, 16.07.2021

Neun britische Parlamentarier sollen von Glücksspielfirmen EM-Tickets im Wert von mehreren Tausend Pfund entgegengenommen haben. Dies hat am Donnerstag die Zeitung The Guardian aufgedeckt [Seite auf Englisch]. Angesichts der anstehenden Glücksspiel-Reform werfe die scheinbar enge Verbindung zwischen führenden Politikern und der Lobby der Glücksspielbranche neue Fragen und Zweifel auf.

Im Rahmen der Glücksspiel-Reformen soll das geltende Glücksspielgesetz aus dem Jahr 2005 grundlegend überholt werden. Diskutiert werden unter anderem Einschränkungen im Online-Glücksspiel (z.B. Einsatzlimits), weitere Werbeverbote, höhere verpflichtende Abgaben und andere neue Spielerschutzmaßnahmen.

Sieben der Politiker gehörten der sonst öffentlich Glücksspiel-kritischen konservativen Partei (Conservative Party, auch „Tories“ genannt) an. Die anderen zwei seien Angehörige der Labour Party, der sozialdemokratischen Opposition.

 

Die Parlamentarier hätten keineswegs kostengünstige Tickets für die hinteren Plätze erhalten. Stattdessen seien sie mit kostspieligen VIP-Tickets versorgt worden, nachdem „normale“ Fußballfans keine Chance mehr auf Tickets gehabt hätten.

 

Entain und Gamesys vergaben Tickets im Wert von Tausenden Pfund

Einer der großzügigen Ticket-Spender sei der britische Glücksspielkonzern Entain gewesen. Das Unternehmen, zu dem bekannte Marken wie Ladbrokes, Coral und bwin gehören, habe den Tory-Parlamentariern Esther McVey, Laurence Robertson, Philip Davies sowie dem Labour-Politiker Toby Perkins je ein Ticket für das Spiel zwischen England und Dänemark im Wert von 3.457 Euro zukommen lassen.

 

Der konservative Parlamentarier Scott Benton hingegen habe vom Glücksspielkonzern Gamesys mehrere Tickets für EM, Wimbeldon und Royal Ascot erhalten, deren Gesamtwert sich auf 8.000 GBP summiert habe.

 

Der zu Flutter Entertainment gehörige Buchmacher Power Leisure Bookmakers hingegen habe den Konservativen Mark Tami, Graham Stuart, Stuart Andrew und Ben Bradley je Tickets für das Spiel England gegen Deutschland im Wert von 1.961 GBP spendiert.

 

„Charmeoffensive“ wegen anstehender Glücksspiel-Reform?

Über die EM-Geschenke an die Politiker haben sich britische Fußballfans seit gestern auf Social-Media-Plattformen verärgert gezeigt. Es sei „unfair und unverschämt“, dass Politiker in den Genuss von Gratis-Tickets durch Großkonzerne kämen, während wahre, leidenschaftliche Fans entweder überteuerte oder gar keine Tickets bekämen.

 

Doch auch Spielerschützer reagierten auf die Enthüllung des Guardian. Die Tatsache, dass es sich bei den Spendern um Glücksspiel-Konzerne handle, sei besonders skandalös. Matt Zarb-Cousin von der Spielerschutzorganisation Clean Up Gambling kommentiert:

Während die Regierung die Glücksspielgesetze revidiert, ist es keine Überraschung, dass die Wettindustrie eine Charmeoffensive fährt. Glücklicherweise ist der Großteil der Parlamentarier für die Glücksspiel-Reform, aber die Gesetzgeber sollten es sich zweimal überlegen, ob sie Geschenke einer Industrie annehmen, die den Großteil ihrer Profite durch Personen generiert, die Schäden davontragen.

Von den genannten Politikern seien jedoch einige klare Befürworter der Glücksspielbranche, erklärt Zarb-Cousin. Davies und Robertson beispielsweise sprächen sich immer wieder für die Industrie aus. Gleichzeitig sei bekannt, dass sie nicht zum ersten Mal „Freebies“ von den Anbietern erhalten hätten.

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