, 22.10.2018

Im April hatte die Untersuchungskommission „Independent Review Panel (IRP)“ einen Zwischenbericht veröffentlicht, in dem sie ein „sehr signifikantes“ Korruptionsproblem im Profitennis hinwies und den Verantwortlichen zur Einstellung des Verkaufs offizieller Live-Daten riet. Nun reagiert der potenzielle Hauptbetroffene des Vorschlags, der Schweizer Datendienstleister Sportradar, mit einer eigenen Auswertung des IRP-Berichts.

 

Ein „Tsunami der Korruption“

 

Die unabhängige britische Untersuchungskommission IRP hatte im April mit der Veröffentlichung eines Zwischenberichts für Aufregung im „weißen Sport“ gesorgt. Insbesondere kleinere Turniere im Herrenbereich seien von einem „Tsunami der Korruption“ erfasst worden, konstatierten die Ermittler und präsentierten einen Maßnahmenkatalog, um der weitverbreiteten Spiel- und Wettmanipulation Herr zu werden.

 

Eine der Hauptforderungen der Ermittler: Die Einstellung des Verkaufs von Live- Daten während laufender Partien und die Beendigung der Zusammenarbeit mit dem Datendienstleister Sportradar. Die Firma sammelt u.a. Echtzeitdaten von Future-Turnieren und verkauft diese an Wettunternehmen weiter.

Sportradar ist ein internationaler Dienstleister für Sportverbände, Sportmedien und die Sportwettenindustrie. Das Unternehmen mit Sitz in der Schweiz erfasst Sportdaten und verarbeitet diese zu digitalen Inhalten.

 

Neben Live- Resultaten, Statistiken und Angeboten für Medienpartner richtet sich Sportradar durch die Marke Betradar gezielt an Wettanbieter und arbeitet mit ca. 450 Buchmachern, wie z.B. Ladbrokes, William Hill und Paddy Power zusammen. Betradar bietet diesen Produkte und Dienstleistungen wie z.B. Trading, Marktüberwachung, Wettquotenvorschläge und Ergebnisservice.

 

Zusätzlich bietet Sportradar Strafverfolgungsbehörden und Sportverbänden Dienstleistungen zur Aufklärung von Wettmanipulation an. Zu den Partner gehören u.a. der DFB, die UEFA und das IOC.

 

IRP: Sportwetten auf niedrigklassige Spiele mitverantwortlich für Manipulationen

 

Für das IRP liegt das Hauptproblem in Bezug auf die Verschiebung von Spielen in den Wetten auf Spiele in niedrigen Klassen. Die hohen Kosten, die von Spielern getragen werden müssten, um auch auf niedriger Ebene an Turnieren teilnehmen zu können, und der Fakt, dass nur etwa 250 bis 350 der weltweit mehr als 14.000 registrierten Tennisprofis kostendeckend spielen könnten, mache die Sportler anfällig, auf Manipulationsangebote einzugehen.

 

Neben einer besseren Betreuung von Spielern, der rigorosen Sperrung von mehrfach auffällig gewordenen Teilnehmern und weiteren Maßnahmen, rät der Bericht des IRP im ersten der 12 Punkte seines Maßnahmenkatalogs dazu, die Zusammenarbeit mit der Schweizer Firma Sportradar aufzukündigen:

Während diese Deals beträchtliche Mittel für den Sport generiert haben, haben sie auch die verfügbaren Märkte für Wetten auf den niedrigsten Ebenen des professionellen Tennis stark erweitert. Die ITF hat die potenziellen nachteiligen Auswirkungen dieser Vereinbarungen vor ihrer Aufnahme nicht angemessen bewertet.

Schon nach Bekanntwerden der Einschätzungen hatte sich Axel Inglot, ein Sprecher des Datendienstleisters, empört gezeigt. Für sein Unternehmen stehe fest, dass eine Beendigung der Vereinbarung zwischen dem Tennisweltverband ITF und den Schweizern nicht nur kontraproduktiv, sondern auch „unrealistisch“, „schwerfällig“ und sogar „potenziell rechtswidrig“ wäre:

Allgemein verfügbare Spielstatistiken können von Wettanbietern trotzdem verwendet werden, das Risiko von Datenbetrug und Geisterspielen wird zunehmen und es wird keine klare vertragliche Grundlage geben an welche die Betreiber gebunden sind. Dies wird mit ziemlicher Sicherheit Schwarzmarktaktivitäten fördern.

