, November 18, 2018

Kein Glücksspiel, kein Alkohol und kein Sex außerhalb der Ehe:Während ihre Altersgenossen in der Schoolie Week alle Grenzen hinter sich lassen, üben sich Hare Krishna Teenager in Australien in Entsagung.

 

Schoolies Week in Surfers Paradise

 

Surfers Paradise

In Surfers Paradise fanden 2018 die 19. Commonwealth Games statt (Quelle:Kgbo, licensed under CC 4.0)

Jedes Jahr Ende November, Anfang Dezember befindet sich das Städtchen Surfers Paradise für eine Woche fest in der Hand feierwütiger junger Menschen. Tausende von Schulabgängern beginnen ihren Start ins Erwachsenenleben mit einem Partymarathon in der kleinen Stadt an der Goldküste, die auch als das „Las Vegas Australiens“ bezeichnet wird.

 

Surfers Paradise bietet trotz seines Namens keine besonders guten Bedingungen zum Surfen, der Wellengang ist verhältnismäßig gering. Dafür lockt das 18.000-Einwohner-Städtchen, in dem die Durchschnittstemperatur im November und Dezember bei knapp 30°C liegt, mit allerlei Vergnügungsangeboten. Neben unzähligen Bars und Pubs öffnen auch etliche Casinos und Casino-Resorts ihre Tore für die ausgelassenen Teenager und Studenten.

 

Entsagung statt Exzess

 

Während ihre Altersgenossen eine Woche lang den Exzess zelebrieren, die Kugel beim Roulette kreisen und viele Hemmungen und Kleidungsstücke fallen lassen, halten sich die sieben Absolventen der Bhaktivedanta Swami Gurukula-Schule von ihnen fern und praktizieren „tapasya“, die Entsagung:

Ein Vaisnava (Gottgeweihter) lebt rein vegetarisch, er verzichtet auf den Genuß von Fleisch, Fisch und Eiern.

 

Er meidet Rauschmittel, neben Drogen und Alkohol auch Kaffee, Tee und Tabak.

 

Glücksspiele und jede Art “frivolen” Sports und Spiel sind verboten.

 

Kein Sex zum Vergnügen. Die sexuelle Betätigung beschränkt sich innerhalb einer Ehe auf die Zeugung von Kindern.

Das, was nach dem genauen Gegenteil dessen klingt (und es wohl auch ist), was ein großer Teil der australischen Jugendlichen dieser Tage in vollen Zügen auslebt, sind die sogenannten vier regulatorischen Prinzipien der Hare Krishna-Bewegung.

 

Die Bhaktivedanta Swami Gurukula-Schule ist eine Lehranstalt, die sich voll und ganz an der Lehre der Glaubensgemeinschaft International Society for Krishna Consciousness (ISKCON) orientiert.

Die Internationale Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein (ISKCON) wurde 1966 von dem indischen Spirituellen A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada ins Leben gerufen.

ISKCON-Gründer Śrï Śrïmad A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupãda

ISKCON-Gründer Śrï Śrïmad A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupãda im Jahr 1974 (Quelle:Christian Jansen, licensed under CC 3.0)

 

In Deutschland gelangte die, auch als Hare-Krishna-Bewegung bezeichnete, Glaubensgemeinschaft insbesondere in den 1970er Jahren in das Bewusstsein einer großen Öffentlichkeit:

 

In deutschen Innenstädten sprachen bei der „Sankirtan“ genannten Straßenmission immer mehr junge Menschen Passanten an, um ihnen gegen Spenden Bücher anzubieten. Das teils aggressive Werben der oft in orangefarbenen Gewändern und rasierten Schädeln auftretenden Hare-Krishnas irritierte die Mehrheitsgesellschaft.

 

Heute wird die Anzahl praktizierender ISKCON-Mitglieder in Deutschland auf rund 400 geschätzt, der Sympathisantenkreis ist aber deutlich größer.

In diesem Jahr verlassen zum ersten Mal sieben junge Menschen die Schule im australischen Eungella mit einem Abschluss, der mit dem deutschen Abitur vergleichbar ist. Einige von ihnen haben ihre gesamte Schulzeit in der einzigen Hare-Krishna-Schule Australiens verbracht. Heute werden hier 125 Kinder und Jugendliche ab dem Grundschulalter unterrichtet.

 

Keine Verbote – nur “richtige Entscheidungen”

 

Hare Krishna Schule Australien

Highschool der Hare Krishna-Schule in Australien (Quelle:www.krishnaschool.nsw.edu.au)

Der Direktor der 1980 von Hare Krishna-Anhängern ins Leben gerufenen Lehranstalt, Victor Machevsky, legt Wert auf die Feststellung, dass seine Absolventen sich freiwillig und aus hehren Motiven von der Feierei der Schoolies Week fernhalten.

 

Die Zwölftklässler seien in der Lage, eigene Entscheidungen zu treffen, ohne sich von dem beeinflussen zu lassen, was andere täten, lässt er wissen. Es gäbe kein Verbot an der Schoolies Week teilzunehmen, doch die Jugendlichen seien durch ihre Erziehung in der Lage, sich vom Gruppendruck freizumachen und die Welt kritisch zu analysieren.

