, 15.10.2021

Die Landesstelle Glücksspielsucht Bayern (LSG) hat am Donnerstag gemeinsam mit der Bayerischen Akademie für Sucht- und Gesundheitsfragen (BAS) eine Basisschulung zum Thema Grundlagen der Glücksspielsucht veranstaltet. Bei dem Online-Event klärten die Referentinnen Corinna Gartner von der LSG und Celine Schulz-Fähnrich von der Caritas Regensburg über die Grundlagen des Glücksspiels und auslösende Faktoren für die Spielsucht auf.

 

Risikopotenzial und Kompetenzanteil

Im ersten Teil der Veranstaltung führte LSG-Referentin Corinna Gartner in die verschiedenen Glücksspielarten ein. Dabei verdeutlichte sie die Bedeutung des Kompetenzanteils am Spiel, der reines Glücksspiel wie Lotterien von Spielarten wie beispielsweise Poker unterscheide.

 

League of Legends

Games wie LoL enthalten auch Glücksspielkomponenten (Bild: Rot Games)

Des Weiteren zeigte Gartner die Schwierigkeit bei der Einstufung des Risikopotenzials von Glücksspielarten auf. So seien auch beim allgemein als unbedenklich eingeschätzten Lotto hohe Ausgaben möglich. Dies könne geschehen, wenn Spieler mit Voll-Systemscheinen Hunderte von Feldern ausfüllten und dabei drei- oder gar vierstellige Beträge investierten.

 

Eine relativ neue Rolle im Bereich der potenziell suchtfördernden Spiele nehme das Gaming ein. Hier seien es kompetenzbasierte Spiele wie League of Legends oder Fifa 22, die mit Glücksspielkomponenten angereichert würden. Studien legten nahe, dass es dank Angeboten wie zufallsbasierten Lootboxen einen moderaten Zusammenhang zwischen Gaming und Glücksspiel gebe.

 

Folgen der Spielsucht

Gartner führte aus, dass die Spielsucht in den meisten Bereichen die klassischen Suchtfaktoren aufweise. Ähnlich wie bei einer Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit würden im Verlauf der Spielsucht immer höhere Einsätze benötigt, um den gewünschten Kick zu erreichen. Neben steigender Toleranz spielten auch Kontrollverlust und emotionale Probleme eine wichtige Rolle bei der Spielsucht.

 

Diese unterscheide von den anderen Süchten vor allem der Drang, finanzielle Gewinne zu machen, bzw. erlittene Verluste auszugleichen. Das Geld als Suchtstoff sei der entscheidende Faktor, der die Spielsucht von anderen Abhängigkeiten unterscheide.

Studien zufolge ist in Deutschland die Tabaksucht am stärksten verbreitet, gefolgt von Alkohol- und Medikamentensucht. Bereits dahinter rangieren laut BZgA Computer- und Spielsucht. Die Behörde schätzt, dass bundesweit rund 229.000 Betroffene ein problematisches und 200.000 ein pathologisches Spielverhalten an den Tag legen.

Welche gravierenden Auswirkungen die Spielsucht nicht nur auf die Psyche haben kann, schilderte Gartner anhand des Verschuldungsgrades von Problemspielern. So hätten zwar 30 % von ihnen keine Schulden, doch 30 % beklagten finanzielle Ausstände von bis zu 10.000 Euro. Weitere 23 % schuldeten bis zu 25.000 und 7 % sogar über 50.000 Euro.

 

Stufen der Spielsucht

Im zweiten Teil der Schulung referierte Celine Schulz-Fähnrich über die Grundlagen der Spielsucht. Die Sozialpädagogin und Suchttherapeutin bestätigte in ihrer Einführung die zuvor von Gartner genannten Motive von Spielsüchtigen. Deren Entwicklung könne in mehrere Stufen unterteilt werden.

 

Auf Stufe 1 nannte Schulz-Fähnrich den Spaßfaktor als wichtigste Motivation. Oftmals stehe ein positives Glücksspielerlebnis am Anfang, beispielsweise erste Gewinne bei Sportwetten oder an Spielautomaten. Zu dieser Zeit werde das Spiel vor allem zur Freizeitgestaltung genutzt. Dabei stehe ein eher risikoarmes Spiel im Mittelpunkt.

 

Stufe 2 zeichne sich durch die kritische Gewöhnung an das Spiel aus. Hier komme es zur gesteigerten Spielintensität, gepaart mit der Wahl risikoreicherer Spielvarianten. Es stehe nicht mehr der Spaß, sondern vielmehr die Kompensation psychischer oder sozialer Konflikte im Vordergrund.

Betroffene seien häufig nicht in der Lage, sich selbst aus dem „Teufelskreis Spielsucht“ zu befreien. Trotzdem vergingen laut Schulz-Fähnrich im Durchschnitt sechs bis sieben Jahre, ehe sich Betroffene in unterschiedlichen Stadien ihrer Krankheit Hilfe suchten.

Spieler verlören auf Stufe 2 mehr als sie gewännen und befänden sich auf einer „Aufholjagd“ zur Minderung ihrer Verluste. Dies gehe einher mit einer reduzierten Kontrolle über das eigene Spielverhalten und dessen Verleugnung sich selbst und anderen gegenüber.

 

Schließlich stehe auf Stufe 3 die manifestierte Spielsucht. Sie zeichne Abstinenzunfähigkeit, weitgehender Kontrollverlust und exzessives Spiel bis zum völligen Geldverlust aus. Neben zunehmender Verschuldung und gesteigerter Kriminalitätsgefahr zur Kompensation der Verluste komme es zu Persönlichkeitsveränderungen, sozialem Abstieg und Vereinsamung.

 

Schwerpunkte der Beratung

Euro Geldscheine

Geld ist der entscheidende Treiber der Spielsucht (Bild: Pixabay)

In der Beratung und Therapie spielten mehrere Elemente eine Rolle. Zum einen gehe es darum, den Betroffenen die Bedeutung des Geldes als Suchtmittel vor Augen zu führen. Schließlich seien die Jagd nach Gewinnen und das Hereinholen von Verlusten bestimmende Einflussfaktoren. Dabei müssten Patienten wieder ein Gefühl für das richtige Management ihrer Finanzen bekommen.

 

Es gehe auch darum, zu vermitteln, dass das Spielen eine echte Suchterkrankung mit entsprechenden biochemischen Prozessen und Verhaltensweisen sei. Um den beim Glücksspiel erlebten emotionalen Kick zu erhalten, sei es hilfreich, alternative Methoden zu entwickeln. Hierzu zählte die Therapeutin Sport oder abwechslungsreiche Aktivitäten wie das Reisen auf.

 

Spielsüchtige müssten sich darüber hinaus klar machen, warum sie überhaupt spielten. Dabei gebe es Unterschiede zwischen Spielerinnen und Spielern. So stehe bei Männern vielfach eine „Hypermaskulinität“ rund um Macht und Dominanz als Auslöser im Vordergrund. Frauen hingegen erlebten das Glücksspiel oftmals als Beziehungs- und Partnerersatz. Auch darauf müssten die Therapeuten im Rahmen der Spielsuchtbehandlung eingehen.

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