, 26.12.2018

Ein niemals endender Sommer, wie märchenhaft. Eine nicht enden wollende Sommermärchen-Affäre? Ein Problem für deutsche Fußballfunktionäre.

Auch 2018 beschäftigten die Umstände der Vergabe der Fußballweltmeisterschaft von 2006 Behörden und Recherchenetzwerke.

 

Fanmeile WM 2006

Gute Stimmung auf den Fanmeilen bei der WM 2006 (Quelle:Alexander Hüsing, licensed under CC BY 2.0)

Eigentlich hätte alles so schön sein können: Begeisterte Fußballfans, beste Stimmung, das Bild eines fröhlichen offenen Deutschlands, wie es die Welt nur selten gesehen hatte. „Die Welt zu Gast bei Freunden“ lautete das Motto der Fußball-WM, die 2006 in Deutschland ausgetragen wurde.

 

Dass heute, 12 Jahre nach dem Rausch, mancherorts Katerstimmung herrschen würde, war damals nicht abzusehen. Erste Hinweise verdichteten sich mit der Veröffentlichung interner Dokumente des Weltfußballs durch die Plattform Footballleaks im Jahr 2015.

 

Der schlimme Verdacht:

 

Bei der Bestimmung Deutschlands zum Austragungsort der 18. Fußballweltmeisterschaft sei es nicht mit rechten Dingen zugegangen.

 

Im Zentrum: Nebulöse Geldflüsse und die Créme de la Créme der deutschen Fußballfunktionäre. Eine Chronik.

 

Die Agenda der schwarzen WM-Kasse

 

März 2018: Die Staatsanwaltschaft Frankfurt findet auf dem Laptop des ehemaligen Vizepräsidenten des Organisationskomitees der WM 2006, Horst R. Schmidt, eine Datei mit dem Namen „Agenda der schwarzen WM-Kasse“.

 

DFB Logo

Eine Agenda der schwarzen Kassen bei DFB-Verantwortlichen? (Quelle:Deutscher Fußball-Bund/Marsupilami, public domain)

Was wie ein schlechter Scherz klingt, ist brisant. Der Verfasser des Dokuments ist sich zwei Jahre nach Vergabe der WM an Deutschland sicher, dass Schmiergelder geflossen sind.

 

Zufällig deckt sich dieser Ansatz mit den Erkenntnissen von Ermittlern, nach denen im entsprechenden Zeitraum rund 7 Millionen Euro an den – mittlerweile wegen Korruption von der FIFA lebenslang gesperrten – damaligen Fußballfunktionär Bin Hammam aus Katar flossen. Mutmaßlich Geld des DFB.

 

Funktionär Schmidt weist den Verdacht, Urheber des Dokuments zu sein, öffentlich von sich, der DFB und sein Präsident Reinhardt Grindel bestehen auf der Feststellung, dass die Datei sowieso keine Tatsachenbehauptungen enthalte und somit auch nicht von Relevanz sei.

 

Steuerhinterziehung? Die Sache geht vor Gericht

 

Mai 2018: Die Staatsanwaltschaft Frankfurt erhebt auf 244 Seiten Anklage gegen die früheren Funktionäre Niersbach, Schmidt und Zwanziger. Der Vorwurf lautet auf schwere Steuerhinterziehung.

 

Hintergrund ist eine als Betriebsausgabe deklarierte Zahlung des DFB aus dem Jahr 2005: 6,7 Millionen Euro überwies der Deutschen Fußballbund an die FIFA. Angeblich als Beitrag für eine geplante Fußballgala.

 

Dass diese Gala nie stattfand und die FIFA den Betrag noch am selben Tag an den früheren Adidas-Chef Louis-Dreyfus weiterleitete, bedarf eines weiteren Blicks in Transaktionen rund um die Vergabe der WM.

 

Ermittlungen auch in der Schweiz

 

Diesen warfen unter anderem auch Schweizer Behörden in die Akten und leiteten, ebenfalls im Mai, ein Ermittlungsverfahren gegen die drei bereits Genannten sowie Franz Beckenbauer ein. Wieder im Fokus: Zahlungsflüsse aus nicht näher geklärten Gründen.

