, 14.11.2020

Eine neue Studie aus Italien soll erstmals Aufschluss über die Zusammenhänge zwischen Sprache und Spielsucht geben. In einer gemeinsamen Untersuchung gingen die Forscher der Universität Roma Tre und der Internationalen Hochschule für Studium und Forschung (SISSA) in Triest der Frage nach, ob sich eine Spielsucht anhand der Ausdrucksweise eines Menschen erkennen lässt.

 

In einer Pressemitteilung hat die SISSA in dieser Woche die ersten Ergebnisse vorgestellt [Seite auf Italienisch]. Diese basierten auf der Untersuchung von 30 Personen aus der italienischen Region Friaul-Julisch-Venetien, die sich zum Untersuchungszeitpunkt aufgrund ihrer Spielsucht in klinischer Behandlung befunden hätten.

 

Auffällige grammatikalische Strukturen

Die Befragungen hätten online und ausschließlich schriftlich stattgefunden. Die Teilnehmer seien aufgefordert worden, ihre Erfahrungen mit der Spielsucht dabei so frei wie möglich, ohne formelle Rahmenbedingungen, niederzuschreiben.

Sie seien jedoch gebeten worden, inhaltlich auf folgende Fragen einzugehen:

  • Inwieweit wird das Spielverhalten als zwanghaft empfunden?
  • Welche Versuche wurden unternommen, um mit dem Spielen aufzuhören?
  • Wie könnte die persönliche Zukunft aussehen?
  • Welche Faktoren werden als Auslöser der Spielsucht empfunden?
  • Welche Maßnahmen funktionieren, um dem zwanghaften Glücksspiel nicht nachzugehen?

Die dadurch entstandenen narrativen Texte seien anschließend mithilfe einer speziellen Sprachsoftware analysiert worden. Zwei sprachliche Phänomene seien dabei besonders aufgefallen:

 

Die Teilnehmer hätten durchweg die Nutzung des Futurs gemieden. Sämtliche Erzählungen hätten sich auf die Gegenwart beschränkt. Laut den Forschern zeige dies, dass Spielsüchtige während des Spielens in der Regel die langfristigen Konsequenzen ihrer Sucht aus den Augen verlören.

 

Die zweite Auffälligkeit habe in einer ungewöhnlichen Anwendung sprachlicher Modi bestanden. Das heiße, die Teilnehmer hätten stetig zwischen aktiver und passiver Satzstruktur gewechselt, wie es in persönlichen Erzählungen eher unüblich sei.

 

Daraus sei zu schließen, dass die Betroffenen sich einerseits verantwortlich für ihre Sucht fühlten, sich andererseits jedoch auch als von außen gesteuert betrachteten.

 

Ein neuer Therapieansatz?

Laut dem Forschungsleiter Stafano Canali zeigten die Ergebnisse die Wichtigkeit linguistischer Untersuchungen in Bezug auf Suchterkrankungen. Die Ausdrucksweise eines Menschen gebe tiefen Einblick in die psychologischen Aspekte einer Sucht.

 

Mithilfe der richtigen Sprachanalyse lasse sich eine Spielsucht jedoch potenziell nicht nur erkennen, sondern auch deren Behandlung ergänzen. Canali erklärt:

Aus klinischer Sicht könnten die sprachlichen Marker nicht nur dazu genutzt werden, um bei Menschen ein Spielsucht-Risiko zu identifizieren, sondern sie könnten auch Teil des Therapieansatzes werden. Sie ebnen den Weg für den Einsatz von Techniken zur Verbesserung der generellen Erzählfähigkeit […] ähnlich wie sie bereits experimentell bei Patienten mit Autismus angewandt werden.

Die aktuelle Studie sei lediglich eine Pilotstudie. Es bedürfe daher weiterer Untersuchungen zum Thema, bevor die Linguistik tatsächlich Teil einer Spielsucht-Therapie werden könne.