, 09.12.2018

Schon immer wurde es als Vorteil gesehen, wenn eine Mannschaft ein wichtiges Spiel zu Hause im eigenen Stadion austragen konnte und ganze Siege wurden schon nur damit begründet. Doch was ist wirklich dran am Heimvorteil? Unterstützen die Statistiken die These oder handelt es sich bloß um einen hartnäckigen Mythos?

 

Nationalligen punkten mehr in Heimspielen

Die simpelste Antwort auf die Frage, was am Heimvorteil wirklich dran ist, liefert ein Blick auf Fußballtabellen, die nach jeder abgeschlossenen Saison jeweils die Punkte aus Heim- und Auswärtssiegen vergleichen.

 

Betrachtet man beispielsweise die Bundesligasaison 2017/18 und die Premier League Saison 2017/18, fällt auf, dass nicht eine einzige Mannschaft der beiden Ligen mehr Punkte durch Auswärtsspiele eingefahren hat als durch Heimspiele.

 

Während es bei einigen Teams kaum einen Unterschied gibt, ist dieser bei vielen anderen wahrlich nicht zu leugnen. Am wenigsten vom Heimvorteil zu profitieren scheinen die Top Ligisten.

 

FC Bayern München Flagge

FC Bayern München heim- und auswärtsstark (Bild: Wikipedia)

Als gute Beispiele dienen hier der FC Bayern München, der in der letzten Saison 44 Punkte in Heimspielen und 40 Punkte in Auswärtsspielen holte, sowie der englische Spitzenreiter Manchester City, der in beiden Fällen jeweils 50 Punkte erspielte.

 

Man spricht in dem Zusammenhang daher gern von heimstarken und auswärtsstarken Mannschaften. Während also einige wenige Teams in beidem ungefähr gleichstark sind, sind andere deutlich heimstärker, bzw. auswärtsschwächer.

 

Der TSG Hoffenheim beispielsweise erzielte knapp 67 % seiner Gesamtpunktzahl in Heimspielen. Noch erstaunlichere Prozentzahlen liefert jedoch der Premier League Club Arsenal, der 74,6 % seiner Punkte in Heimspielen erlangte.

 

Interessant ist aber auch der teamübergreifende Blick auf die Gesamtanzahl der Punkte aus allen Spielen. In selbiger Bundesligasaison wurden 500 Punkte durch Heimspiele erzielt und nur 336 durch Auswärtsspiele. In der Premier League waren es 618 Heimpunkte vs. 423 Auswärtspunkte.

 

Die Saison 2017/2018 ist dabei keine statistische Ausnahme, denn in der Tat waren die Tendenzen der letzten zehn Jahre für beide Ligen genau gleich. Auch sind dabei in der Mehrzahl dieselben Teams vorwiegend heimstark und entsprechend auswärtsschwach.

 

Die Bundesliga- und Premier League Saison 2018/19 liefern bereits jetzt ähnliche Ergebnisse. Zwar stehen in beiden Ligen noch zahlreiche Spiele an, doch kristallisieren sich erneut Heimvorteile und Heimstärken heraus.

 

Psychologische Erklärungsversuche

Für Statistiker and Sportanalytiker ist der Heimvorteil schon lange ein spannendes Untersuchungsobjekt, dessen genaue Hintergründe und mögliche Erklärungen die Meinungen weit auseinanderdriften lassen.

 

Viele Wissenschaftler sind sich einig, dass der Faktor des „zu Hause“- Seins einen maßgeblichen Einfluss auf die Psyche der Spieler habe. Am psychologischen Institut der britischen Universität Northumbria gingen die Forscher sogar soweit, von einem Revierverhalten zu sprechen.

 

Anlass dafür waren Vergleiche gemessener Testosteronwerte der Spieler unmittelbar vor einem Heim- bzw. einem Auswärtsspiel. Bei Heimspielen seien diese tendenziell höher gewesen, was aus evolutionsbiologischer Perspektive darauf schließen ließe, dass uralte Verteidigungsinstinkte geweckt würden.

 

Bei Heimspielen sind des Weiteren in großer Mehrheit die teameigenen Fans mit im Stadion. Dies ist aus mehrerlei Hinsicht ein interessanter Faktor, dem große Beeinflussung zugesprochen wird.

Evolutionspsychologen sind sich einig, dass es ein Grundbedürfnis jedes psychisch gesunden Menschen ist, die eigene „Gruppe“ zu beeindrucken, um Anerkennung zu gewinnen. Übertragen auf den Fußball steigt dieses Bedürfnis umso mehr an, wenn die Gruppe, in diesem Fall die Fangemeinde, direkt vor Ort ist und zuschaut. Der Druck, eine beeindruckende Leistung zu erbringen steigt somit und könnte tatsächlich zu einer besseren Performance und höheren Gewinnchancen führen.

Sportpsychologen gehen davon aus, dass die reine Anwesenheit aber besonders auch die Stimmung der Fans sich stark auf die mentale Verfassung der Spieler auswirken. Fangesänge und lauter Jubel könnten dabei für große Motivation sorgen und den Spielverlauf maßgeblich beeinflussen.

 

Schiedsrichter von Stimmung beeinflusst?

An der Sporthochschule Köln kamen Sportwissenschaftler sogar zu dem Schluss, dass die Fans mit ihren Reaktionen und Stimmungsausdrücken das Urteilsvermögen der Schiedsrichter beeinflussen könnten.

 

Da man bei zahlreichen Bundesligaspielen die Tendenz beobachtete, dass Auswärtsteams durchschnittlich mehr gelbe und rote Karten entgegennehmen müssen als Heimteams, testete das Forschungsteam eine Gruppe von Schiedsrichtern auf deren Beeinflussbarkeit durch Fans.

