, 02.12.2018

Glücksspiel, das ist das Spiel, dessen Ausgang nicht von Skills oder Taktik, sondern vom Glück abhängt. Es ist aber auch Spiel um das und die Suche nach dem eigenen Glücklichsein. Was passiert mit uns, wenn wir uns dem Traum vom Glück hingeben und warum wird für einige von uns das Spiel zur Sucht?

 

Die Lust auf den Thrill

 

Freier Wille, Psychologie oder biochemische Prozesse? Wie alles, was den Menschen, seine Motive und Taten betrifft, ist auch die Freude am Glücksspiel nicht leicht zu erklären.

Es gibt nicht den einen Grund, warum das Herz schneller schlägt und der Körper kribbelt, während die Spannung steigt, während des Wartens, ob es dieses Mal geklappt hat und Fortuna ein Einsehen mit uns hatte.

 

Ob beim Öffnen von Kirmeslosen, dem Betrachten der rotierenden Roulettekugel, dem Würfeln beim Mensch-ärgere-dich-nicht, dem Vergleich der eigenen Kreuzchen mit den gezogenen Lottozahlen oder dem Warten auf die nächste Karte beim Poker, viele Menschen mögen den Thrill, den das Glücksspiel mit sich bringt.

 

Warum die Freude am Spiel mit Schicksal oder Zufall bei einigen Menschen ausgeprägter ist, als bei anderen, lässt sich pauschal nicht beantworten.

Während der eine am Spielautomaten glänzende Augen bekommt, würde der andere keinen Cent in die blinkende Maschine werfen. Das ist ganz normal und wie bei allen anderen Vorlieben auch: Man hat sie oder eben nicht.

Das Glücksspiel begleitet die Menschheit, seitdem ihr Tun dokumentiert werden kann:

 

Die ältesten bekannten sechsseitigen Würfel stammen aus dem alten Mesopotamien im heutigen China und werden dem 3. Jahrtausend v. Chr. zugeschrieben.

 

Sowohl in antiken Schriften aus Indien als auch in der griechischen Mythologie taucht das Würfelspiel auf, im alten Rom war es, obwohl es unter Strafe stand, in allen Gesellschaftsschichten weit verbreitet.

Es gibt also gute Gründe für den Verdacht, dass der Mensch als solcher einen Hang dazu hat, das Glück herauszufordern. Die große Frage ist die nach dem „Warum?“.

 

Die ständige Suche nach Belohnung

 

Einen Teil der Antwort bieten die beiden Schlüsselbegriffe „Konditionierung“ und „Belohnung“.

 

Wer sich dem Glücksspiel vermehrt hingibt, hat gelernt, dass der Erfolg ihn mit warmer Freude umspült, sein Belohnungszentrum ist in Hochform, der Körper verlangt stetig nach mehr.

 

Grund hierfür sind ausgeschüttete Hormone und Botenstoffe, die uns in einen körpereigenen Rausch versetzen, der dem bei Extremsportarten gleicht.

Das Prinzip ist dasselbe.

 

Adrenalin & Co.: Die körpereigenen Drogen

 

In einer Situation, die sich als riskant darstellt, schüttet unser Körper das Stresshormon Adrenalin aus. Der Stoff, der in der Nebennniere gebildet wird, versetzt den Körper in einen Alarmzustand:

 

Blutdruck und Herzfrequenz steigen, die Aufmerksamkeit wird gesteigert, Pupillen weiten sich, die Speichelproduktion lässt nach.

 

Formel Adrenalin

Das Stresshormon Adrenalin (Quelle:NEUROtiker, public domain)

Während unsere Ahnen aufgrund des Adrenalins in einen Zustand versetzt wurden, der es ihnen ermöglichte, sich einem gefährlichen Kampf zu stellen oder zu flüchten, ist dies heutzutage nur noch selten nötig.

 

Dennoch macht das Adrenalin uns kurzzeitig körperlich und geistig extrem leistungsfähig und stattet uns in Situationen der Anspannung, so auch beim Glücksspiel, mit schier ungeahnten Kräften aus.

 

Hinzukommt das Dopamin, der sogenannte Glücksbotenstoff, der maßgeblich für unseren Tatendrang und die Bereitschaft Risiken einzugehen verantwortlich ist:

 

Ein hoher Dopaminspiegel lässt Menschen zu exzessivem Verhalten neigen, Impulsen wird nachgegangen, Grenzen werden ausgetestet.

