, 13.01.2021

In Italien beginnt heute der größte Mafia-Prozess seit über 30 Jahren. Wie die italienischen Medien berichten [Seite auf Italienisch], befänden sich insgesamt 325 Beschuldigte auf der Anklagebank. In Kombination würden ihnen 438 Straftaten im Zusammenhang mit der kalabrischen Mafia-Organisation ‘Ndrangheta vorgehalten.

 

Der Prozess, der in einem 3.300 Quadratmeter großen „bunkerähnlichen“ Gerichtssaal stattfinde, sei das Ergebnis jahrelanger Ermittlungen des prominenten Anti-Mafia-Staatsanwalts Nicola Gratteri. Diese hätten im Dezember 2019 in einer Großrazzia gemündet, bei welcher 334 Mitglieder und Unterstützer der kriminellen Organisation verhaftet worden seien.

 

Unter den Angeklagten befänden sich einige aus Politik und Wirtschaft bekannte Gesichter. Darunter der Rechtsanwalt und ehemalige Parlamentarier Giancarlo Pittelli, der Ex-Bürgermeister der Stadt Nicotera, Salvatore Rizzo, der Unternehmer Mario Lo Riggio und der kalabresische „Kokain-König“ Luigi Mancuso.

Die Ermittlungen, die damalige Razzia und der jetzige Prozess werden unter dem Titel „Rinascita Scott“ (zu Dt.: die Wiedergeburt von Scott) geführt. Wie die Tageszeitung La Reppublica erklärt, habe dieser Name eine tiefe Bedeutung. Er sei zu Ehren des 2013 verschollenen US-amerikanischen FBI-Agenten Sieben William Scott gewählt worden, der im Rahmen langjähriger Anti-Mafia-Ermittlungen zwischen Italien und den USA spurlos verschwunden sei.

 

Darüber hinaus solle der Name „Rinascita Scott“ der Region Kalabrien, deren gesamte Wirtschaft heute zu großen Teilen unter der direkten Kontrolle der ‘Ndrangheta stehe, Hoffnung auf eine „Wiedergeburt“ ohne kriminelle Drahtzieher geben.

Die Anzahl der geschädigten Parteien sei auf 224 festgesetzt worden. Insgesamt sollen 913 Personen als Zeugen aussagen. Neben zahlreichen Ermittlern der italienischen Polizeibehörden, der Carabinieri und Guardia di Finanza, sollen auch 58 Ex-Mitglieder der ‘Ndrangheta als Kronzeugen vor den Richter treten.

 

In allen Wirtschaftssektoren aktiv

Laut der italienischen Presse deckten die auf 1.350 Seiten 438 gelisteten Straftaten „das halbe Strafgesetzbuch“ ab. Zu den Anklagepunkten zählten Erpressung, Waffenbesitz, versuchter Mord, Drogenhandel, Raub, Wucher, Geldwäsche, fiktive Überschreibung von Gütern und externe Mitwirkung in mafiöser Vereinigung.

 

Die ‘Ndrangheta habe über die letzten Jahre die gesamte Wirtschaft Kalabriens infiltriert. Der italienische Journalist Lirio Abbate erklärt:

Wir haben es mit einer zunehmend unternehmerischen ‘Ndrangheta zu tun, die sich nicht mehr auf Erpressung und Wucher beschränkt und Unternehmer und Händler mit parasitärer Logik unter Druck setzt. Vielmehr hat sie sich durch direktes Management wirtschaftlicher Aktivitäten etabliert.

Ob illegales Glücksspiel im Rahmen des Prozesses ein Thema ist, präzisieren die italienischen Medien nicht. Wie vergangene Polizeieinsätze und Razzien jedoch aufgezeigt haben, sind die süditalienischen Mafia-Gruppierungen im Glücksspielgeschäft ebenfalls verwurzelt.

 

Während sie vordergründig oft kleine legale Glücksspiel- und Sportwetten-Firmen betreiben, verwalten sie im Hintergrund auch ein gigantisches Netz illegaler Glücksspiele. Ob der nun begonnene Prozess daran etwas ändern wird, bleibt abzuwarten.

 

Bekannt ist aber, dass das illegale Mafia-Glücksspiel den Behörden schon lange ein Dorn im Auge ist. Bislang jedoch haben diese dagegen nur wenig ausrichten können.

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