, 13.01.2019

Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger (36) outete sich kurz nach seinem Karriereende vor fünf Jahren als schwul. Er ist der einzige namhafte (Ex-)Fußball-Profi, der sich in der Öffentlichkeit zu seiner Homosexualität bekannt hat. Frankfurts Präsident Peter Fischer würde Profis davon abraten, sich öffentlich zu outen.

 

Wie steht es um den Umgang mit Homosexualität im Fußball?

 

„Das Leben ist gut weitergegangen“

 

Wie die Öffentlichkeit auf sein Bekenntnis reagieren würde, war im Januar 2014, als er sich in einem Interview mit der „Zeit“ zu seiner Homosexualität bekannte, nicht abzusehen.

 

Heute zieht Thomas Hitzlsperger ein durchweg positives Fazit:

Ich kann auch mit Freude sagen, dass das Leben sehr gut weitergegangen ist.

Thomas Hitzlsperger

Dass andere Spieler sich nicht geäußert haben, das steht nicht in meiner Macht, das ist nun mal so, wie es ist.

 

Ich glaube trotzdem, dass es viele Fortschritte gegeben hat im Profisport.

 

Es gibt, glaube ich, eine ganz andere Gesprächsebene, auf der wir jetzt sind, wenn wir über das Thema Diskriminierung sprechen und vor allem auch im Hinblick auf sexuelle Vielfalt ist es vielleicht kein so ein Tabu mehr, wie es vor fünf Jahren war.

Thomas Hitzlsperger (Quelle:Dictum Media, licensed under CC BY-SA 3.0)

Aber stimmt das?

 

Das allgemeine gesellschaftliche Klima im Umgang mit Homosexualität mag sich zusehends entspannen und auch im Fußball gibt es immer mehr Kampagnen gegen Diskriminierung und für Respekt und Akzeptanz.

 

Fakt ist aber auch, dass, abgesehen von Hitzlsperger, kein einziger aktiver oder ehemaliger Spieler der ersten oder zweiten Bundesliga offen schwul ist.

Es gibt keine belastbaren Zahlen dazu, wie viele Menschen in Deutschland homosexuell sind.

 

Eine im Jahr 2017 erhobene repräsentative Studie lässt auf einen Anteil von 7,4 % der deutschen Gesamtbevölkerung schließen, die sich selbst als „nicht gänzlich heterosexuell“ beschreiben würden.

 

Folgt man der Statistik, ist von ungefähr 40 schwulen Profis allein unter den 531 Spielern der ersten Bundesliga auszugehen.

 

Homosexualität im Fußball: Gesellschaft einfach nicht reif?

 

Während Hitzlsperger, der den Prozess des Outings durchlaufen hat, ein durchweg positives Fazit zieht und erklärt, dass die Befürchtungen negativer Konsequenzen vermutlich eher den Köpfen einiger als der Realität geschuldet sind, gibt es auch skeptische Stimmen.

 

So erklärt der für seine offene Haltung bekannte Präsident der Eintracht Frankfurt, Peter Fischer, dass er einem schwulen Spieler vermutlich davon abraten würde:

Ich würde heute sagen – und dafür muss man sich einfach schämen und dafür schäme ich mich für die Gesellschaft:

 

Wenn jemand zu mir käme, ein junger Sportler mit 24 oder 25 Jahren, so mitten in seiner Karriere und ob ich ihm das raten würde… und wenn ich dann ganz tief in mich hineinschauen würde, müsste ich im Prinzip auch nein sagen.

Wenn der Spieler es selbst wolle, so Fischer weiter, würde er dessen Weg natürlich unterstützen, „klare Solidarität“ und „klare Kante“ zeigen, proaktiv, aber niemandem dazu raten.

 

Die Zeit dafür sei, so der Funktionär, in unserer Gesellschaft, die ja auch „schlimme Randgruppen“ habe, noch nicht reif dafür.

 

Beispiel Frauenfußball

 

Nadine Angerer

Auch Spitzensportlerin Nadine Angerer steht öffentlich zu ihrer Homosexualität (Quelle:Hullu poro, licensed under CC BY-SA 2.0)

Warum aber ist die Tabuisierung der Homosexualität im Fußball ein anscheinend vornehmlich männlich besetztes Thema?

 

Schaut man sich bei den weiblichen Profis um, sind Trainerin Steffi Jones und Keeperin Nadine Angerer nur zwei von mehreren Beispielen offen lesbischer Sportlerinnen. Auch wenn auch hier nach wie vor Kritik am Umgang des DFB mit Homosexualität herrscht, der Frauenfußball scheint den Männern in diesem Punkt weit voraus.

 

Woran das liegt, kann nur vermutet werden:

 

Das Machobild des kernigen Fußballers scheint für einige keine Homosexualität zuzulassen. Das gilt für Fans ebenso wie für Spieler und Funktionäre.

 

Wer ist jetzt am Zug?

 

Und auch die Wirtschaft in Form von Sponsoren wirkt nur in den seltensten Ausnahmen als verstärkender Faktor, wenn es um die Diversität im Sport geht.  So sieht es jedenfalls Manuela Kay vom Lesbenmagazin L-Mag:

 

Ihrer Meinung nach gäben sich Unternehmen zwar nicht offen homophob, hätten aber stets Ausreden für mangelnde Unterstützung parat. Eigentlich werde es für schädlich gehalten, im Zusammenhang mit Homosexualität genannt zu werden.

 

Mangelnde Unterstützung erkennt auch Marcus Jahnke, Chef des schwulen FC Bayern Fanklubs „QUEERPASS Bayern“ bei seinem Verein. Er vermisst ein klares Bekenntnis des Rekordmeisters gegen Homophobie, Sexismus und Rassismus und konstatiert nüchtern:

Wir glauben, dass das noch sehr lange dauern wird.

Der FC Bayern widerspricht dieser Darstellung und weist darauf hin, sich bereits klar gegen jegliche Form der Diskriminierung positioniert zu haben.

Offenbar wurde dies allerdings nicht mal vom eigenen queeren Fanklub wahrgenommen.

 

Übrig bleibt, dass ein Outing eine zutiefst persönliche Entscheidung ist, die im besten aller Fälle unabhängig von äußerem Druck getroffen werden kann.

Das gilt für Frisöre und Bauarbeiter ebenso wie für Politiker und Profi-Fußballer.

 

Vielleicht haben diejenigen Recht, die sagen, dass die Zeit noch nicht reif ist, für offen schwule Profis im Spitzenfußball. Vielleicht unterstützt diese Haltung aber auch nur diejenigen, die hoffen, dass die Zeit niemals reif sein wird.