, 27.11.2020

Die 32. wissenschaftliche Tagung des Fachverbands Glücksspielsucht e.V. findet gerade in Berlin statt. Am Donnerstag hat der freie Journalist Dietmar Jazbinsek, der sich mit dem Einfluss des Lobbyismus auf die Präventionspolitik auseinandersetzt, einen Vortrag über die Glücksspielwerbung in der Corona-Krise gehalten.

 

Die Corona-Krise ziehe enorme psychosoziale Folgen nach sich. Sorgen um berufliche Existenz, Dauerbelastung des Personals im Gesundheitswesen sowie die Kinderbetreuung im Home-Office verursachten außergewöhnlichen Stress.

 

Gleichzeitig entstehe Langeweile durch die Quarantänemaßnahmen und die Kurzarbeit und den Wegfall gewohnter Freizeitaktivitäten. Dies bilde den idealen Nährboden für Suchterkrankungen.

 

Verlierer der Corona-Krise: Spielhallen und Casinos

Die Verlierer der Krise seien die Spielbanken, Gaststätten mit Geldspielgeräten und Spielhallen. Dies liege nicht nur an dem Lockdown. Es habe sich gezeigt, dass Stammkunden nach Beendigung des Lockdowns nur unwillig zurückgekommen seien, erklärt Jazbinsek:

Ein Automatenspieler mag es einfach nicht, sich mit Namen und Adresse in einer Spielhalle anzumelden, wie es Corona-bedingt gemacht werden muss.

Corona-spezifische Werbung der Online-Glücksspiel-Betreiber

Gewinner der Krise seien hingegen Lotto-Gesellschaften, Online-Casinos und Hersteller von PC-Spielen, die mit Corona-spezifischen Botschaften wie „Stay safe – Stay at Home“ vermehrt für ihre Produkte geworben hätten.

 

Sportwetten-Betreiber hätten ihre Werbung aufgrund der mangelnden Sportveranstaltungen auf ihre Casino-Angebote fokussiert. So habe der Sportwetten-Betreiber Tipico mit der Botschaft „Im Casino ist immer was los“ geworben.

 

Erste Umfragen hätten gezeigt, dass die Menschen einen Anstieg der Glücksspiel-Werbung wahrgenommen hätten.

Es sei eine exorbitante Steigerung des Werbevolumens von 35 % im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen. Vor allem die Unternehmen Megapixel Entertainment, der Anbieter von Hyperino und Wunderino, und Skill on Net, der Betreiber des Online-Casinos DrückGlück, hätten stark in TV-Werbung investiert.

 

Megapixels habe allein im Lockdown-Monat April 2020 knapp 15 Mio. Euro für Werbung ausgegeben. Skill on Net habe für die Platzierung seiner Werbebotschaften im selben Monat knapp 4,8 Mio. Euro bezahlt.

Glücksspiel-Werbung und der Google-Trick

Derzeit sei das Online-Glücksspiel nur im Bundesland Schleswig-Holstein legal. Dennoch werde der Rest der Republik mit Werbebotschaften beschallt, sagt Jazbinsek und führt den sogenannten „Google Trick“ an.

 

Überall werde für Wunderino mit einer de-Domain geworben. Wer sich dort anmelden wolle, erhalte die Nachricht, dass nur Menschen in Schleswig-Holstein dort spielen könnten.

 

Bei Eingabe der Endung .com, die den Spieler zur in Malta lizenzierten Seite führe, sei eine Registrierung unproblematisch. Dies werde von Google so gesteuert, denn bei Eingabe des Wortes „Wunderino“ erscheine als Erstes die Malta-Adresse.

 

Glücksspielwerbung und die Auswirkung auf problematisches Spielverhalten

Basierend auf Ergebnissen des Werbemarktanalysen Research Tools habe die Glücksspielbranche 2010/11 rund 80 Mio. Euro in Werbung investiert, 2019/20 seien es bereits 540 Mio. Euro gewesen.

 

Bei Betrachtung der Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) habe sich die Werbung kaum auf problematisches und pathologisches Spielverhalten ausgewirkt. Vielmehr sei ein leichter Rückgang zu verzeichnen.

 

Allerdings gebe es in Deutschland, anders als im europäischen Ausland, kaum aktuelle Studien zur Wirkung der Werbung auf problematisches Spielverhalten, räumt Jazbinsek ein. Strenge Werberegulierungen in Spanien, Großbritannien, in den Niederlanden und Italien seien das Resultat umfassender Werbewirkungsforschung.

 

Boom der Glücksspiel-Werbung politisch gewollt

In Deutschland hätten sich die Bundesländer auf die Legalisierung der Online-Casinos und der Werbung für Glücksspiel geeinigt. Jazbinsek erklärt, dass der Boom der Glücksspiel-Werbung politisch gewollt sei. So solle die Werbung zur „Kanalisierung des Spieltriebs in legale Bahnen“ beitragen.

 

Jazbinsek sagt, die Öffnung des Online-Glücksspielmarktes sei ein gesellschaftliches Großexperiment mit ungewissem Ausgang. Er unterstreicht zum Schluss die Notwendigkeit einer unabhängigen wissenschaftlichen Begleitforschung zu den gesetzlichen Neuregelungen.