 

Perfekt wird der Chemiecocktail durch die Endorphine, die eigentlich als Schmerzmittel von unserer Hirnanhangdrüse produziert werden.

Die Glückshormone werden in Extremsituationen ausgeschüttet und sorgen für ein wahres Hochgefühl. Die Belohnung dafür, eine heikle Situation durchzustehen.

 

Vom Spiel zur Sucht

 

All diese biochemischen Prozesse verlaufen beim Bungee-Jumping ebenso wie beim Glücksspiel.

 

Und sie bergen die gleiche Gefahr: Wer den Kick regelmäßig sucht, überschwemmt sein System mit den körpereigenen Drogen und gewöhnt sich an sie.

 

Sinkt der Spiegel, verlangt es uns nach mehr und auf lange Sicht muss die Dosis stetig erhöht werden.

Der Thrill ist nicht mehr so leicht zu erreichen und der gewünschte Effekt kehrt sich um: Nur wenn wir uns in die Situation begeben, in der die Glückshormone ausgeschüttet werden, sind wir zufrieden, ohne sie antriebslos, unruhig, deprimiert.

 

An diesem Punkt wird aus dem Spiel die Sucht.

 

Fehlfunktionen im Gehirn

 

Warum der Eine aus der Schleife, immer weiterspielen zu wollen, nicht entkommt und der andere einen klaren Cut machen kann, ist bislang nicht ausreichend belegt.

 

Forschungen gehen davon aus, dass es aufgrund der zuvor erwähnten Botenstoffe und Hormone zu Fehlfunktionen im Gehirn kommen kann, die andere Instanzen überlagern.

In Deutschland ist die Glücksspielsucht, das pathologische Spielen, als Krankheit anerkannt.

 

Somit besteht für Betroffene ein rechtlicher Anspruch auf ambulante und stationäre Leistungen, die von den Krankenkassen und Rentenversicherungen getragen werden.

 

Nach den offiziellen Leitlinien ist von einer Spielsucht zu sprechen, wenn mindestens fünf der folgenden Merkmale erfüllt sind:

 

(1)Starke Eingenommenheit vom Glücksspiel (zum Beispiel, wenn die Betroffenen oft und lang darüber nachdenken, wie sie das Geld für das nächste Spiel beschaffen sollen)

 

(2)Steigerung der Einsätze, um die gewünschte Erregung zu erreichen

 

(3)Wiederholte erfolglose Versuche, das Spiel zu kontrollieren, einzuschränken oder aufzugeben

 

(4)Unruhe und Gereiztheit beim Versuch, das Spiel einzuschränken oder aufzugeben

 

(5)Spielen, um Problemen oder negativen Stimmungen zu entkommen

 

(6)Wiederaufnahme des Glücksspiels nach Geldverlusten

 

(7)Lügen gegenüber Dritten, um das Ausmaß der Spielproblematik zu vertuschen

 

(8)Illegale Handlungen zur Finanzierung des Spielens

 

(9)Gefährdung oder Verlust wichtiger Beziehungen, von Arbeitsplatz und Zukunftschancen

 

(10)Hoffnung auf Bereitstellung von Geld durch Dritte

Während beim „normalen“ Spiel irgendwann andere Hirnregionen greifen, die z.B. Kosten und Nutzen des Weiterspielens abwägen, hat bei Spielsüchtigen das Belohnungszentrum komplett die Kontrolle übernommen.

Vernunftbasierte Entscheidungen sind somit schon rein körperlich kaum noch möglich.

 

Ein gesunder Spieler entkommt der sogenannten „Feedbackschleife“ aus eigener Kraft: Nach jedem Gewinn oder Verlust überprüft das Gehirn, ob mehr Befriedigung benötigt wird. Wer in Bezug auf sein Spielverhalten gut aufgestellt ist, hat irgendwann genug.

 

Das krankhafte Spiel hingegen bleibt immer bedürftig:

 

Selbst bei hohen Gewinnen tritt keine Ruhe ein, der erspielte Betrag muss umgehend wiedereingesetzt werden, um erneut in den Kreislauf aus Anspannung und erhofftem Erfolg einzutreten.

