Montag, 16. Mai 2022

Spielsucht: Kaum weniger Suchthilfe im Corona-Jahr 2020 in Niedersachsen

Mann mit leerer Flasche Alkohol war der häufigste Grund, die Suchthilfe in Anspruch zu nehmen. (Symbolbild: Pixabay)

Im Corona-Jahr 2020 haben Suchthilfe-Einrichtungen in Niedersachsen mehr als 39.000 Menschen betreut. Dies seien fast so viele wie im Vorjahr 2019, teilte die Niedersächsische Landesstelle für Suchtfragen laut einer dpa-Meldung vom Dienstag mit.

Im Jahr 2019 seien es insgesamt 43.000 Menschen gewesen, die wegen einer Alkohol-, Drogen- oder Glücksspiel-Sucht Hilfe gesucht hätten. Somit sei die Anzahl der von den Suchthilfe-Fachstellen betreuten Personen durchschnittlich von 575 im Jahr 2019 auf 538 im Jahr 2020 gesunken.

Immer wieder haben Suchthilfe-Experten während der Corona-Pandemie darauf hingewiesen, dass Maßnahmen wie Ausgeh-Beschränkungen zu einer erschwerten Betreuungssituation und somit zu einem Anstieg der Spielsucht führen könnten. Es gibt jedoch auch Studien, die von einer gegenteiligen Entwicklung ausgehen. So weist eine Studie aus Italien [Seite auf Englisch] darauf hin, dass Ausgehbeschränkungen sogar zu einem Rückgang des Suchtverhaltens geführt hätten.

Die Forscher unter Leitung der Universität Florenz untersuchten die Auswirkungen des dreimonatigen Lockdowns bei 135 Spielsucht-Patienten. Diese hätten in dieser Zeit entscheidend an Lebensqualität gewonnen. Anders als erwartet, hätten sie das Glücksspiel nicht von terrestrischen Angeboten hin zum Online-Glücksspiel verlagert.

Hohe Dunkelziffer zu erwarten

Bei der Mehrzahl der betreuten Menschen habe es sich um Männer gehandelt. Ihr Anteil habe bei 68 Prozent und somit bei über zwei Dritteln gelegen. Diese Zahlen stimmen auch mit den Ergebnissen des Jahresberichtes der Deutschen Suchthilfestatistik zum Jahr 2020 überein. Diese zeigten, dass es sich bei drei Vierteln aller ambulant betreuten Personen um Männer handele. Der größte Männeranteil sei dabei bei exzessiver Mediennutzung (89 Prozent) festzustellen.

Hauptgrund für die Inanspruchnahme der Suchthilfe in Niedersachsen sei die Alkohol-Abhängigkeit (47 Prozent) gewesen. 20 Prozent der Hilfe-Suchenden habe sich wegen der Abhängigkeit von Cannabinoiden Hilfe gesucht, bei 15 Prozent seien Opioide der Grund gewesen.

Rund 5 Prozent der Abhängigen hätten Spielsucht als Grund genannt. Insgesamt sei laut Tobias Trillmich, Referent für Suchthilfe der Landesstelle, jedoch davon auszugehen, dass es wesentlich mehr Menschen mit einem Suchtproblem gebe:

„Es gibt eine hohe Dunkelziffer an Menschen, die einen riskanten Konsum von Suchtmitteln beziehungsweise ein Suchtverhalten wie Glücksspiel oder exzessive Mediennutzung zeigen. Die weit verbreitete Stigmatisierung einer Suchterkrankung verhindert, dass Betroffene frühzeitig den Kontakt zu der Suchtberatung aufnehmen.“

Wie der Geschäftsführer der Landesstelle Michael Cuypers betonte, sei Sucht jedoch keine „Charakterschwäche“, sondern eine Krankheit. Für die Betroffenen und ihr Umfeld habe sie zum Teil dramatische Folgen.

Damit von Spielsucht und anderen Abhängigkeiten Betroffene auch während Situationen wie der Corona-Pandemie weiter von Suchthilfe-Angeboten erreicht werden können, haben Suchthilfe-Experten in den vergangenen Monaten immer wieder auf die Notwendigkeit digitaler Angebote hingewiesen. Auch die Niedersächsische Landesstelle für Suchtfragen hat diesen Bedarf erkannt und plant laut Jahresprogramm 2022 für dieses Jahr einen Fachtag Digitalisierung, um die Digitalisierung der niedersächsischen Suchthilfe zu fördern.