, 01.09.2019

In dieser Woche veröffentlichte das British Medical Journal (BMJ) eine Studie finnischer Forscher, die sich den Einsatz des Wirkstoffs Naloxon im Kontext der Spielsucht widmet. Die Erkenntnisse der Wissenschaftler zur medikamentösen Behandlung von Glücksspielabhängigkeit scheinen vielversprechend.

 

Medikament gegen Spielsucht im klinischen Alltag?

 

Trotz der Klassifikation als Krankheit unterzögen sich auffällig wenig Menschen einer Behandlung der Spielsucht, so der Ansatz der Forscher aus Helsinki. Deshalb benötige man dringend effektive, leicht anwendbare und patientenfreundliche Behandlungsformen, die in den klinischen Alltag eingebunden würden.

 

Die nun veröffentlichten Erkenntnisse der Pilotstudie aus dem Jahr 2017 dienen dazu, eine erste Einschätzung zur möglichen medikamentösen Behandlung der Spielsucht mit Naloxon zu gewinnen. Das Augenmerk der Wissenschaftler lag auf Verträglichkeit, Realisierbarkeit und Wirkung der Verabreichung von Naloxon bei Spielsucht.

Bei der Spielsucht handelt es sich, wie unter anderem bei Kauf- und Sexsucht, um eine substanzungebundene Abhängigkeit. Diese sogenannten Verhaltenssüchte weisen hohe neurobiologische und klinische Ähnlichkeiten zu substanzgebundenen Abhängigkeiten auf. So aktiviert das unkontrollierte Spiel dieselben Regionen im Gehirn, die auch beim Konsum von Suchtstoffen stimuliert werden.

 

 chemische Struktur von Naloxon

Die chemische Struktur von Naloxon (Quelle:NEUROtiker, public domain)

 

Der morphinähnliche Wirkstoff Naloxon blockiert Opioid-Rezeptoren und verhindert so die Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin. Der sogenannte „Glücksbotenstoff“ ist maßgeblicher Teil des Belohnungssystem des Gehirns. Es ist unter anderem für eine gesteigerte Risikobereitschaft verantwortlich.

Verschieden hohe Dosierung

 

Die 20 Teilnehmer der Studie, elf Frauen und neun Männer, litten unter einem als pathologisch eingestuften Spielverhalten.

 

Während der Studie wurden sie in zwei Vergleichsgruppen zu je zehn Personen aufgeteilt. Beide Gruppen erhielten den Wirkstoff Naloxon in Form eines Nasensprays, welches sie bei steigendem Suchtdruck eigenverantwortlich anwandten.

 

Vorgabe der Gruppe A war, sich bei Bedarf bis zu viermal täglich einen Pumpstoß zu je 2mg zu verabreichen. Gruppe B war angehalten, bei Bedarf immer jeweils zwei Pumpstöße einzunehmen, ebenfalls bis zu viermal am Tag. Das tägliche Maximum lag somit bei Gruppe A bei 8mg und bei Gruppe B bei 16mg Naloxon.

 

Rückgang von Spieldruck und Depressionen

 

Bei der Auswertung zeigten sich Erfolge:

 

An 73 Prozent der Tage, während derer die Probanden das Medikament einnahmen, gab es keine Berichte über Glücksspiel. Auch die Heftigkeit des erfolgten Spiels habe insgesamt deutlich nachgelassen.

 

Narcan Naloxon Nasenspray

Das potenzielle Medikament gegen Spielsucht wurde per Nasenspray verabreicht (Quelle:flickr.com/Governor Tom Wolf, licensed under CC BY 2.0)

Bei 15 der Teilnehmer verzeichneten die Wissenschaftler im Untersuchungszeitraum einen Rückgang der mit der Spielsucht einhergehenden depressiven Symptome.

 

In der Betrachtung der beiden Vergleichsgruppen zeigte sich, dass Probanden der höher dosierten Gruppe B während der Einnahme des Medikaments eine geringere Wahrscheinlichkeit aufwiesen, erneut zu spielen als die der Gruppe A.

 

Auffällig: Studienteilnehmer der Gruppe A klagten trotz der niedrigeren Dosierung des Medikaments öfter über Naloxon-typische Nebenwirkungen wie Übelkeit, Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit.

 

In der Nachbetrachtung zeigte sich zudem, dass Teilnehmer der Gruppe A im Vorher-Nachher-Vergleich zwar eine Verringerung ihrer Spielhäufigkeit feststellten, gleichzeitig aber einen Anstieg der Ausgaben beim Glücksspiel berichteten.

 

Positives Feedback der Probanden

 

Doch auch bei ihnen, so die Forscher, habe es keine als ernsthaft zu klassifizierenden Schwierigkeiten bei der Einnahme gegeben. Die Einnahme des Wirkstoffs über ein Nasenspray empfanden die Teilnehmer als vorteilhaft, wie eine 29-jährige Probandin im Anschluss zu Protokoll gab:

Ein einfach anzuwendendes Medikament – ich musste niemandem erklären, was für Medikamente ich einnehme, weil es einem normalen Nasenspray ähnelt – und es ist eine einfach zu handhabende psychologische Krücke.

Alle Probanden erklärten nach Abschluss der Studie ihre Bereitschaft, in der Zukunft an einem weiteren Versuch teilzunehmen.

 

Nicht repräsentativ, aber vielversprechend

 

Mit lediglich 20 Teilnehmern war die Anzahl der Probanden zu niedrig für die Einrichtung einer weiteren Vergleichsgruppe, an die man Placebos hätte verabreichen können. Insgesamt sind die Ergebnisse der Forscher derzeit nicht als repräsentativ zu verbuchen.

 

Eine weitere entsprechende Studie mit 130 Teilnehmern läuft auch gegenwärtig in Finnland. Die Veröffentlichung der Auswertung ist für das Frühjahr 2020 geplant.

 

In der Behandlung substanzgebundene Suchterkrankungen hat sich der unterstützende Einsatz von Medikamenten, beispielsweise durch Substitution, bereits etabliert. Bei stoffungebundenen Abhängigkeiten hingegen hält sich, trotz vergleichbarer biochemischer Prozesse, in weiten Kreisen der Gesellschaft die Annahme, das Ende der Sucht hinge allein von der Willenskraft der Betroffenen ab.

 

Die Forschung der finnischen Wissenschaftler könnte dazu beitragen, dieses Vorurteil abzubauen und die ganzheitliche Behandlung der Spielsucht langfristig mithilfe des Wirkstoffs Naloxon zu vereinfachen.