, 28.07.2021

Das ZDF hat am Dienstagabend in seiner Doku-Reihe „37 Grad“ die Episode „Verzockt“ ausgestrahlt. Der Filmproduzent Volker Schmidt-Sondermann begleitete mit seinem Team Betroffene, die aus verschiedenen Perspektiven vor der Kamera ihre Geschichte zur Spielsucht erzählen.

 

Der Automat als Freundes- und Beziehungsersatz

Amir berichtet, wie er in 16 Jahren insgesamt eine halbe Million Euro verzockte. Die Spielhalle sei ein Ort gewesen, an dem er seine Sorgen habe vergessen können und nicht über seine Probleme habe nachdenken müssen. Dort habe er sich wie ein König gefühlt.

 

Elenie, eine weitere Protagonistin, erzählt, dass ihr das Spiel als Ersatz für Freunde gedient habe:

Ich habe diese Automaten irgendwann wie Freunde angesehen. Sie lenken einen ab, sie reden nichts, sie stressen einen nicht. Vielleicht machen sie einen auch glücklich.

Volker hingegen habe in den Automaten eine Erfüllung gesehen. Es würden beim Spiel Hormone ausgeschüttet, die ähnlich wie beim Sex seien. Daher habe er auch lange keinerlei sexuellen Kontakt mehr mit seiner Frau gehabt.

Beim Glücksspiel wird der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet, der im Volksmund auch als Glückshormon bezeichnet wird. Wird ein Gewinn erzielt, schüttet der Körper Dopamin aus. Dies kann zum sogenannten „Dopaminrausch“ führen, der sogar messbar ist. So reagiert das Herz etwa mit einer Frequenzbeschleunigung.

 

Diese Reaktion wird bereits ausgelöst, wenn nur ein Gewinn in Aussicht gestellt wird. Auf Gelegenheitsspieler, die ihr Spielverhalten unter Kontrolle haben, könnte sich die Dopamin-Ausschüttung durchaus positiv auswirken. Gewohnheitsspieler gewöhnen sich jedoch an das Glückshormon. Da sie das Glücksgefühl jedoch erleben möchten, spielen sie zwanghaft weiter, was in einem Teufelskreis endet.

Den ersten Kontakt zum Glücksspiel habe Volker im Alter von zehn Jahren gehabt, als er auf einer Autobahnraststätte Geld in einen Automaten eingeworfen habe. Von diesem Augenblick an habe es ihn immer häufiger zu den Spielautomaten gezogen.

Mit 18, als ich mein eigenes Geld verdient habe, fing das so richtig an. Ich bin nicht mit Freunden in die Disco gegangen, […] ich setzte mich lieber vor den Automaten.

Spielsüchtige und ihr Doppelleben

Volker berichtet, dass niemand in seinem Umfeld etwas über seine Spielsucht gewusst habe. 23 Jahre lang habe er fast seinen gesamten Monatslohn, den er als Fliesenleger verdient habe, verspielt. Insgesamt habe es sich um einen Betrag von 300.000 Euro gehandelt.

 

Doch im Jahre 2007 habe es einen Wendepunkt in seinem Leben gegeben. Der Auslöser sei seine damals fünfjährige Tochter gewesen. Nachdem er seine letzten 1.000 Euro verzockt habe, habe er nicht mehr gewusst, wie er den Wocheneinkauf und die Miete habe bezahlen sollen.

 

Als die Tochter dann ein Eis habe essen wollen und Volker ihr diesen Wunsch nicht habe erfüllen können, sei das Doppelleben plötzlich geplatzt, alle Lügengerüste seien auf einmal zusammengebrochen.

 

Er habe dann die Entscheidung fällen müssen, ob er allen ihm nahestehenden Personen über seine Spielsucht erzählen sollte. Er habe auch über Suizid nachgedacht.

Das war meine allerletzte Chance. Und so habe ich dann den Weg in die Beratung gefunden.

Volkers Ehe sei gescheitert und er habe Privatinsolvenz anmelden müssen. Er habe dann einen neuen Weg eingeschlagen, um die Sucht hinter sich zu lassen.

Volker hat die Spielsucht vor 14 Jahren überwunden. Heute bietet er in Schulen, Casinos und Suchtkliniken Informationsveranstaltungen an. Außerdem kümmert er sich ehrenamtlich um Spielsüchtige und deren Angehörige.

Wenn Spielsucht das Leben kostet

Adrian, der vierte Protagonist der Doku, berichtet, dass sich sein 23-jähriger Sohn im Herbst 2020 das Leben genommen habe. Der Vater wolle nun verstehen, warum sein Sohn keinen anderen Ausweg gesehen habe.

 

Adrian berichtete, dass sein Sohn bereits als Kind einen stärkeren Spieltrieb aufgewiesen habe als andere Kinder:

Im Vergleich zu seinen Geschwistern musste er immer gewinnen. Schon bei diesen Spielen auf Jahrmärkten, wo man ein bisschen Geld reinschmeißen kann, die auch für Kinder erlaubt sind, hat er nie ein Ende gefunden.

Als Jugendlicher sei er dann immer in Spielhallen unterwegs gewesen. Irgendwann habe er gemerkt, dass er so nicht weitermachen könne. Doch schließlich habe er die Kontrolle über sein Leben verloren. Der Weg in den Tod sei für den 23-Jährigen einfacher gewesen als sich seiner Sucht zu stellen. Adrian schmerze es vor allem, dass er die Probleme seines Sohnes nicht erkannt habe.

 

In Deutschland gibt es derzeit rund 800 ambulante Beratungsstellen, an die sich von Spielsucht Betroffene oder deren Angehörige wenden können. Allerdings dauert es mitunter Jahre, bis pathologische Spieler zu der Erkenntnis kommen, dass sie in ihrem Leben etwas ändern müssen.

 

Häufig sehen sich die Betroffenen nicht nur mit ihrer Spielsucht konfrontiert, sondern auch mit allen anderen Folgen des exzessiven Spiels wie Verschuldung, zerstörten Beziehungen, Verlust des Arbeitsplatzes oder gar einer kriminellen Karriere.