, 28.10.2018

Am Dienstagnachmittag stellte der HSV in einer Pressekonferenz seinen neuen Coach vor. Hannes Wolf (37) löst Christian Titz ab, der den Hamburger Sportverein 32 Wochen begleitete. Mit dem Personalwechsel folgt der Traditionsverein einer ganz eigenen Tradition: Dem Trainer-Bäumchen-wechsle-Dich.

 

HSV – ein Verein der Rekorde

 

Der HSV ist ein Phänomen: Kein Verein war länger in der höchsten deutschen Spielklasse vertreten als der Nordclub. Bis zum Abstieg in der Saison 2017/18 war das Gründungsmitglied der Bundesliga knapp 55 Jahre ganz vorne mit dabei.

In der ewigen Tabelle steht der HSV auf dem dritten Platz, mit sechs deutschen Meistertiteln, drei DFB-Pokalen und zwei Ligapokalen sind die Hamburger einer der erfolgreichsten Vereine der deutschen Fußballgeschichte. Mit 25 Titeln als Norddeutscher Meister hält der Verein den Rekord der Regionalligen und die 32-fache Teilnahme an Endrunden der Deutschen Meisterschaft ist ebenfalls ungeschlagen.

Weniger rühmlich gestaltet sich der Blick in die Trainerhistorie des Vereins. Der nun eingesetzte Hannes Wolf ist der 18.Coach in nur zehn Jahren. Zum Vergleich: Lokalrivale FC St. Pauli hat in der gleichen Zeit mit acht Coaches gearbeitet.

 

Unter Druck: Zum ersten Mal in der zweiten Liga

 

Der HSV hat zu kämpfen: Nach dem ersten Abstieg seiner Geschichte am 12.Mai dieses Jahres steht der Verein, der auch in den Jahren zuvor den Klassenerhalt nicht selten nur um Haaresbreite schaffte, unter Beobachtung und vor allem Druck.

Am 12.05.2018 wurde die legendäre Stadionuhr im Hamburger Volksparkstadion umgestellt. Die Heimpartie gegen Borussia Mönchengladbach endete 2:1 und besiegelte das Ende des Vereins in der ersten Bundesliga. Exakt 54 Jahre, 261 Tage, 00 Stunden, 36 Minuten und 02 Sekunden war der Verein ununterbrochen in der höchsten deutschen Spielklasse beheimatet.

 

Der Abstieg nach 19.985 Tagen sorgte für Entsetzen bei den Fans. Und die Reaktion einiger für Entsetzen deutschlandweit. Gewaltbereite HSV-Anhänger bereiteten dem Verein schon vor dem Abpfiff einen unwürdigen Abschied aus der Bundesliga:

Pyrotechnik, Raketen, der Versuch, einen Trauerkranz mit weißen Rosen abzulegen, dank rund 500 Hamburger Ultras prägten schwarzer Rauch, schwerbewaffnete Polizisten, Reiter- und Hundestaffeln die Bilder des letzten Spieltages in Hamburger.

 

Den Störern gegenüber stand eine große Mehrheit im Stadion, die diesen für den HSV traurigen Tag friedlich beenden wollten und lautstark gegen die Krawalle protestierte.

Christian Titz: Vom Hoffnungsträger zur Enttäuschung?

 

Dass der HSV bei Druck und ausbleibenden Erfolgen schnell die Personalfrage stellt, ist mittlerweile bekannt. Nun hat es Christian Tietze getroffen, der erst am 13. März den Trainer Bernd Hollerbach ersetzt hatte. Titz war 32 Wochen im Amt, im Mai hatte der HSV seinen Vertrag bis zum 30. Juni 2020 verlängert.

 

Der Grund für das Aus des bei Fans und Spielern beliebten Trainers dürfte in der Bilanz der vergangenen Heimspiele liegen, gegen Bochum, Kiel und Regensburg hatten die Hamburger herbe Niederlagen einstecken müssen und waren ohne Torerfolge geblieben.

 

Noch im September stand Titz mit einer Siegquote von 58,3 % im Vergleich der Trainer des HSV sogar sehr gut da. Eine bessere Bilanz konnte nur Branko Zebec (1978 – 1980) mit 63,5 %, aufweisen.

 

Kurios: Bis zum Auslaufen seines Vertrages im Jahr 2020 steht Titz weiterhin auf der Gehaltsliste des HSV, ebenso wie seine Vorgänger Hollerbach und Gisdol, die noch bis 2019 bezahlt werden. Somit leistet der HSV sich derzeit vier Profitrainer, allein die drei Ehemaligen kommen jährlich zusammen auf rund 2,5 Millionen Euro.

 

 

17 Trainer in zehn Jahren

 

Seit 2008 hat der HSV bereits 17 Trainer verschlissen, einen Höhepunkt des „Bäumchen-wechsle-Dich“ bildete das Jahr 2011, in dem die Hanseaten ihr Glück mit gleich fünf Coaches versuchten.

 

Auf Armin Veh, der von Juli 2010 bis März 2011 für die Geschicke des Vereins zuständig war, folgte Michael Oenning bis zum September. Interimstrainer Rodolfo Cardoso wurde nach drei Wochen von Frank Arnesen abgelöst, der seinen Interimsposten genau sechs Tage, vom 10. bis 16. Oktober, innehatte.

Mit Thorsten Fink ging es für den HSV trainertechnisch wieder bergauf, der gebürtige Dortmunder trainierte die Hamburger für immerhin zwei Jahre, bevor erneut Cardoso für einen Woche übernahm, bis Bert van Marwijk von September 2013 bis Februar 2014 den Ton in der Kabine angab.

 

Bruno Labbadia

Bruno Labbadia trainierte den HSV in den Jahren 2015 und 2016 (Quelle:Frank Schwichtenberg, licensed under CC 3.0)

Im Jahr 2014 versuchten sich dann Mirko Slomka und Josef Zinnbauer im Volksparkstadion, im März 2015 übernahm Profifußball-Direktor Peter Knäbel für eine dreiwöchige Interimszeit. In seinen knapp anderthalb Jahren sicherte Ex-Nationalspieler Bruno Labbadia 2015 den Klassenerhalt in der Relegation, bevor er im September 2016 von Markus Gisdol abgelöst wurde.

 

Mit Bernd Hollerbach versuchten die Hamburger ab Januar 2018 den sich abzeichnenden Fall des Traditionsclub aufzuhalten. Erfolglos: Unter Hollerbach konnte der HSV keinen einzigen Sieg verbuchen. Im Schatten der Saison 17/18 stieg der HSV unter Christian Titz ab.

 

Aufstiegsgarant Wolf?

 

Nun soll es also Hannes Wolf richten. Der fünfte Tabellenplatz der zweiten Bundesliga kann für den ehemaligen Spitzenklub nicht akzeptabel sein. Schließlich hatte man den Fans im Mai den direkten Aufstieg in Aussicht gestellt.

Davon will Wolf am Dienstag aber erstmal nichts wissen:

Nicht über den Aufstieg reden, sondern hart arbeiten.

Ob dies reichen wird und ob der 37-Jährige die längste Amtszeit der vergangenen zehn Jahre (100 Wochen, Thorsten Fink) überbieten kann, wird sich sicher schon bald zeigen.