, December 16, 2018

In Deutschland gelten rund 100.000 Menschen zwischen 56 und 70 Jahren als spielsüchtig, Experten gehen von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus. Wie kommt es zu Spielsucht im Alter und wie gehen Betroffene und Gesellschaft mit dieser Thematik um?

 

Motiv Spielsucht: Raubüberfall mit 81 Jahren

 

Wer jung und männlich ist, hat statistisch gesehen das größte Risiko, ein problematisches Spielverhalten zu entwickeln, doch dass Spielsucht nicht nur ein Thema der Jugend ist, zeigt ein aktueller Fall:

 

Ein 81-jähriger Mann stand in der vergangenen Woche vor Gericht, weil er einen Raubüberfall auf eine Tankstelle begangen hatte. Hintergrund war sein problematisches Spielverhalten: Die Rente hatte nicht zur Finanzierung der Sucht gereicht.

 

Der Rentner Karl S. blickt auf eine lange Spielsucht-Karriere zurück. Über 35 Jahre soll der Mann, der als Ingenieur ein bürgerliches Leben lebte, sein Geld in Casinos verspielt haben, immer in der Hoffnung, irgendwann ein System zu finden, das alle Verluste wieder wettmachen würde.

 

Hände Senior

Ein 81-Jähriger überfiel eine Tankstelle, um seine Spielsucht zu finanzieren (Quelle:pixabay.com/stevepb, licensed under CC0)

Vergeblich: Nachdem er erneut seine Rente von 1.200 Euro verspielt hatte, drohte seine Lebensgefährtin, ihn vor die Tür zu setzen, sollte er noch einmal zocken.

 

Auf den folgenden erneuten Absturz reagierte er mit der ersten Straftat seines Lebens. Um an Geld zu kommen, entschied der Hildesheimer, eine Tankstelle zu überfallen:

 

Unmaskiert und mit einer Holzfeile bewaffnet bedrohte Karl S. die Kassiererin und erbeutete einen Betrag von 695 Euro.

 

Der Senior wurde bald gefasst, die Öffentlichkeitsfahndung mit Bildern der Überwachungskamera, die ihn gut erkennbar zeigten, führte schnell zum Erfolg: Karl S. stellte sich der Polizei.

 

Spielsucht im Alter: Eine stille Tragödie

 

Die Geschichte des Rentners S. ist ein Extrembeispiel, weist aber auf ein Problem hin, das gesellschaftlich nur wenig Beachtung erfährt.

 

Gerade bei Senioren wird eine Spielsucht oft über lange Zeit nicht erkannt. Mehr als die Durchschnittsgesellschaft sind alte Menschen von Einsamkeit betroffen, die soziale Kontrolle fängt nicht mehr.

 

Dies begünstigt zum einen das Risiko, einer Spielsucht im Alter zu verfallen, sorgt zum anderen aber auch dafür, dass das Leid der Betroffenen oft unerkannt bleibt.

Spielsucht ist eine anerkannte Krankheit, die sich nicht nur auf psychischer, sondern auch auf körperlicher Ebene abspielt.

Zum einen erfolgt beim exzessiven Spiel eine erhöhte Ausschüttung des Botenstoffes Dopamin, nach dem der Körper in der Folge regelmäßig in immer höhere Dosis verlangt.

 

Zum anderen geht die Forschung davon aus, dass bei der Spielsucht im Alter weitere neurologische Faktoren zum Tragen kommen.

Aufgrund eines veränderten Stoffwechsels und des altersbedingten Schrumpfens der Stirnlappen nehme bei älteren Menschen die Fähigkeit zur wirkungsvollen Selbstkontrolle ab.

Während man davon ausgeht, dass bei jungen Menschen insbesondere Impulsivität und die Suche nach Sensationen und Erfahrungen starke Faktoren fürs Spielen bilden, sind diese bei Menschen über 55 Jahren eher gedämpft.

