, 21.02.2019

Rund 2.4 Millionen junge Briten wetten regelmäßig auf Sportereignisse. Eine Werbekampagne soll nun während Partien der Premier League das Bewusstsein für die Gefahren des problematischen Spiels erhöhen. Experten sind skeptisch.

 

UK: Knapp eine halbe Million Spielsüchtiger

 

Laut Angaben der britischen Glücksspielbehörde gibt es in Großbritannien derzeit rund 430.000 Menschen, die die Kontrolle über ihr Spielverhalten verloren haben oder im Begriff sind, eine Spielsucht zu entwickeln. Einen großen Beitrag zur Problematik scheinen Sportwetten zu leisten, die von rund 2.4 Millionen Männern im Alter zwischen 16 und 34 Jahren regelmäßig gesetzt werden.

 

Nun soll die Kampagne „Bet Regret“ (dt. Wett-Reue) der Organisation GambleAware durch eigene Werbespots während der Halbzeitpausen von Premier League-Spielen ein Gegengewicht zu den ausgestrahlten Spots der Buchmacher bilden.

Auch Sportministerin Mims Davies unterstützt den Ansatz:

Diese bahnbrechende Kampagne wird die Leute dazu bewegen, ihre Wettgewohnheiten ernsthaft zu überdenken. Sie wird damit helfen, das Stigma rund um das Thema Spielsucht abzubauen und wird Menschen ermutigen zu sagen, dass sie Hilfe brauchen.  

„Du wirst es bereuen“

 

Wie die Initiatoren ankündigten, wird die neue Kampagne erstmals beim kommenden Sonntagsspiel Manchester United gegen Liverpool im TV ausgerollt, auch am 26. und 27. Februar sollen Bet Regret Spots bei den Premier League Partien Newcastle gegen Burnley und Chelsea gegen Tottenham ausgestrahlt werden.

GambleAware ist eine Initiative, die durch freiwillige Abgaben von britischen Sportwetten Betreibern finanziert wird. Laut eigenen Angaben arbeite man aber völlig unabhängig von der Glücksspielindustrie.

Dem Vernehmen nach ist die Bet Regret Kampagne aufwendig gestaltet und wird unter anderem von den Ex-Fußballern Dean Saunders und Danny Gabbidon sowie dem prominenten Sportmoderator Matt Smith unterstützt.

 

Die rund 30-sekündigen Clips, die die Zuschauer während der Halbzeitpausen zu sehen bekommen, zeigen Alltagssituationen, in denen das Spiel der Protagonisten außer Kontrolle geraten ist und sie in unangenehme Situationen bringt. Die Spots enden jeweils mit dem Hinweis, man werde den Kontrollverlust bereuen:  „You´ll bet regret it“.

 

 

Druck auf Anbieter steigt

 

Nachdem sich die Werbung für Sportwetten Anbieter während der Ausstrahlung der Fußball-Weltmeisterschaft im britischen Fernsehen 2018 auf über 90 Minuten summierte, hatte sich in Großbritannien lautstarker Protest formiert. Organisationen zum Spielerschutz kritisierten die Verantwortlichen, den Sport zur „Normalisierung“ des Glücksspiels zu missbrauchen.

 

Tatsächlich sorgt die Ausstrahlung von Glücksspielwerbung im Fernsehen aber bereits seit langem für Diskussionen im Vereinigten Königreich. Aufgrund des wachsenden gesellschaftlichen und politischen Drucks kündigte der britische Ableger des Pay TV-Anbieters Sky Ende des vergangenen Jahres an, die Sportwetten-Spots ab der Premier League Saison 2019/2020 drastisch zu minimieren:

 

Fernsehkamera Sky Fußball

Der Pay TV Sender Sky wird die Werbung für Sportwetten künftig reduzieren (Quelle:Steindy (talk), licensed under CC BY-SA 3.0)

Statt durchschnittlich vier Werbespots für Buchmacher pro Werbeblock soll in der Halbzeit künftig maximal eine Werbung für Sportwetten über den Bildschirm flimmern.

 

Auch die Remote Gambling Association (RGA), eine Vereinigung von drei der größten britischen Buchmacher Bet365, Ladbrokes und Paddy Power, erklärte sich zu einem Entgegenkommen bereit:

 

So verzichte man künftig auf das Schalten von Werbung während Liveübertragungen von Sportereignissen. Auch in einem noch festzulegenden Zeitrahmen vor und nach den Spielen sollen ab der kommenden Saison keine ihrer Werbungen mehr zu sehen sein.

 

Bet Regret Kampagne nur ein Feigenblatt?

 

Doch auch wenn GambleAware nun mit „Bet Regret“ eigenen Angaben zufolge die größte je dagewesene Kampagne zum sicheren Spiel in Großbritannien ausrollt, bleiben die Kritiker skeptisch. So stellte der Sprecher von Fairer Gambling, Matt Zarb-Cousin klar, mit seiner Einschätzung der Situation erstmal abwarten zu wollen:

Ich freue mich darauf, mir die Kampagne anzusehen und werde sie nach ihrem Erfolg beurteilen. Allerdings wirkt es doch ein bisschen, als wolle man sie als Feigenblatt nutzen, um die Aufrechterhaltung des Status Quo in Bezug auf die Glücksspielwerbung zu rechtfertigen.

Generell, so Fairer Gambling, seien Kampagnen für ein verantwortungsvolles Spiel keineswegs so effektiv wie die Reduzierung von Glücksspielwerbung.

 

Eine Kritik, die GambleAware pariert: Man müsse den Menschen erlauben, selbst eine Wahl zu treffen. Die „Bet Regret“ Clips richteten sich an diejenigen, die sich in ähnlichen Situationen wie den dargestellten befänden und deshalb künftig in Schwierigkeiten geraten könnten.

 

Spielerschützer: Reue sollte nicht verstärkt werden

 

Den Ansatz, an die auf das außer Kontrolle geratene Spiel folgende Reue zu appellieren, hält Liz Richie, Mitbegründerin der Initiative „Gambling with Lives“ für problematisch. Ihr Verein besteht aus Eltern, die auf die Gefahren von Glücksspiel in Bezug auf Suizid aufmerksam machen. Der Fokus liege klar bei den Spielern, die zu einem großen Teil bereits ein problematisches Spielverhalten an den Tag legten.

 

Mache man sich bewusst, dass Spielsucht in hohem Maße auch mit suizidalen Gedanken einhergehe, sei es fatal, Gefühle wie Reue und Selbstanklage bei den Betroffenen mit einer solchen Kampagne zu verstärken. Richie fordert ein Komplettverbot von Glücksspielwerbung im Fernsehen.

 

Inwieweit dem Spielerschutz gedient ist, wenn Buchmacher in einem Werbeblock sowohl eigene Werbung schalten, als auch für die Finanzierung der Kampagne zum verantwortungsvollen Spiel zuständig sind, bleibt abzuwarten. Ein achtsamer Umgang mit dem Thema Spielsucht ist aber, ganz abgesehen von der Motivation der Macher, ein dankenswerter Ansatz.