, 04.08.2019

Eine Serie der britischen Tageszeitung The Independent (Seite auf Englisch) wagt den Blick hinter die Kulissen des Hochleistungssports und stellt fest: Psychische Probleme im Spitzensport sind weitverbreitet. Eines der größten Risiken liegt Experten zufolge im Online Glücksspiel.

 

Online Glücksspiel als Lückenfüller?

 

In der Serie „The Sporting Mind“ (dt. „Sportsgeist“), widmen sich die Autoren den Herausforderungen, denen sich Spitzensportler abseits ihrer körperlichen Grenzen stellen müssen. In den Fokus gerät dabei auch das Glücksspiel, das laut Experten Sportler jeden Alters und aller Sportarten an den Rand ihrer mentalen Belastbarkeit bringen kann.

Ex-Fußballer Tony Adams

Ex-Fußballer Tony Adams führt heute eine Suchthilfeklinik für Profisportler (Quelle:Jimmy Morrison, licensed under CC BY-Sa 3.0)

Die Professional Football Association (PFA) ist Hauptfinanzier der im Jahr 2000 vom ehemaligen FC-Arsenal-Profi Tony Adams gegründeten Klinik Sporting Chance (Seite auf Englisch) .

 

Das Behandlungszentrum ist auf die Therapie psychische erkrankter Top-Athleten spezialisiert. Laut Adams gab es in den vergangenen Jahren eine deutliche Verschiebung der Hauptproblematik der Patienten vom Alkohol hin zum Wetten und Spielen.

 

Rund 70 Prozent seiner Patienten hätten mit einer Spielsucht-Problematik zu kämpfen.

In Interviews mit den Independent-Journalisten äußern Vertreter britischer Sportverbände große Bedenken in Bezug auf die Auswirkungen des Glücksspiels auf Sportler. Michael Bennett, der Vorsitzende der Professional Football Association (PFA) sieht die Risiken des Glücksspiels für Sportler in Zusammenwirken mehrerer Faktoren.

 

Zum einen locke das niedrigeschwellige Angebot: Nach nur einem Klick zur Bestätigung der Volljährigkeit könne jederzeit und an jedem Ort über mobile Endgeräte am Online Glücksspiel teilgenommen werden.

 

Gerade junge Profisportler verfügten oft über viel Freizeit, die sie nicht zu nutzen wüssten. So trainierten Nachwuchsathleten in ihren Einrichtungen oft bis zum frühen Nachmittag, schliefen dann eine Weile und fragten sich nach dem Aufwachen „Was nun?“. Das Glücksspiel im Internet würde so zum alltäglichen Zeitvertreib.

 

Verspielte Beträge nur Zahlen auf Monitoren

 

Symbolbild Zahlen Computer

Echte Verluste oder nur Zahlen? (Quelle:pixabay.com/geralt)

Doch nicht nur Nachwuchstalente erliegen dem Experten zufolge den Versuchungen des schellen Glücks im Internet. Gerade unter ehemaligen Fußballern sei das Online Glücksspiel weitverbreitet.

 

Nach Ende der Karriere fehle vielen der Kick des realen Spiels. Diese Leerstelle werde oft mit dem Adrenalinrausch im Online Casino gefüllt.

 

Besonders problematisch erweise sich dieser Ansatz bei finanziell gut gestellten (Ex-)Athleten. Der Independent berichtet von einem Spieler, der mit 22 Jahren binnen kurzer Zeit 11.000 GBP im Online Casino verzockte.

 

In der Nachbetrachtung habe die Quintessenz seines Verhaltens darin bestanden, dass er die verspielten Beträge nicht als echt empfunden habe. Er habe das Geld nie in der Hand gehalten, so die Erklärung, sondern lediglich Zahlen auf Bildschirmen gesehen. Dass die Verluste ganz real waren, sei zum damaligen Zeitpunkt nicht bei ihm angekommen.

 

Glücksspiel als Teil der Vereinskultur

 

Auch im britischen Breitensport Cricket steht das Thema Glücksspiel auf der Tagesordnung. Der Verband Professional Cricketers’ Association (PCA) befragte jüngst landesweit 384 Spieler und 32 Trainer. Die Zahlen ergaben ein eindrückliches Bild:

 

  • 76 % der Spieler hielten Glücksspiel für ein Problem in ihrem Sport
  • 78 % hatten das Gefühl, dass entweder sie selbst oder eine ihnen nahestehende Person mehr spielte, als sie sollte
  • 51 % der Spieler waren der Meinung, dass das Glücksspiel zu ihrer Vereinskultur gehöre
  • 15 % der Spieler gaben an, täglich zu spielen
  • 22 % der Spieler gaben an, mindestens einmal wöchentlich zu spielen
  • 42 % der Spieler gaben an, mindestens einmal im Monat zu spielen

 

Dass das Glücksspiel unter Profisportlern so weitverbreitet ist, ist laut des Agenten einer Glücksspielfirma kein Zufall. So beschreibt er, wie Fußballspieler gezielt mit Bonusangeboten angesprochen werden sollen:

Ich erinnere mich, dass bei meiner alten Agentur ein privater Wettanbieter auf mich zukam. Bei den Guthaben, die sie anboten, nur um diese Jungs zu sich locken, sprechen wir von Zehntausenden, von mehreren Zehntausend Pfund. Die ersten Zehntausend waren geschenkt. Solche Sachen. Ich habe diese Angebote nie weitergegeben, weil sie obszön sind. Toxisch. Sehr unverantwortlich.

Tabu und Ventil

 

Während viele Menschen Sport als Ventil zum Abbau von Stress nutzen, stehen Hochleistungsathleten auch hier unter enormem Druck. Das Glücksspiel, gerade im Online Casino, kann hier besonders schnell zum Problem werden, weil es oft dazu dient, anderweitige Bedürfnisse zu befriedigen.

 

Es bleibt zu hoffen, dass die Tabuisierung von Themen wie Stress, Einsamkeit und psychische Probleme im Spitzensport ein Ende findet. Erst dann kann auch die Abhängigkeit von Online Glücksspiel unter Sportlern offen angesprochen und angegangen werden.

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