, 10.12.2018

Am Samstag bestritt der 33-jährige Patricio Manuel seinen ersten Profikampf im kalifornischen Indio und gewann. Das Besondere: Manuel ist der erste Trans-Profiboxer der USA.

 

Boxen: Wann ist ein Mann ein Mann?

 

Wer an den Boxsport denkt, assoziiert nicht notwendigerweise als Allererstes das Schlagwort „Diversity“ (dt. Vielfalt). Vielmehr drängen sich Bilder martialischer Männlichkeit und harter Kämpfe auf.

 

Dass dies keinen Widerspruch bedeuten muss, bewies nun ein Kampf, der einen Meilenstein für Boxsport darstellen kann: Erstmals trat ein Transgender-Boxer bei einem Profikampf in den USA den Ring.

 

Von Patricia zu Patricio

 

Patricio Manuel

Der 33-jährige Profiboxer Patricio Manuel (Quelle:facebook.com/ Patricio “Cacahuate” Manuel)

Als Patricio Manuel an den Qualifikationen für die olympischen Spiele 2012 in London teilnahm, hieß er Patricia und war eine Frau. Eine Schulterverletzung lies die Träume des damals 27-Jährigen platzen und ein anderes Ziel in Angriff nehmen:

 

Im September 2013 begann Manuels Veränderung. Aus der Boxerin Patricia, genannt Pat, wurde Pat, der Boxer Patricio.

 

Dank der Einnahme von Hormonen veränderte sich Patricios Körper binnen weniger Monate massiv: Er legte an Gewicht zu, die Gesichtsbehaarung spross, seine Stimme verlagerte sich um mehrere Oktaven noch unten.

Schätzungen rechnen mit 1:1000 bis zu 1:100.000 Transgendern pro Anzahl der Geburten. Dementsprechend sind zwischen 8 und 792 der im Jahr 2017 in Deutschland zur Welt gekommenen Kinder Transgender.

 

Einer der prominentesten deutschen FtM-Transgender („FtM“- Female to Male = Frau zu Mann) ist Balian Buschbaum, der vor seiner Geschlechtsangleichung als Yvonne Buschbaum große Erfolge im Stabhochsprung verzeichnen konnte.

 

2007 beendete er seine aktive sportliche Karriere und outete sich als Transgender. Es folgten Hormontherapien und angleichende Operationen. Heute arbeitet Buschbaum, der seine Geschichte unter anderem als Autor von Bestsellerbüchern verarbeitete, als Redner und Coach.

Im März des folgenden Jahres begleitete seine Großmutter Manuel, so wie sie zuvor bei seinen Kämpfen am Ring gestanden hatte, nach Salt Lake City: Manuel ließ sich operativ die weiblichen Brüste entfernen und einen männlichen Oberkörper formen.

Von nun an gab es kein Zurück.

 

Schon damals machte er klar, welch großen Anteil das Boxen an seiner Entscheidung zur Geschlechtsumwandlung trug:

Ich bin eine männliche Person, möchte aber nicht unbedingt ein Mann sein. Eigentlich wäre ich gern frei von diesen Beschränkungen, aber da wir in einer Welt leben, in der du entweder männlich oder weiblich sein musst, muss ich übergehen… Ich will in der Lage sein, gegen Männer anzutreten.

Aus dem Gym geworfen

 

Obwohl die Reaktionen seiner engen Umgebung oft wohlwollend, wenn nicht gar bewundernd ausfielen, habe es doch auch schwierige Momente in Bezug auf die Akzeptanz seiner Person und seiner Entscheidungen gegeben.

 

So habe der Direktor eines Fitnessstudios ihn rausgeworfen, nachdem er mitbekommen hatte, dass Patricio transgender ist, der Kontakt zu seinem langjährigen Trainer ist abgebrochen. Im Guten sind sie nicht auseinandergegangen.

 

Patricio/ Patricia Manuel

Patricio als Patricia im Jahr 2011 (Quelle:facebook.com/ Patricio “Cacahuate” Manuel)

Der lange Weg zur Anerkennung

 

Nicht zwingend negativ, wohl aber kompliziert war das Verfahren, nach der Angleichung die Lizenz als Boxer zu erhalten:

Die Boxkommission in Manuels Heimatstaat Kalifornien zögerte lange, sie hatte nie zuvor mit einem ähnlich gelagerten Fall zu tun.

 

Nachdem aber das Internationale Olympische Komitee die Leitlinien zum Umgang mit FtM- Transgendern im Jahr 2016 neuregelte und festschrieb, dass die Sportler ohne Einschränkungen an Wettkämpfen teilnehmen dürfen,

schritt USA Boxing, der Dachverband für Amateurkämpfe, ein.

 

Sie vergab die Lizenz an Manuel.

 

Was, wenn keiner kämpfen will?

 

Was der Verband allerdings nicht tun konnte, war Gegner dazu zu bewegen, gegen Patricio Manuel anzutreten: Ein Kämpfer verließ den Raum, als ihm mitgeteilt wurde, gegen einen Transgender boxen zu sollen, andere erschienen erst gar nicht.

Sie hatten im Vorfeld von Manuels Geschichte erfahren.

 

Eine bittere Erfahrung, wie Manuel zugibt:

Das Härteste an der Angleichung war mitzubekommen, wie angesetzte Kämpfe einfach ausfielen. Vic [mein Trainer] und ich sind zu Shows gegangen und mussten mitansehen, wie Gegner ohne Erklärung verschwanden, nachdem der Kampf offiziell bestätigt wurde.

Premiere mit 30 Jahren

 

Den ersten Kampf als Mann vollzog Patricio Manuel 2016 mit 30 Jahren im Gemeindehaus von South El Monte. Als ältester Sportler des Abends trat er gegen seinen erst 18-Jährigen Kontrahenten an und siegte nach drei Runden.

 

Es war das erste Mal in der Geschichte des US-Boxens, dass ein FtM-Transgender bei einem Kampf in den Ring getreten war.

 

Am vergangenen Samstag schrieb Patricio Manuel nun erneut Geschichte mit seiner Geschichte: Als erster Profiboxer, der lange Zeit in einem Frauenkörper gelebt hatte.

Er besiegte den Mexikaner Hugo Aquilar mit 39-37 nach Punkten in vier Runden.

 

Dieser hatte trotz seiner Niederlage nach dem Kampf nur wohlwollende Worte für Manuel übrig:

Für mich ist es sehr respektabel. Für mich macht es keinen Unterschied: Im Ring will er gewinnen und das will ich auch.