, May 13, 2019

Experten schätzen, dass rund 30 Prozent der Einnahmen aus Online Sportwetten in Kenia von Kindern und Jugendlichen stammen. Die Politik schwankt zwischen Aktionismus und Resignation, der Erzbischof von Nyeri spricht von einer „nationalen Geißel“.  Nun beleuchtete ein Team der BBC das Thema und sprach mit Betroffenen.

 

Grassierende Wettsucht unter Minderjährigen

 

Laut einer Studie aus dem Jahr 2017 ist Kenia das Land mit den meisten minderjährigen Spielsüchtigen auf dem afrikanischen Kontinent.

 

Insbesondere Wettlokale und Internetangebote für Sportwetten locken die jungen Spieler, die sich in erster Linie an der Vorhersage von Ergebnissen der englischen Premier League versuchen.

 

Mit oft drastischen Folgen, wie eine Produktion (Seite auf Englisch) der BBC nun aufzeigt:

 

Schulkinder Afrika

Nicht selten wird das benötigte Schulgeld in Wetten investiert (Quelle:pxhere.com, CC0)

Das Glücksspiel habe die Dimension des Freizeitvergnügens meist schon lange verlassen und gelte stattdessen als potentielle Einnahmequelle.

 

Schon Kinder und Jugendliche investierten ihr Schulgeld in der Hoffnung, den richtigen Treffer zu landen.

 

Wer daneben läge, könne die Kosten für die Bildungseinrichtungen nicht mehr aufbringen und gerate schnell in einen gefährlichen Teufelskreis.

 

Abwärtsspirale in Armut und Ausbeutung

 

Die porträtierten Minderjährigen verbrächten ihre Tage statt in der Schule zu Hause oder auf der Straße und verfügten über jede Menge Zeit, die sie wiederum dem Glücksspiel widmeten.

 

Wer nicht zur Schule gehe, habe aber keine Aussicht auf eine Ausbildung. Somit rücke ein Job, mit dem der eigene Unterhalt und der der Familie bestritten werden könne, in weite Ferne.

 

Was bliebe, sei meist nur die Hoffnung, erlittene Verluste durch erneutes Spielen wettzumachen. Erfüllt werde sie allerdings nur selten.

40 Prozent der rund 48 Millionen Einwohner Kenias leben unterhalb der Armutsgrenze.

 

Rund 42 Prozent der Bevölkerung des ostafrikanischen Landes sind jünger als 15 Jahre.

 

Alterspyramide Kenia

Kenia hat einen der niedrigsten Altersdurchschnitte weltweit (Quelle:wikimedia commons, public domain)

 

Mehr als 76 Prozent aller Kenianer zwischen 17 und 35 Jahren scheinen regelmäßig Sportwettenangebote zu nutzen.

 

Mit im Schnitt über 50 US-Dollar im Monat sind die Ausgaben hierfür die höchsten der untersuchten afrikanischen Länder.

Wer nicht kriminell werde, um seine Sucht zu finanzieren, so die interviewten Experten, leihe sich Geld, welches natürlich zurückgezahlt werden müsse. Sei dies nicht möglich, würden die Jugendlichen schnell Opfer von Ausbeutung und sexuellen Übergriffen.

 

Eine „Nation der Spieler“?

 

Für Anthony Muheria, Erzbischof von Nyeri, liegt das Problem klar auf der Hand. Der Mythos vom leicht verdienten Geld untergrabe die gesamte kenianische Gesellschaft:

Wie lange soll unsere Nation als Nation der Spieler bezeichnet werden? Unsere Familien lösen sich auf, weil Eltern ihr ganzes Geld für das Spielen ausgeben. In unseren Städten wird vor allem für Glücksspiel geworben.

 

Unsere Kinder scheinen nur eines gelernt zu haben: wenn sie wetten, werden sie gewinnen…. Doch dies ist nicht der Weg zum Erfolg. Erfolg bedeutet Schweiß, Arbeit und Geschicklichkeit und die Belohnung dafür. (…)

 

Wir dürfen uns nicht von Geldgier versklaven lassen, weil sie ein Virus ist.

Überbordende Werbung

 

Tatsächlich könnte eine Veränderung im Umgang mit der Werbung für Sportwetten Teil der Lösung des grassierenden Glücksspielproblems Kenias sein.

 

Sport Pesa Bandenwerbung

Sport Pesa operiert auch außerhalb Kenias (Quelle:flickr.com/Pete, licensed nder CC BY-SA 2.0)

Denn nicht nur die großen Schnellstraßen werden von überdimensionalen Werbetafeln gesäumt, auch im Sponsoring spielen die Glücksspielanbieter ganz oben mit.

 

Unter anderem wird die kenianische Premier League maßgeblich vom größten Sportwettenanbieter des Landes, Sport Pesa, finanziert.

 

Dem Konzern, der auch in Partnerschaft mit den britischen Premier League Klubs Everton, Southampton und Hull City steht, wird ein jährlicher Gewinn von rund einer Milliarde US-Dollar nachgesagt.

 

Verschärft wird der ständige Werbeeinfluss auch durch Medienberichte, die täglich glückliche Gewinner präsentieren, welche lächelnd ihre Gewinnschecks in die Kamera halten.

 

Die Schattenseiten des Glücksspiels, Armut und Kriminalität, Schicksale bis hin zum Suizid  (Seite auf Englisch), werden hingegen nur selten beleuchtet.

 

Glaube und Lizenzentzug

 

Während Erzbischof Muheria die Gläubigen auffordert zu nutzen, um „vor allem über die Folgen der Geldgier nach(zu)denken, die Kenia zu einer Nation von Spielern, einer Nation von Dieben und einer Nation der Korrupten gemacht hat“, ist auch die kenianische Politik gefragt, wenn es um die Eindämmung der Spielsucht unter Jugendlichen geht.

 

Im April kündigte Innenminister Dr. Fred Matiang’i an, künftig keine neuen Lizenzen für Sportwettenbetreiber zu vergeben und auslaufende nicht mehr zu verlängern. Zudem sollten Konzessionen von Anbietern, die ihrer Steuerpflicht nicht nachgekommen seien, bis zum Begleichen der Ausstände auf Eis gelegt werden.

 

Ob dieser Schritt in Zeiten der allzeit erreichbaren Online Sportwetten die gewünschten Effekte auf den Umgang der kenianischen Jugend mit dem Glücksspiel haben wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist in der sich zuspitzenden Situation hingegen, dass das Nichtstun keine Alternative darstellen kann.

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