieren. In Kombination mit der ständigen Verfügbarkeit von Online-Spielen bildeten diese Faktoren laut Prof. Becker die Basis für eine gefährliche Gewöhnung an das Spiel. Diese Konditionierung trage dazu bei, dass Betroffene die Kontrolle über ihr Spielverhalten verlören. Die Folgen seien bei vielen Spielern ein sich entwickelnder Zwang zum Glücksspiel und damit der Eintritt in die Spielsucht.

Demgegenüber setzten die Hersteller laut Dörr bei der Entwicklung erfolgreicher Games vor allen auf Nutzerbefragungen und Tests, um die Präferenzen der Spieler zu analysieren. Anhand dieser Informationen würden neue Spieletitel designt. Damit gelänge eine effektivere Umsatzmaximierung als durch die Integration von Funktionen, die Spieler dazu verführten, mehr Geld zu verspielen, wie die Forscher fälschlicherweise annähmen.

 

Spieler nicht so einfach manipulierbar?

Des Weiteren tritt Dörr der Auffassung entgegen, dass sich Spieler in Online-Casinos leicht manipulieren ließen und sich nicht über ihre Gewinnchancen im Klaren seien. Während diese Annahme für neue Spieler vielleicht zutreffe, basiere die Spielauswahl von Vielspielern auf eigenen oder den Erfahrungen anderer Spieler.

 

Zum Beleg führt Dörr eigene Erfahrungen im Glücksspielgeschäft an:

Während meiner Arbeit in terrestrischen Casinos habe ich mehrfach Besucher interviewt, die eine zusätzliche Stunde Anfahrtszeit in Kauf genommen haben, da sie das Gefühl hatten, in der weiter entfernten Filiale unserer Casino Kette seien die Gewinnchancen besser – tatsächlich hatte diese Filiale aufgrund der Lage und Wettbewerbssituation zwischen 0,5 und 1 % bessere Gewinnchancen an den Spielautomaten!

Jemand, der durch die manipulative Technik eines Spiels dazu gebracht worden sei, mehr als gewollt zu verlieren, werde nach Dörrs Auffassung dieses Spiel oder den Hersteller meiden, auch wenn das Design noch so verführerisch erscheine. Spieler wüssten zudem sehr genau, wie hoch ihre Gewinnchancen bei den einzelnen Online-Slots seien. Hinzu käme, dass der hohe Wettbewerbsdruck in den Online-Casinos die Hersteller dazu zwinge, vergleichbare Ausschüttungen zu bieten.

Forscher wie Prof. Becker hielten dem Argument in ihren Beiträgen entgegen, dass Online-Casinos die Auszahlungsquoten der Online-Slots häufig nicht angäben, obwohl dies gesetzlich vorgeschrieben sei. Dies trage bei den Spielern zu einer Fehleinschätzung der eigenen Verlust- und Gewinnwahrscheinlichkeiten bei, so die Kritik.

Die Annahme vieler Forscher, dass überwiegend kleinere Gewinne in die Spielabläufe mit dem Ziel eingebaut würden, die tatsächlichen Verluste zu verschleiern, sei nach Dörrs Auffassung so nicht korrekt. Dies sei vielmehr dem Trend zu höheren Einzelgewinnen und den angepassten Spielabläufen geschuldet. Die Evolution der Automatenspiele hin zu mehr Volatilität, mit größeren, dafür aber unwahrscheinlicheren Gewinnen, sei daher nur logisch.

 

Im Gegensatz zu den meisten klassischen Casinospielen bestehe der Reiz von Spielautomaten gerade darin, auch schon mit kleinen Einsätzen große Summen gewinnen zu können. So könne vereinzelt der bis zu 50.000-fache Einsatz in einer einzigen Spielrunde erzielt werden. Um dies auszugleichen, seien die herkömmlichen Gewinne der Spiele heruntergefahren worden und betrügen teilweise nur 10 % des getätigten Einsatzes.

 

Wirkung des Glücksspielstaatsvertrages

Waage Rechtsprechung

Gesetzlich ändert sich bei den Slots einiges (Bild: Pixabay/CQF-avocat)

Die Diskussion zeigt, dass die Meinungen zu dem Thema grundsätzlich weit auseinandergehen. Die Debatte könnte nach Inkrafttreten des Glücksspielstaatsvertrages und der Legalisierung von Online-Casinos weiter an Fahrt aufnehmen. Der Vertrag sieht zwar eine Verbesserung des Spielerschutzes beim Online-Glücksspiel, beispielsweise in Form von Spielersperren, Einzahlungslimits und verlangsamten Spielrunden vor, doch Spielerschutz-Organisationen gehen davon aus, dass die neue Gesetzgebung nicht weit genug gehe.

 

Darüber hinaus wird von Spielerschützern und Wissenschaftlern die Effektivität der erst im Jahr 2023 umfassend funktionsfähigen Glücksspielbehörde massiv angezweifelt. Prof. Dr. Gerhard Bühringer von der TU Dresden fasste die Kritik während des Symposiums Glücksspiel zusammen:

Die Aufsichtsbehörde bleibt über lange Zeit ein “zahnloser Tiger”: zu spät, zu schwach, zu wenig Kompetenz.

Es wird sich zeigen, inwieweit die Behörde trotz der schlechten Startbedingungen dazu beitragen kann, ein faires Spiel zu gewährleisten, wie dies im Staatsvertrag gefordert wird.