Dienstag, 17. Mai 2022

Verzweiflung und Goldgräberstimmung – In Griechenland boomt das Glücksspiel

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In der Hoffnung auf den Jackpot: Griechenland und das Glücksspiel (Quelle:Handelsblatt)

Das Glücksspiel hat in Griechenland eine lange Tradition: Bereits im Jahr 676 v. Chr. Wurde in Griechenland auf Pferderennen gewettet und in der griechischen Mythologie entschieden die Götter über das Los der Menschen, indem sie Glücksspiele veranstalteten.

Glücksspielbranche legt um 8,7 % zu

Heute sind es legale und illegale Casinos, in denen die Griechen um den Beistand der Glücksgöttin Tyche bitten. Mit sichtbaren Folgen: 2017 erwirtschafteten Kasinos, Lotterie- und Wettunternehmen des Landes im Vergleich zum Vorjahr 8,7 % mehr Umsatz.

Rechnet man die geschätzten Ausgaben für illegale Glücks- und Wettspiele mit ein, wären somit über 8,5 % der gesamten Wirtschaftsleistung in die Hoffnung auf das große Glück geflossen.

Finanzkrise: Keine echte Entspannung in Sicht

Griechenland ächzt unter den Folgen der Finanzkrise. Obwohl das letzte Rettungspaket dieser Tage ausgelaufen ist, bleibt die Lage angespannt. Die Arbeitslosenquote liegt bei über 20 %, radikale Sparmaßnahmen führten zu drastischen Kürzungen der Sozialleistungen.

2010 wurde deutlich, dass das Haushaltsdefizit des EU-Partners Griechenland deutlich höher war als zuvor bekannt. Die folgende Krise hatte Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft der EU. Um Griechenland vor dem Bankrott zu bewahren und die Konsequenzen für Europa so niedrig wie möglich zu halten, wurden von der sogenannten Troika aus Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds bislang drei Rettungspakete in Höhe von mehr als 270 Milliarden Euro geschnürt. Nach dem Umsetzen radikaler und umstrittener Sparmaßnahmen  steht Griechenland nach dem Auslaufen des letzten Sparpakets wieder auf eigenen Füßen. Trotz leicht steigender Zahlen bleibt die Situation aufgrund der hohen Schulden aber heikel.

Hohe Umsätze für Lotterie- und Wettbetreiber

Der ehemals staatliche Lotto- und Sportwettenanbieter OPAP machte mit knapp vier Milliarden Euro den größten Umsatz. Auch die griechischen Kasinos profitierten mit 1,6 Milliarden, gefolgt von Lotterien mit 458 Millionen und der Rennbahn in Athen, welche knapp 41 Millionen einnahm.

Weiterhin gab die griechische Kontrollbehörde an, dass fünf Milliarden Euro an Online-Casinos und Wettanbieter geflossen seien. Zusätzlich belaufen sich die Schätzungen des Umsatzes illegaler Online-Anbieter auf weitere fünf Milliarden Euro.

Verzweifelte Hoffnung auf das große Glück

Psychologen gehen davon aus, dass es nicht unbedingt die pure Freude am Glücksspiel ist, die die griechischen Bürger zum Spiel animiert. Vielmehr seien Armut und drückende Finanzsorgen  in Folge der Finanzkrise dafür verantwortlich, dass viele Griechen ihre beschränkten Mittel in der Hoffnung, die eigenen Lebensumstände durch Gewinne nachhaltig verbessern zu können, in Glücks- und Wettspielen einsetzten.

Griechische Politik setzt auf Investoren

Doch nicht nur die Bürger setzen auf Kasinos und Co. Der griechische Staat [Seite auf Englisch] braucht dringend Investitionen, um die kommenden Herausforderungen meistern zu können.

Deshalb wird seit einiger Zeit nicht nur hinter vorgehaltener Hand über eine Reform der Glücksspielgesetze des Landes gesprochen.

Griechenland als Steuerparadies?

Derzeit wird der Bruttospielbetrag, also der Umsatz nach Abzug der ausgezahlten Gewinne, in Griechenland je nach Region mit 22 bis 35 % besteuert. Angedacht ist eine gestaffelte Besteuerung von 20 % bei Bruttospielerträgen bis 100 Millionen Euro bis zu 8 % bei Erträgen über 500 Millionen Euro.

Durch dieses Modell erhofft Griechenland sich Chancen im Wettbewerb mit dem benachbarten Zypern (15 % auf den Bruttospielertrag) und dem grenznahen mazedonischen Gevgelija, in dem nur 8 % anfallen.

Doch nicht nur niedrige Abgaben locken potenzielle Investoren. Neben den Griechen sind es gut betuchte Touristen aus dem arabischen Raum und Israel, die auf dem Festland und auf den ägäischen Inseln Spielbanken frequentieren.

Chinesische Touristen als potenzielle Glücksspieler

Hinzu kommt der stark wachsende Anteil chinesischer Besucher. Die Touristen aus dem Reich der Mitte machen seit Jahren einen immer größeren Prozentsatz im boomenden griechischen Tourismus aus und sind als äußerst glücksspielaffin bekannt. Da das Spiel um Geld in China illegal ist, verbringt so manch chinesischer Staatsbürger einen guten Teil seines Urlaubs gern in der Spielbank.

Attraktive Steuermodelle sowie ein starker Tourismus und spielende Bürger reizen ausländische Investoren. Drei weitere Spielbank-Konzessionen sollen zeitnah vergeben werden, und zwar für die Inseln Kreta, Mykonos und Santorini. Kasino- Ressorts nach amerikanischem Vorbild könnten somit bald weitere Besucher anlocken.

Pläne stoßen auf Skepsis

Bei allen Vorteilen gibt es aber auch kritische Stimmen. Auf den Inseln formiert sich der Widerstand gegen die Pläne der Regierung. Man solle lieber in die Infrastruktur investieren anstatt sich an großen Kasinoprojekten zu versuchen, findet Sokratis Vardakis, Abgeordneter der linken Syriza-Partei auf Kreta.

Ein Kasino wird wahrscheinlich nur Probleme verursachen und keinen Beitrag zur Entwicklung unserer Insel leisten.

Las Vegas in Athen?

Former Airport Ellinikon

Der ehemalige Flughafen Ellinikon: Klein Las Vegas in Athen

Konkret wird es bereits in Athen: Das ehemalige Flughafengelände Ellinikon soll komplett umgestaltet werden: Ein Kasino-Komplex soll auf dem Areal der griechischen Hauptstadt entstehen.

Auf einer Fläche der Größe Monacos sind Kasinos, Hotels, Wohnanlagen, Sportstätten, Einkaufszentren und ein Park geplant.

Für den 10.September wird die offizielle Ausschreibung des Projektes erwartet, die Branchenriesen Las Vegas Sands, Caesars, Melco, Hard Rock und Mohegan Gaming haben bereits Interesse bei der griechischen Glücksspielkommission angemeldet.

Kommt das Projekt wie geplant zustande, kann die griechische Regierung mit rund 9 Milliarden Euro an Investitionen für Baugrund und das Ressort rechnen.

Zusätzliche Steuereinnahmen und entstehende Arbeitsplätze würden dem Land in seiner schwierigen Situation ebenfalls weiterhelfen.