, 28.11.2020

Am Donnerstag und Freitag hat in Berlin die 32. wissenschaftliche Tagung des deutschen Fachverbandes Glücksspielsucht e.V stattgefunden. In zehn Vorträgen erhielten Teilnehmer und Zuschauer Einblicke in rechtliche, technologische und wirtschaftliche Aspekte des Glücksspiels in Deutschland. Als roter Faden war das Thema Spielsucht in allen Präsentationen gegenwärtig.

 

Mit besonderem Blick auf das Thema Spielsucht-Behandlung hielt Prof. Dr. Michael Schulz, Gesundheitswissenschaftler und Mitarbeiter am LWL-Klinikum Gütersloh, eine Präsentation mit dem Titel „Das Recovery-Konzept und sein Beitrag zum Verständnis von Genesungsprozessen bei Glücksspielsüchtigen“.

Das Recovery-Konzept (auch Recovery-Modell) beschreibt eine in der Psychiatrie viel diskutierte Theorie zur Genesung von Menschen mit psychischen Störungen und Suchterkrankungen. Im Zentrum der Theorie steht die Unterstützung und Stärkung der Selbstheilungskräfte des Erkrankten. Konkret soll den Betroffenen geholfen werden, Hoffnung, Optimismus und ein Identitätsgefühl zu erlangen. Gleichzeitig steht die Verbundenheit mit anderen Menschen im Fokus des Recovery-Ansatzes.

Recovery: Theorie und Praxis

Laut Schulz könne das Recovery-Konzept einen hilfreichen Ansatz für die Behandlung von Spielsüchtigen darstellen. Die Grundidee sei dabei grundsätzlich nicht weit entfernt vom Konzept der Selbsthilfegruppe. Schulz erklärt, wie die „Recovery“ in der Praxis aussehen könnte:

 

Die Behandlung von Glücksspielsucht nach dem Recovery-Modell wäre „personenorientiert“ und „person-driven“. Zum einen würde das individuelle Genesungspotenzial berücksichtigt, zum anderen würden die Betroffenen befähigt, ihre Interessen durchzusetzen und ihre Lebensverhältnisse selbst zu bestimmen.

 

Der sogenannte Peer-Support wäre dabei von großer Bedeutung. Nicht nur wäre die Vernetzung mit „Gleichgesinnten“, in diesem Fall anderen Spielsüchtigen, hilfreich, sondern auch die Einbindung von Menschen, die bereits als „genesen“ gelten.

 

Diese könnten als „Genesungs-Begleiter“ mit den akut von Spielsucht Betroffenen zusammenarbeiten. Somit würde der Fokus der Therapie von der akuten Diagnose der Spielsucht auf das Genesungs- und Wachstumspotenzial des Betroffenen gelenkt.

 

Austausch und Bildung gegen die Stigmatisierung

In Gütersloh werde das Recovery-Konzept bereits gezielt erprobt. Schulz und sein Team betrieben dort ein sogenanntes „Recovery-College“. Ziel sei es, daraus eine Art „Akademie für seelische Gesundheit“ zu machen.

 

Ähnliches gebe es bereits seit vielen Jahren in England und in den Niederlanden. Es handle sich um Bildungseinrichtungen, in denen Menschen zusammenkämen, um sich über Gesundheit, Genesung und auch Prävention auszutauschen. Das Teilen persönlicher Geschichten und Erfahrungen stehe dabei im Mittelpunkt. Das Motto laute dabei:

Schäm dich nicht für deine Geschichte, sie kann andere inspirieren.

Anders als der Begriff „Selbsthilfegruppe“ habe der Name Akademie noch einen großen Vorteil: er entstigmatisiere das Problem der Spielsucht.

 

In den Akademien könnten Spielsucht-Experten sowie Menschen mit persönlicher Suchterfahrung gemeinsam Lehrangebote bereitstellen. Statt zu einem „Therapeuten“ zu gehen, begegneten die Erkrankten „Coaches“ und „Tutoren“.

 

Schulz betonte jedoch, dass eine derartige Form der Therapie keinen Ersatz für die traditionelle Diagnostik und Therapie darstelle, sondern lediglich einen alternativen und zusätzlichen Ansatz präsentiere.