 

Franz Beckenbauer

Die Schweiz untersucht auch die Rolle Beckenbauers in der Sommermärchen-Affäre (Quelle:Ralf Roletschek, licensed under CC BY-SA 3.0)

Konkret geht es um sechs Millionen Schweizer Franken, die von einem Konto Beckenbauers und seines Managers im Jahr 2002 auf das Konto einer Schweizer Kanzlei überwiesen wurden, die denselben Betrag im Anschluss gestaffelt auf ein Firmenkonto in Katar transferierte.

 

Wenige Tage später überwies besagter Louis-Dreyfus zehn Millionen auf das Konto einer weiteren Kanzlei, die daraufhin sechs Millionen an Beckenbauer und vier ebenfalls nach Katar überwies.

 

Mit dem Geld, dass der DFB über die FIFA drei Jahre später Funktionär Dreyfuß zukommen ließ, könnte sich der Kreis eines im Stillen gewährten und nach außen verschleierten Kredits schließen.

 

Die Preisfrage aber lautet:

 

Was wäre der Hintergrund für aus Deutschland nach Katar geflossene Millionenbeträge?

 

In den angestrengten Verfahren müsste sie, um die Tatvorwürfe entweder zu erhärten oder zu entkräften, geklärt werden.

Der Unternehmer Mohamed bin Hamman gilt als enger Vertrauter des Emirs von Katar und hat sich in den vergangenen Jahrzehnten einen Namen als Sportfunktionär gemacht.

 

Der heute 69-Jährige führte sowohl den Volleyball- als auch den Tischtennisverband Katars und wurde 1992 Präsident des Fußballverbandes des Landes.

 

1996 wurde bin Hammam Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees, welches u.a. für die Vergabe der Fußballweltmeisterschaften zuständig ist. 2002 sicherte er sich das Amt des Präsidenten der asiatischen Fußball-Konföderation (AFC).

 

2011 folgte der Absturz: Bin Hammam wurde wegen Bestechung vom Amt des AFC-Vorsitzenden suspendiert, seine Bewerbung zog um das Amt des FIFA-Präsidenten zog er in diesem Kontext zurück.

 

Im Dezember 2012 erließ die FIFA gegen bin Hammam einen lebenslange Sperre wegen Korruption.

Mohamed bin Hamam

Zahlte der DFB über Umwege Millionen an Mohamed bin Hamam? (Quelle:Kolocheirani, liecnsed under CC BY-SA 3.0)

Insbesondere die Rolle des Empfängers, des ehemaligen FIFA-Exekutivmitglieds Mohamed bin Hammam müsste unter die Lupe genommen werden.

 

Der Unternehmer aus Katar verfügte über beste Kontakte zu Stimmberechtigten im Kontext der WM-Vergabe und wurde später wegen Korruption lebenslang vom Fußballweltverband gesperrt.

 

Die Wahrscheinlichkeit, dass es in Deutschland zu einem solchen Verfahren kommen wird, verringerte sich, als die Anwälte der Ex-Topmanager Niersbach, Schmidt und Zwanziger im September 2018 eine Zurückweisung der Klage der Staatsanwaltschaft Frankfurt forderten.

 

„Kein hinreichender Tatverdacht“

 

Mit der Entscheidung des Landgerichts vom Oktober 2018 ging die Wahrscheinlichkeit dann gen Null: Die Richter folgten der Einschätzung der DFB-Juristen und sahen keinen hinreichenden Tatverdacht gegen die Funktionäre. Sollte das Geld tatsächlich über Umwege an Beckenbauer geflossen sein, handele es sich durchaus um die deklarierte Betriebsausgabe, eine schwere Steuerhinterziehung läge nicht vor.

 

Die Staatsanwaltschaft legte hieraufhin Beschwerde gegen die Abweisung der Klage ein. Nun muss das Oberlandesgericht in Frankfurt den Fall erneut prüfen. Mit einer Entscheidung wird im Frühjahr 2019 gerechnet.

 

Fazit: Die Aufarbeitung der Vorgänge rund um die WM 2006 gestaltet sich zäh, wofür nicht zuletzt das beharrliche Schweigen der Hauptakteure Rechnung trägt.

 

Das Sommermärchen ist heute, 12 Jahre nach seiner Aufführung, nur mehr die Sommermärchen-Affäre und trägt einen bitteren Beigeschmack.

 

Ob dieser im kommenden Jahr neutralisiert werden kann und womöglich doch noch Licht ins Halbdunkel kommt, wird sich zeigen.