, 06.07.2020

Der insolvente Finanzdienstleister Wirecard soll bereits wesentlich länger als bisher angenommen Verluste eingefahren haben. Dies hat die britische Zeitung Financial Times am Sonntag berichtet. Zu den Kunden des Zahlungsdienstleistungsunternehmens gehören viele Online-Glücksspielanbieter.

 

Ende Juni berichteten die Medien, Wirecard habe einen Antrag auf die Eröffnung des Insolvenzverfahrens gestellt. Zuvor habe die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY aufgedeckt, dass das Unternehmen Kontoguthaben in Höhe von 1,9 Mrd. Euro vorgetäuscht habe.

 

Wirecard macht seit Jahren Verluste

 

Die Financial Times habe nach eigenen Angaben nun Einblick in vertrauliche Teile des KPMG-Prüfberichtes erhalten, die zu neuen Erkenntnissen führten.

Im April übergab die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG Wirecard ihren Prüfbericht zu den Bilanzen des Unternehmens. Statt die Vorwürfe möglicher Bilanzmanipulationen auszuräumen, sorgte der Bericht vielmehr für zunehmende Zweifel an der Transparenz und den Geschäftspraktiken von Wirecard. So habe KPMG unter anderem berichtet, dass zu Umsätzen aus Drittpartnergeschäften zwischen 2016 und 2018 keine Aussagen erfolgen könnten. Vielfach wurde auch die mangelnde Zusammenarbeit von Wirecard mit den Wirtschaftsprüfern bemängelt.

Der Bericht zeige, dass Wirecard in seinem Kerngeschäft in Europa und Amerika bereits seit Jahren rote Zahlen schreibe. Während Wirecard seinen Investoren noch im vergangenen Jahr fünffache Profite für das Jahr 2025 voraussagte, habe der Finanzdienstleister Verluste mutmaßlich mit Luftbuchungen kaschiert.

 

Als Wirecard im Jahr 2018 in den Dax aufstieg und die Börsenbewertung 24 Mrd. Euro überstieg, hätten die Geschäfte unter direkter Kontrolle des Unternehmens 74 Mio. Euro Verlust gemacht. Im Vorjahr sollen die Verluste bei 3 Mio. Euro gelegen haben. Wirecard selbst habe bisher keine Stellungnahme hierzu abgegeben.

 

Angesichts der jüngsten Enthüllungen ist fraglich, ob sich für den Erwerb der Wirecard AG tatsächlich Interessenten finden werden. Noch am 30. Juni hatte Insolvenzverwalter Dr. Michael Jaffé gemeldet:

Es hat sich bereits eine Vielzahl von Investoren aus aller Welt gemeldet, die Interesse am Erwerb des Kerngeschäfts beziehungsweise der davon unabhängigen und eigenständig erfolgreich am Markt agierenden Geschäftsbereiche haben.

Entscheidend für die Zukunft von Wirecard dürfte nun sein, welche Erkenntnisse die vom Insolvenzverwalter angekündigte „Aufklärung der Krisenursachen“ und die Auswertung des Datenmaterials hervorbringen wird.

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