, 19.12.2019

Am vergangenen Sonntag berichtete das ZDF in seiner Sendung Sportreport über aktuelle Ermittlungen zu Spielmanipulationen im internationalen Tennis. Nun meldet sich der Vorstandssprecher von Glücksspielanbieter Interwetten zu Wort. Dominik Beier empfindet seine Branche in der Diskussion zu Unrecht in ein schlechtes Licht gerückt. Er sieht die Tennisverbände in der Pflicht.

 

Deutscher Tennisspieler unter den Verdächtigen

 

Laut gemeinsamer Recherchen des ZDF und der Tageszeitung Die Welt stehen Ermittlungen zu einem aktuellen Wettskandal kurz vor dem Abschluss. Weltweit sollen mindestens 135 Tennisspieler ins Matchfixing verwickelt gewesen sein, darunter mindestens auch ein Deutscher.

 

Federführend bei der international koordinierten Strafverfolgung ist die belgische Staatsanwaltschaft. Ihren Angaben zufolge soll die armenische Wettmafia jahrelang ein hochintelligent agierendes Netzwerk in sieben europäischen Ländern betrieben haben.

 

Konkret geht es um den bereits mehrfach bestätigten Verdacht, Tennisspieler hätten gegen Geldzahlungen Matches manipuliert, indem sie sie absichtlich verloren hätten. Durch teils hundertfache Wetten sei es den Syndikaten möglich gewesen, pro gekauftem Spiel Zehntausende von Euro zu generieren.

Screenshot Tennis Artem Bahmet

Artem Bahmet irritierte durch sein verdächtiges Spiel (Quelle: youtube.com/Super Sport)

In der vergangenen Woche machte ein Tennismatch der ersten Qualifikationsrunde des ITF-Turniers in Doha weltweit Schlagzeilen.

 

Die Partie zwischen dem Ukrainer Artem Bahmet und Krittin Koaykul aus Thailand endete als sogenanntes „Golden Match“.

 

Koaykul gewann ohne Punktverlust mit 6:0 und 6:0. Die Begegnung dauerte nur 22 Minuten. Das auffällig schlechte Spiel des Ukrainers sorgte bei Beobachtern für massive Zweifel an seiner Integrität.

Ein Fluch für die Wettindustrie

 

Für den Online-Buchmacher Interwetten sei jede Meldung über Wettmanipulation „auch ein Fluch“. Dies erklärte Vorstandssprecher Dominik Beier im Gespräch mit dem österreichischen Onlineportal tennisnet.com.

 

Zwar habe sein Unternehmen im aktuellen Fall keine Unregelmäßigkeiten im Wettgeschehen festgestellt, generell seien die Buchmacher bei Manipulationen im Sport aber ebenfalls als Geschädigte zu betrachten.

 

Vorstöße, den Sumpf der Spielmanipulation im Tennis durch ein generelles Wettverbot auszutrocknen, hält Beier jedoch für kontraproduktiv:

Dann würde es dennoch irgendwo einen Markt geben. Verbietet man es einem lizenzierten Anbieter, wird es ein unseriöser Anbieter anbieten. Und illegaler Datentransfer ist in der heutigen digitalen Welt recht einfach. Man muss daher das Angebot so attraktiv wie möglich halten und in den legalen Markt kanalisieren. Es ist seit jeher im Glücksspiel- oder Sportwettenmarkt ein Problem, wenn man etwas einschränkt – denn dann entwickelt sich ein Schwarzmarkt. Und dann kann man es erst recht nicht kontrollieren.

Stattdessen fordert der Interwetten-Sprecher eine bessere Zusammenarbeit aller seriösen Akteure im Tennis. Er sieht insbesondere die Verbände in der Pflicht, finanziell Verantwortung für wirtschaftlich schlecht aufgestellte Spieler zu übernehmen.

 

Einen Weg könnten hierbei Solidaritätszahlungen darstellen: Ein Topverdiener wie Roger Federer könne es vermutlich verschmerzen, beispielsweise 200.000 Euro im Jahr weniger einzunehmen. Diese Gelder, so Beiers Ansatz, könnten sodann unter Spielern aufgeteilt werden, die sich schwertäten, ihre anfallenden Kosten „alleine zu stemmen“.

 

Syndikate nutzen Notlagen aus

 

Andrea Petcovic

Auch Petković sind die Probleme bekannt (Quelle:NAPARAZZI, licensed under CC BY-SA 2.0)

Auch die deutsche Tennisspielerin Andrea Petković sieht einen Hauptgrund für den Erfolg der organisierten Kriminalität im Tennis in den prekären Bedingungen, unter denen der Löwenanteil der Spieler den Sport praktiziere.

 

Natürlich, so die sechsfache WTA-Einzelsiegerin im Interview mit dem ZDF, habe auch sie von Kollegen gehört, dass die Wettmafia an sie herangetreten sei. Deren Vertreter, so Petković, seien „nicht dumm“:

 

Oft würden Spielerinnen und Spieler angesprochen, die auf Gelder angewiesen seien, weil sie es sich aus eigener Kraft nicht leisten könnten, zu Turnieren zu reisen.

 

Doppelmoral der Verbände?

 

Für Interwetten-Vertreter Beier zeigt der Umgang der Verbände mit der Problematik Züge der Doppelmoral: Einerseits finanziere sich der Sport auch maßgeblich durch die Werbegelder der Wettanbieter. Gleichzeitig käme von diesen Einnahmen kaum etwas bei Spielern der unteren Ligen sowie kleineren Turnierveranstaltern an. Erschwerend verweigerten die Verbände das Gespräch mit den Buchmachern.

 

Dem Tennis fehle es an einer Gesamtstrategie, so Beier. Er plädiert im Kampf gegen das Matchfixing für einen gesamtheitlichen Ansatz. Seines Erachtens sollten sich die Verbände mit Spielern, Wettanbietern, Lieferanten der Industrie und Medien an einen Tisch setzen, um ein tragfähiges Konzept für die kommenden Jahre zu entwickeln.

 

Spontane Verbote als Antwort auf Wettskandale seien in jedem Fall nicht mehr als Schnellschüsse und somit die falsche Reaktion auf die aktuellen Herausforderungen.