Sportradar: „Mangelhafte Daten und Fehlschlüsse“ im IRP-Bericht

 

Nun hat Sportradar nachgelegt- und eine eigene Auswertung des IRP-Berichts veröffentlicht. Das wenig überraschende Ergebnis der Schweizer: Die Untersuchungskommission habe mit vielen ihrer Analysen und Empfehlungen recht, der erste Punkt des Maßnahmenkatalogs (die Beendigung der Zusammenarbeit mit Sportradar) sei aber aufgrund mangelhafter Daten und nachweisbarer Fehlschlüsse nicht zu halten.

 

Court in Wimbledon

Court in Wimbledon: Keine Konsequenzen für Wetten auf Topspiele? (Quelle:Aleksmot, licensed by CC)

Auf der einen Seite kritisiert Sportradar in dem als Antwort auf den Bericht veröffentlichen Dossier (engl.) die Art der Schussfolgerungen. Einerseits hätten Wettdaten und einen Spielerbefragung klar ergeben, dass das höchste Manipulationsrisiko im den Bereichen der ATP Challenger und ATP Tour- Ebene liegen, dessen ungeachtet richteten sich die Empfehlungen der IRP aber ausschließlich auf die Zusammenarbeit von ITF und Sportradar auf niedrigeren Turnierebenen.

 

Andererseits gäbe die Kommission in ihrem Bericht selbst zu, nicht einschätzen zu können, ob die Einstellung des Verkaufs der Live-Daten den gewünschten Effekt in Bezug auf den Kampf gegen Spielmanipulation und Korruption im Tennis bringen könne.

 

Keine belastbaren Daten zu Konsequenzen eines Daten Black-Outs

 

Sportradar_logo

Sportradar analysiert das Gutachten des IRP und macht weitere Vorschläge (Quelle:sportradar.com)

Der Managing Director für Group Operations von Sportradar nimmt dementsprechend kein Blatt vor den Mund, als er die Antwort seines Unternehmens kommentiert. Es habe bisher noch nie einen totalen Daten-Black-Out in einem Sport gegeben, nicht mal als Versuch oder Test.

 

Die Konsequenzen eines solchen Vorgehens wären aller Wahrscheinlichkeit nach schädlich für die Integrität des Tennis, da es die Wetten in den Untergrund verlagern könne. Die Empfehlung des IRP basiere lediglich auf einer unsicheren Vermutung und das Panel setze so seinen Ruf und den des Tennissports im Allgemeinen aufs Spiel.

 

Im Endeffekt verfolge Sportradar das gleiche Ziel wie das IRP und alle involvierten Interessengruppen: Einen sauberen Tennissport. Dementsprechend unterstützt der Dienstleister die angestrebten Maßnahmen der Punkte 2 bis 12 des IRP-Zwischenberichts und fügt weitere Vorschläge hinzu. Hierzu gehört die Einführung einer strengeren Regelung der Datenweitergabe bei Spielen, die aufgrund von Analysen als risikoanfällig gelten.

 

Sportradar setzt auf weitere Maßnahmen

 

Weiterhin setzt sich Sportradar für einen Rat aus Tennisvertretern, Wettanbietern und Sportdatendienstleistern, um gemeinsam gegen Korruption und Wettbetrug vorgehen zu können. Hinzukommt die Forderung nach mehr Echtzeitstreaming, um eine bessere Kontrolle ausüben zu können. Ein weiterer Punkt, auf den die Firma hinweist, ist, dass die Daten aus den Wettgeschäften dabei helfen können, Unregelmäßigkeiten bei Partien schneller und besser analysieren und sanktionieren zu können.

 

Eine „symbiotische Vereinbarung“

 

Das letzte Wort in diesem Kontext ist noch lange nicht gesprochen.

Einen Hinweis darauf, wie die Verantwortlichen im Tennis das Spannungsfeld Daten – Wetten – Spielmanipulation beurteilen, hat bereits im April aber vielleicht David Haggerty, der Präsident der ITF, gegeben. Er sieht in Sportradar einen Verbündeten im Kampf gegen Spielmanipulation, der hilft, Muster in Tenniswetten zu erkennen.

Zudem handele es sich bei dem Abkommen mit dem Dienstleister, dass dem Tennisverband jährlich ca. 14 Millionen an Einnahmen bringt, um eine „symbiotische Vereinbarung“.