 

Dafür steigt im Alter die Tendenz zu vermeidendem Verhalten, Angst, übermäßigen Sorgen und Kooperation. Risikofaktoren, die ihrerseits einen starken Einfluss auf das Spielverhalten der Betroffenen haben können.

 

Motive: Sucht oder Suche?

 

Die Gründe dafür, dass Menschen im Alter eine Spielsucht entwickeln, sind vielfältig, wie die Psychologin Katharina Schulte der Johannesbad Fachklinik Hochsauerland im Gespräch mit dem ZDF-Magazin „Volle Kanne“ erklärt:

 

Gefühle von Einsamkeit und Langeweile sowie einschneidende Erlebnisse, wie der Verlust von engen Bezugspersonen, bildeten oft den Nährboden für eine Glücksspielsucht im fortgeschrittenen Alter.

 

Mann Verzweiflung

Oft ist es die Einsamkeit, die der Spielsucht im Alter den Weg ebnet (Quelle:pixabay.com/geralt, licensed under CC0)

Insbesondere fehlende Tagesstrukturen und Perspektivlosigkeit durch das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, ließen die Betroffenen Ablenkung und Trost im Glücksspiel suchen.

 

Gestützt wird diese Einschätzung auch durch wissenschaftliche Studien: Eine Umfrage in einem US-amerikanischen Casino ergab, dass rund ein Drittel der Besucher über 60 die Spielstätte aufgrund von Einsamkeit und Langeweile frequentierten. Ein Viertel gab unverarbeitete Trauer als Motivation an.

 

Finanzieller und emotionaler Druck

 

Auch wenn man davon ausgeht, dass es älteren Spielern weniger um die Belohnung durch Gewinne beim Glücksspiel als um den Versuch geht, negative innere Zustände zu verändern, spielt auch die finanzielle Situation der betroffenen Senioren mit in die Thematik Glücksspiel im Alter rein:

Nicht selten fallen kleine Renten der Sucht zum Opfer, während die betroffenen Senioren – im Gegensatz zu Werktätigen – keine Möglichkeit haben, sich im Laufe des Monats finanziell zu sanieren. Der Druck, die Verluste schnell durch weiteres Spiel ausgleichen zu müssen, ist umso höher.

 

So erging es auch der 77-jährigen Hildegard Foerster, die ebenfalls auf eine lange Geschichte von Spielsucht, Abstinenz und Rückfall zurückblickt. Nicht selten verzockte sie binnen weniger Tage so viel Geld, dass sie kaum noch über den Monat kam.

 

Drei Tage ohne Essen, so sah für sie nicht nur die bittere Konsequenz der Sucht aus, sie betrachtete das Hungern auch als eine Art Selbstbestrafung.

 

Aufgefallen ist dies niemandem, Hildegard Foerster, die ihr Geld im Automatenspiel verlor, hatte sich nach und nach in die soziale Isolation begeben.

Zu groß war der innere Druck, zu groß die Scham, wie sie im Gespräch mit dem ZDF erklärt:

Man hat manchmal das Gefühl, die Seele blutet, so schlimm ist das. Das kann man einem, der das nicht versteht, überhaupt nicht mitteilen. Und man will es auch nicht.

Ähnlich dürfte es auch Rentner S. ergangen sein, der versuchte klaffende Löcher von Spielschulden mit dem Geld aus dem Tankstellenüberfall zu stopfen.

Fünf Monate saß der 81-jährige in Untersuchungshaft, erlitt einen leichten Schlaganfall und begann, vielleicht zum ersten Mal seit Jahrzehnten, sich mit seiner Spielsucht auseinanderzusetzen.

Vor Gericht bat er sein Opfer um Entschuldigung und beteuerte inständig, aus seinen Fehlern gelernt zu haben:

Ich will nie wieder spielen! Die Tat geschah aus Hoffnungslosigkeit, ich werde mich bis an mein Lebensende dafür schämen.

Das milde Urteil für Karl S.: Zwei Jahre auf Bewährung. Für eine stationäre Therapie hat er sich freiwillig entschieden. Ein Neuanfang mit 81 Jahren.