 

Den Schiedsrichtern wurden Videoaufnahmen aus Spielen gezeigt, einmal mit Tonspur und einmal ohne. Dort, wo besonders lauter Fanlärm zu hören war, entschieden die Schiedsrichter deutlich schneller, eine Karte zu geben als in denselben Situationen ohne Ton.

Schiedsrichter nehmen daher regelmäßig an mentalen Trainingseinheiten teil, in welchen insbesondere die Konzentrationsfähigkeit gestärkt werden soll. Doch ein perfekter Unparteiischer zu sein, gänzlich ohne Beeinflussung durch emotionsgeladene Fangeräusche, kann eine große Herausforderung sein.

Beim Bau des Heimatstadions von Borussia Mönchengladbach wurde besonders auf Fannähe und die Schallausrichtung des Jubels und der Gesänge geachtet. Die steile Stehplatztribüne befindet sich vor einer Betonwand und unter einem Dach. Diese Bauweise sorgt dafür, dass die Rufe und Gesänge nicht nach draußen dringen und doppelt in Richtung Spielfeld reflektiert werden.

Auch sitzen die Fans in diesem Stadion deutlich tiefer als in anderen Stadien, da das obligatorische 2,50 Meter hohe Geländer zwischen Spielfeld und Fans in einen Graben gesetzt wurde, der das gesamte Spielfeld umrundet. Die Fannähe wird so rein physikalisch erhöht und könnte damit den Heimvorteil fördern.

 

Seit Einführung der VAR lässt sich jedoch ein kleiner Rückgang derartiger beeinflusster Entscheidungen verzeichnen. Erstmals wurde der Videobeweis 1999 in der amerikanischen NFL eingeführt und sorgte für einen unmittelbaren 30 % Rückgang des Heimvorteils. Auch hierzulande lassen sich dank VAR und wegen verbesserter Schiedsrichterausbildungen Rückgänge verzeichnen.

 

Heimvorteil maßlos überschätzt?

Wie bei jeder nicht 100 % bewiesenen Theorie gibt es auch gegenüber dem Heimvorteil einige Kritiker, die mit Gegenbeispielen und Alternativ-Theorien argumentieren.

 

So sind einige Analytiker der Meinung, dass der Heimvorteil gar nicht oder nur in sehr geringem Maße existiere und es viel mehr auf die Stärke der Mannschaft ankäme. Als Beispiele dienen hier internationale Turniere, wo es das sogenannte KO-Spiel „Heimrecht“ im Rückspiel gibt.

 

Das Institut für Statistik der Ludwig-Maximilians-Universität München analysierte dabei über Jahre die Ergebnisse der Champions League. Die Statistiken hätten in dem Zusammenhang gezeigt, dass das Heimrecht keinen Vorteil biete. Sebastian Kaiser, einer der Institutsforscher erklärte dazu:

Mithilfe einer sogenannten logistischen Regression konnten wir zeigen, dass durch Heimrecht im Rückspiel zumindest statistisch gesehen keinerlei Vorteil entsteht. Eine einfache Auszählung der Sieger mit Heimrecht im Rückspiel ergibt zwar ein Ergebnis von 57 Prozent. Dieser scheinbare Vorteil verschwindet aber, wenn man berücksichtigt, dass im Achtelfinale der Champions League immer ein Gruppensieger gegen einen Gruppenzweiten spielt – und das stärkere Team im Rückspiel das Heimrecht hat.

Bei internationalen Turnieren könnte ein etwaiger Heimvorteil also an Bedeutung verlieren, wenn man diesen mit den Stärken der antretenden Teams ins Verhältnis setzt.

 

Und dennoch ließ auch die FIFA eine Statistik erstellen, für die ganze 6.000 internationale Begegnungen analysiert wurden. Das Ergebnis war, dass die Heimteams zu 50 % als Sieger hervorgehen und jeweils nur 25 % unentschieden spielten oder verloren.

 

Auswirkungen auf Wettquoten der Buchmacher

Hobby- Sportanalytiker und Fans, die gern an Sportwetten teilnehmen, sitzen oft stundenlang vor Tabellen und Statistiken, um mögliche Ausgänge besser voraussagen zu können.

 

Doch auch von Seiten der Buchmacher wird rund um die Uhr gerechnet und analysiert, damit stets die aktuell sinnvollsten und logischsten Wettquoten vorliegen. Der Heimvorteil spiegelt sich in den Quoten aller erfolgreichen Wettanbieter klar wieder.

 

Heimteam Auswärtsteam

Wettquoten beachten Heimvorteil (Bild: Flickr)

Spielt ein Team im eigenen Stadion, fallen die Wettquoten mehrheitlich niedriger aus als beim Auswärtsspiel gegen denselben Gegner. Natürlich spielt auch eine Rolle, wie vorherige Begegnungen der jeweiligen Teams abgelaufen sind und welche Mannschaften generell als stärker oder schwächer gelten.

 

Buchmacher wissen aber auch, dass ihre Kunden ebenfalls mehrheitlich an einen Heimvorteil glauben und daher tendenziell häufiger auf Heimsiege als Auswärtssiege setzen. Auch aus diesem Grund unterscheiden sich die Quoten, denn letztendlich möchten Wettanbieter natürlich ebenso wie die Wetter selbst möglichst viel an einem Spiel gewinnen.

 

Sportwetten-Fans werden sicherlich weiter auf den Heimvorteil bauen und wenn man den Statistiken Glauben schenken möchte, lassen sich sicherlich die ein oder anderen Gewinne kassieren.

 

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