 

So sieht es auch Tulasi Manjari Robson, die die Schule nach 12 Jahren verlässt und vorhat, ihrerseits als Lehrerin zurückzukehren. Sie und ihre Mitschüler vermissen nach eigenen Angaben nichts, wenn sie auf die Teilnahme an wilden Abschlussparties, Alkohol und Glücksspiel verzichten:

Wir wissen, wie man einen Menge Spaß hat. Aber wir sind keine Teenager, die ausgehen und trinken. Wir müssen uns nicht abschießen, um Spaß zu haben.

Australien: Neue Gefahr durch Online-Glücksspiel

 

Sicher ist, dass die Hare-Krishna-Absolventen durch ihre Haltung einer Gefahr entgehen, die sich in letzter Zeit insbesondere in Australien zu etablieren scheint. Während Sportwetten für viele Australier zum Alltag gehören, steigt die Zahl der sogenannten Mikro-Wetten über das Internet kontinuierlich an.

Mikro-Wetten werden kurzfristig und in Echtzeit während laufender Sportereignisse platziert und verlangen ein hohes Maß an Schnelligkeit und Entscheidungsfreude: Wetten wie „Wird dieser Schuss ins Aus gehen?“ lassen den Puls der Spieler in der Höhe schnellen und bringen sie nicht selten dazu, binnen kurzer Zeit viele hohe Wetten zu platzieren.

 

Eine australische Studie (Link auf Englisch) hat hierzu festgestellt, dass nur 5 % der Australier, die sich auf Mikro-Wetten einlassen, Gelegenheitsspieler mit unbedenklichem Verhältnis zum Glücksspiel sind. Der absolut überwiegende Teil besteht aus Menschen mit Spielsuchtproblemen (76 %) und solchen, die auf dem besten Weg sind, ein problematisches Wettverhalten zu entwickeln.

 

Glücksspiel & Co.: Keine Chance auf Vollkommenheit

 

Hare Krishna-Anhängerin

Vollkommenheit durch Entsagung? Hare-Krishna-Anhängerin (Quelle:Gaura, licensed under wikimedia commons)

Tatsächlich lässt die Grundhaltung der ISKCON ein Hinwenden zu solch oft banalen und gegebenenfalls auch riskanten weltlichen Ablenkungen und Möglichkeiten des Zeitvertreibs nicht zu.

 

Das Ziel der Anhänger: Das Entkommen aus einem ewigen Kreislauf von Geburt, Alter, Krankheit und Tod durch absolute Hingabe.

 

In ihrer Philosophie ist es nur ihnen, den Krishna-Dienern vorbehalten, die höchste Vollkommenheit, die höchste Bewusstseinsebene zu erreichen.

 

Dies gelingt nur dem, der neben anderen Vorgaben auch die „vier regulierenden Prinzipien einhält. Auf der Seite eines deutschen ISKCON-Portals heißt es hierzu:

Wer diese Prinzipien nicht einhält, kann schwerlich als Vaisnava (Gottgeweihter, d. Verf.) anerkannt werden. (…) Sie entreißen den Praktikanten aus den Klauen des leidvollen, materiellen Lebens und erleichtern und eröffnen ihm stattdessen den glückverheißenden Weg zurück in das spirituelle Reich des Höchsten Herrn.

Insbesondere auch das Glücksspiel hindere Menschen daran, ein höheres Bewusstsein zu erreichen:

Das Glücksspiel ist nicht nur Willensschwäche, sondern eine alles verzehrende Leidenschaft, die einer Elementargewalt gleichkommt.

 

Religion und Glücksspiel: Not a match made in heaven

 

Mit ihrer rigorosen Ablehnung stehen die Gläubigen der ISKCON im Vergleich der Religionen nicht allein: Das Christentum ver“teufelt“ das Glücksspiel zwar nicht explizit, seine Warnungen vor der Gier im Allgemeinen lassen sich je nach Auslegung aber durchaus als Verbot interpretieren.

Der Islam positioniert sich unmissverständlich und warnt:

Der Teufel will mit Glücksspielen und Alkohol nur Feindschaft und Hass zwischen euch säen. Und euch abhalten vom Gedenken Allahs und vom Gebet.

Damit kann er sich die Hand mit dem Buddhismus reichen, der das Glücksspiel als „Moloch“ bezeichnet und verbietet. Das Judentum hingegen hat klare Regeln für den Umgang mit dem Glücksspiel, unter bestimmten Bedingungen ist es erlaubt.

 

Mit ihrer Entscheidung, sich nicht an der Schoolies Week zu beteiligen, stehen die Absolventen der australischen Hare Krishna-Schule also sicher keinesfalls allein da.

 

So, wie sich auch Anhänger anderer religiöser und spiritueller Strömungen vorsätzlich von allem fernhalten, von dem sie glauben, dass es sie vom vermeintlich rechten Pfad abbringen könnte, sparen sich auch die Jugendlichen der Bhaktivedanta Swami Gurukula-Schule den Besuch von Bars, Casinos und wild ausufernden Parties.

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