 

Im Bann der Trigger

 

Besonders schwer, dem Bedürfnis nach dem schnellen Glück zu entkommen, machen es auch äußere Reize, die direkt auf die Betroffenen einwirken.

 

Spielautomaten

Lichter und Melodien: Die perfekten Trigger an Spielautomaten (Quelle:pixabay.com/Bru-nO, licensed under CC0)

Diese „Trigger“ können bestimmte Töne sein, Lichter oder Gerüche, die den Spieler zum Spiel animieren. Diese sinnlichen Eindrücke aktivieren die Erwartungshaltung des Körpers („Gleich wird es aufregend“), die – koste es, was es wolle – befriedigt werden muss.

 

Nicht umsonst arbeiten u.a. Hersteller von Spielautomaten mit penetranten Melodien, grellen Farben und blinkenden Lichtern.

Haben sich die Reize im Gehirn erstmal mit der Erwartung auf das große Glück und den entsprechenden biochemischen Vorgängen verbunden, wird es dem Spieler extrem schwerfallen, sich von der Maschine zu entfernen, so lang die Trigger auf ihn einwirken.

 

Der Mensch ist konditioniert, wie der „Pawlowsche Hund“, eine „Deprogammierung“ ist ohne Hilfe von außen für den Einzelnen kaum mehr möglich.

 

Spielsucht: Eine Gefahr auf allen Ebenen

 

Das Nicht-Aufhören-Können und die nicht endende Suche nach Befriedigung im Glücksspiel können fatale Folgen haben.

19 Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod wurde der Mörder der damals achtjährigen Johanna Bohnacker im November 2018 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe unter Feststellung der besonderen Schwere der Schuld verurteilt.

 

Der 42-jährige Rick J. gab vor Gericht an, unter einer „üblen Online-Spielsucht“ zu leiden. Binnen sechs Jahren habe er das Erbe der Mutter in Höhe von 130.000 Euro, über das er die Verfügungsgewalt besaß, durchgebracht.

 

Sein gesamter Lebensinhalt habe aus dem Konsum von Drogen und Computerspielen bestanden. Angeblich wollte er sich so in einer Art „Eigentherapie“ von seinen Gewaltphantasien ablenken.

 

Das Gericht folgte seinen Darstellungen nicht, Rick J. wird die Haft vermutlich nie wieder verlassen.

Wie bei allen Süchten sind Menschen in schwierigen persönlichen Situationen besonders gefährdet, die Kontrolle über ihr Spielverhalten zu verlieren.

 

Wer langfristig Trost oder Ablenkung im Glücksspiel sucht oder auf eine Verbesserung seiner finanziellen Verhältnisse hofft, hat meist schon verloren.

 

Nicht selten häufen Betroffene hohe Geldschulden bis hin zur Privatinsolvenz an. Wer kein Geld hat, aber Einsätze braucht, leiht es sich von Familie und Freunden, kann er es nicht zurückzahlen, hinterlässt er verbrannte Erde oder versucht, auf illegalem Weg wieder flüssig zu werden.

 

Verzweifelter Mann

Wer der Spielsucht erliegt, hat schon verloren (Quelle:pixabay.com/geralt, licensed under CC0)

Persönlich haben es Betroffene oft mit Konzentrationsschwierigkeiten, innerer Unruhe, Reizbarkeit und irrationalen Ausbrüchen zu tun. Bei einer Phase des Nichtspielens treten dann Entzugserscheinungen auf, die sich auch körperlich in Schweißausbrüchen und Schlafstörungen manifestieren können.

 

Eine Spielsucht macht nicht nur arm, sie macht auch einsam und krank.

 

Die Dosis und das Gift

 

Übrigbleibt, dass es beim Glücksspiel wie bei allen Dingen im Leben ist: Die Dosis macht das Gift.

 

Es spricht nicht das Geringste dagegen, von Zeit zu Zeit den Thrill zu suchen und seinen Körper mit Endorphinen zu fluten. Das gilt für Sprünge von Felsklippen ebenso wie für den Besuch im Casino.

 

Wer aber das Kribbeln schon spürt, bevor die Entscheidung zum Spiel gefallen ist, ist gut beraten, einen Schritt zurückzutreten und sich selbst zu betrachten: „Wer kontrolliert die Situation? Ich selbst oder mein gieriges Belohnungszentrum?“

 

 

Similar Guides On This Topic