, March 7, 2019

Die Britin Stacey W. (32) muss sich vor einem Gericht in Leeds verantworten, weil sie umgerechnet rund 116.000 Euro aus dem Spendenfonds ihres krebskranken Sohnes unterschlagen und in Online Casinos verspielt haben soll. Der sechsjährige Toby starb am 12. Januar dieses Jahres an den Folgen eines Hirntumors.

 

Angeklagte bekennt sich schuldig

 

Ursprünglich hatte die Staatsanwaltschaft Stacey W. vorgeworfen, im Zeitraum zwischen Januar 2017 und März 2018 Spendengelder in Höhe von rund 140.000 Pfund Sterling (ca. 163.000 Euro) in Online Casinos unterschlagen und verspielt zu haben.

 

Die 32-Jährige bekannte sich schuldig, korrigierte den fraglichen Betrag aber auf unter 100.000 Pfund Sterling, womit sich die Anklage zufriedengab. Die Anhörung endete nach nur sieben Minuten.

 

Leeds United sorgte für Spendenerfolg

 

Toby Nye, Leeds United

Der Fußballklub Leeds United unterstützte Toby und seine Familie (Quelle:twitter.com/@LUFC)

Bei dem damals vierjährigen Toby aus dem nordenglischen Leeds wurde 2017 ein Neuroblastom im vierten Stadium diagnostiziert. Die 5-Jahres-Überlebensrate liegt bei dieser Form der Krebserkrankung, die fast ausschließlich im Kindesalter auftritt, bei unter 20 %.

 

Da die benötigte Krebstherapie nicht vom staatlichen Gesundheitssystem in Großbritannien abgedeckt wird, veröffentlichte die Familie des Jungen im Juni 2017 einen verzweifelten Spendenaufruf. Im Oktober desselben Jahres schritt auch der lokale Fußballklub Leeds United zur Tat.

 

Mit Unterstützung des prominenten Zweitligisten wurde das Spendenziel von 200.000 Pfund Sterling nicht nur erreicht, sondern sogar deutlich überboten.

 

Der Lieblingsverein des kranken Toby hatte durch seine massive Öffentlichkeitsarbeit vor allem unter den eigenen Fans eine enorme Spendenbereitschaft entfacht.

 

Enttäuschte Hoffnung

 

Im Januar 2018 konnte mit der Therapie begonnen werden und bereits im März folgte die glückliche Nachricht: Tobys Körper war krebsfrei.

Mit sieben bis acht Prozent stellt das Neuroblastom die dritthäufigste bösartige Tumorerkrankung im Kindesalter dar. In Deutschland sind rund 150 Kinder betroffen. Über 90 % der Erkrankungen treten vor dem Schuleintritt auf, über 30 % im ersten Lebensjahr.

 

Im Gegensatz zu anderen Krebsarten sind die Chancen einer Spontanheilung hoch: Im Stadium 4S, das nur im Säuglingsalter auftritt, liegen sie Studien zufolge bei 80 %.

Was zu diesem Zeitpunkt niemand wusste: Stacey W., die als Mutter die Verfügungsgewalt über die Spendengelder besaß, hatte bereits vor Bekanntwerden der Erkrankung ihres Kindes begonnen, Geld in Online Casinos zu verlieren und eine Spielsucht entwickelt.

 

Nun bediente sie sich regelmäßig an dem prall gefüllten Spendenkonto, das für die Behandlung Tobys eingerichtet worden war.

 

Im Herbst 2018 kam dann die niederschmetternde Nachricht: Nachdem Toby über Übelkeit und Kopfschmerzen geklagt hatte, entdeckten die Ärzte einen neuen bösartigen Tumor in seinem Gehirn.

 

Der Junge starb am 12. Januar, nur wenige Tage nach seinem sechsten Geburtstag. Am Tag seiner Beerdigung nahmen auf den Straßen von Leeds Hunderte von Menschen Abschied von ihm.

 

Öffentlichkeit straft Mutter ab

 

Leeds Landkarte

Der Fall ereignete sich im nordenglischen Leeds (Quelle:google maps)

Nach Bekanntwerden der Betrugsvorwürfe war eine Welle der öffentlichen Empörung über Mutter Stacey W. hereingebrochen.

 

Insbesondere über Social Media Plattformen warfen enttäuschte Briten der Frau vor, für den Tod ihres Kindes verantwortlich zu sein, weil sie das zur Behandlung des Tumors benötigte Geld verspielt habe.

 

Ein Verdacht, den ein Sprecher der Polizei von West Yorkshire entkräftete:

 

Das exzessive Spiel seiner Mutter habe keinerlei Einfluss auf die Behandlung des Jungen gehabt, der Betrug stehe nicht in Zusammenhang mit seinem Tod.

 

„Für Toby gespielt“

 

Nach der Anhörung äußerte sich auch Tobys Tante Becky W. zur Sache und warb um Nachsicht für ihre Schwester: Stacey habe vor Beginn der Spendensammlung geglaubt, das dringend für die Behandlung benötigte Geld in Online Casinos gewinnen zu können.

 

Die Angst, ihr Kind zu verlieren, habe sie panisch werden lassen. So sei eine Spielsucht entstanden, in der sie später nur noch versucht habe, die Verluste wieder auszugleichen.

 

Becky W. schloss ihr Statement mit einem Appell an die Öffentlichkeit:

Ich werde meine gesamte Energie meiner Schwester widmen, die sich perfekt um unseren kleinen Jungen gekümmert hat. Sie hat einen Fehler gemacht… niemand von uns ist perfekt! Bitte vergesst nicht, dass sie gerade ihr Kind verloren hat und erlaubt uns, weiterhin zu trauern.

Offizielle Stellen bestätigten, dass das entwendete Geld mittlerweile in voller Höhe von den betreffenden Online Anbietern erstattet wurde. Man plane, den Großteil der Spenden einem ähnlichen lokalen Fall zukommen zu lassen und Großspendern einen Betrag zurückzuüberweisen.

 

Urteil und Strafmaß gegen Stacey W. sollen am 29. März verkündet werden.