, 19.05.2021

Mithilfe eines auf Glücksspiel-Transaktionen spezialisierten Fintechs aus Litauen sollen rund 100 Mio. Euro aus dem Wirecard-Konzern abgezogen worden sein, kurz bevor dieser Mitte 2020 zusammenbrach. Dies berichtet die Financial Times (FT) unter Berufung auf interne Dokumente. Über ein Konto der UAB Finolita Unio seien sodann rund 35 Mio. Euro an den flüchtigen ehemaligen Wirecard-Vorstand Jan Marsalek geflossen.

 

Finanzdienstleister für Risikokunden

 

Laut FT soll die Staatsanwaltschaft München davon ausgehen, dass Teile eines von Wirecard gewährten 100-Millionen-Euro-Darlehens über die litauische Finolita in die Taschen von Jan Marsalek geflossen seien.

 

Das in Vilnius ansässige Fintech beschreibt sich selbst als Finanzdienstleister, der auch und insbesondere Kunden, die im konventionellen Bankensystem wenig Chancen haben, willkommen heißt:

Sie, wie auch wir, wollen Gleichheit, Sicherheit und Einfachheit bei der Abwicklung von Geschäften. (…) Sie haben Ihre Träume und Hoffnungen in harte Arbeit gesteckt, um ans Ziel zu gelangen, aber nicht jeder wurde und wird von großen Geschäftsbanken willkommen geheißen. Wir sind hier, um Ihnen zu helfen, da wir irgendwann in unserem Leben an dem Punkt gestanden haben, an dem Sie jetzt sind.

Ebenso wie Wirecard in seinen Anfangstagen, soll Finolita gezielt mit sogenannten Hochrisiko-Kunden aus Bereichen wie dem Glücksspiel zusammenarbeiten.

 

Verschlungene Wege der Wirecard-Millionen

 

Konkret, so die FT, gehe es bei den Untersuchungen um ein Darlehen in Höhe von 350 Mio. Euro, dass der Finolita-Mutterkonzern Senjo und weitere zugehörige Unternehmen bis zum ersten Quartal 2020 von Wirecard erhalten hätten.

 

Die in Singapur ansässige Senjo hatte Finolita 2017 übernommen. Teil der Gruppe ist auch Senjo Payments, die laut FT als Outsourcing-Partner von Wirecard in Asien fungierte.

 

100 Mio. Euro des Darlehens seien auf ein Finolita-Konto der Senjo-Tochter Ocap geflossen. Von diesem seien 35 Mio. Euro an Jan Marsalek transferiert worden. Zum Verbleib der restlichen 65 Ocap-Millionen lägen aktuell keine Erkenntnisse vor.

Eigenen Angaben zufolge hat sich die schwarz-rote Regierungskoalition auf ein sogenanntes „Wirecard-Gesetz“ geeinigt, über das noch in dieser Woche abschließend beraten werden könnte. Das Finanzmarktintegritätsstärkungsgesetz (FISG) sieht unter anderem mehr Befugnisse für die deutsche Finanzaufsicht BaFin und höhere Haftung für große Wirtschaftsprüfungsgesellschaften vor.

Ebenfalls im Fokus der Ermittler soll eine Zusammenarbeit von Wirecard und Finolita aus dem Jahr 2019 stehen, die FT-Informationen zufolge von einem Insider als „sehr seltsam“ bezeichnet worden seien.

 

So seien in dem zugehörigen Vertrag „unplausible“ Stundensätze für nur vage beschriebene Finolita-Dienstleistungen vereinbart worden. Letztlich habe Wirecard drei Überweisungen im sechsstelligen Bereich an die Litauer getätigt.

 

Zeitgleich seien die Einnahmen Finolitas in Höhe von 4.700 Euro im Jahr 2018 sprunghaft auf 830.000 Euro 2019 und über eine Million im vergangenen Jahr angestiegen.

 

Laut FT hätten sich die entsprechenden Akteure nicht eingehend zum aktuellen Verdacht äußern wollen. Wahrscheinlich ist, dass Finolita nicht das letzte Unternehmen bleibt, das im Versuch, die verschlungenen Finanzpfade Wirecards nachzuvollziehen, ins Visier der Ermittler rückt.

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