, 03.07.2019

Mit angeblichen Trading-Plattformen soll ein kriminelles Netzwerk über Jahre Opfer um ihr Geld gebracht haben. Wie gemeinsame Recherchen von SR und NDR ergaben, geht die Zahl der weltweit geprellten Anleger in die Millionen. Allein in Deutschland sollen Hunderttausende betroffen sein. Im Zentrum der bereits seit Monaten andauernden Ermittlungen steht Uwe Karsten L. (55). Der Deutsche ist seit Jahren mit Trading- und Glücksspielplattformen im Internet aktiv.

 

Millionengewinne durch Trading- und Glücksspielbetrug

 

Die Staatsanwaltschaft Saarbrücken ermittelt gemeinsam mit österreichischen und bulgarischen Behörden gegen fünf mutmaßliche Hintermänner von betrügerischen Plattformen für Finanzwetten im Internet.  Ihnen wird gewerbsmäßiger Bandenbetrug zur Last gelegt.

 

Mithilfe eines weitverzweigten Geflechts von Offshore-Firmen und illegalen Trading-Plattformen sollen die Männer über Jahre hinweg ein lukratives Betrugssystem errichtet haben. Den Journalisten zufolge ist davon auszugehen, dass der Schaden sich auf Hunderte Millionen Euro belaufen könnte.

 

Behörden gehen von derzeit 400 aktiven illegalen Trading-Plattformen im Internet aus. Diese versprechen Anlegern enorme Gewinne durch hochriskante Finanzgeschäfte. Experten zufolge bieten die auf den meisten Plattformen angebotenen binären Optionen für Laien keine echten Erfolgsaussichten. Mit Gewinnen könnten ausschließlich die Betreiber rechnen.

Bei binären oder auch digitalen Optionen wird auf den Kurs, Preis oder Wert eines Basiswertes gewettet. Was Anlegern als einfaches Modell zum schnellen Gewinn angepriesen wird, sind in Wirklichkeit hochkomplexe Konstrukte, die für Laien meist nicht zu durchschauen sind. Sowohl die Berechnung des Basiswertes als auch die der Wertentwicklung stehen nur dem Anbieter zur Verfügung und sind für Käufer nicht transparent.

In Deutschland verbietet die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) Vermarktung, Vertrieb und Verkauf von binären Optionen an Privatkunden.

Trading-Plattformen nur Fassade

 

Aktuell stehen fünf Trading-Plattformen im Fokus der Ermittler. „Option888″, “TradeInvest90”, “XMarkets.com”, “ZoomTrader” und “TradoVest” sollen Anleger nicht nur durch die hochriskanten binären Optionen um ihr Geld gebracht haben. Meist, so der Vorwurf der Behörden, seien die Geschäfte gar nicht erst getätigt worden.

 

So sei das Geld der Anleger größtenteils direkt an die Betreiber geflossen. Die Trading-Accounts der Kunden hätten lediglich als Fassade gedient und Bewegungen auf ihnen keinen realen Hintergrund gehabt.

 

Insgesamt fanden die Ermittler über 200.000 Namen deutscher Kunden in den Datenbanken der fünf ins Visier geratenen Plattformen.

 

Die Gesamthöhe des entstandenen Schadens scheint sich bislang sich nicht genau beziffern zu lassen. Mittlerweile haben rund 230 Opfer Strafanzeige gegen die Plattform-Betreiber eingereicht. Allein ihre Verluste sollen knapp zehn Millionen Euro betragen.

 

Finanzwetten im Internet: „Ein Drama“

 

Elfriede Sixt ist Gründerin der European Funds Recovery Initiative (EFRI), die sich für die Belange der Opfer von Trading Plattformen einsetzt. Die Wiener Wirtschaftsprüferin hat die Erfahrung gemacht, dass sich die Hoffnung auf schnelle Gewinne durch hochriskante Finanzwetten im Internet durch alle Gesellschaftsschichten zieht:

Es sind Dramen, die sich da abspielen. Es gibt Familien, da haben der Vater, der Sohn und eventuell auch noch die Tante investiert. Der typische Geschädigte ist der Rentner im besten Alter, der ein bisschen was gespart hat, doch auch wohlhabende Geschäftsleute fallen immer wieder auf die Betrüger herein.

Oft werden die Opfer über prominent platzierte Werbung in sozialen Netzwerken auf die illegalen Plattformen aufmerksam. In der Folge, so berichten Betroffene, würden einem seitens der Plattform sogenannte „Berater“ zur Seite gestellt. Diese übten dann oft massiven Druck auf die Anleger aus, in die Optionen zu investieren. Meist bis zum Totalverlust.

 

Deutscher baute weitverzweigtes Firmengeflecht auf

 

Der mutmaßliche Hauptverantwortliche für die betrügerischen Finanzwetten im Internet, Uwe Karsten L., bestreitet die Vorwürfe der Behörden. Dies erklärte sein Anwalt Medienvertretern gegenüber.

 

LottoPalace Logo

Auch die Seite LottoPalace könnte Teil des Betrugsnetzwerkes gewesen sein (Quelle:twitter.com/@LottoPalace)

L., der sich auf seiner Internetseite als Pionier des Online-Glücksspiels beschreibt, ist unter anderem Gründer und Hauptanteilseigner der an der britischen Börse notierten Veltyco Group.

 

Unter deren Dach soll L. über Jahre ein weitverzweigtes Firmengeflecht aufgebaut haben, das massiv im Bereich der binären Optionen tätig war. Auch Seiten wie LottoPalace, die Wetten auf Lotterien, Bingo und Rubbellose anbot, waren Teil des Netzwerkes, das größtenteils aus Offshore-Firmen besteht.

 

LottoPalace hatte bereits im vergangenen Jahr von sich reden gemacht, als sich diverse Kunden über hochaggressives Telefonmarketing und nicht erfolgte Gewinnauszahlungen beschwert hatten. Seit Mai 2019 ist die Seite nicht mehr zu erreichen.

 

Auswertung noch nicht abgeschlossen

 

Eine Entwarnung in Sachen Online-Trading-Betrug kann es trotz der aktuellen Erfolge der Behörden nicht geben. Eine Vielzahl von Plattformen bietet nach wie vor illegal den Handel mit binären Optionen an.

 

Und auch wenn einige der mutmaßlichen Strippenzieher bis auf Weiteres wohl nicht mehr selbst aktiv werden dürften, ist davon auszugehen, dass ihre lukrativen Geschäfte auch ohne sie weiterlaufen:

 

Im Rahmen der aktuellen Ermittlungen beschlagnahmten die Fahnder über fünf Terabyte an Daten. Deren Auswertung ist noch nicht abgeschlossen. Wie groß das betrügerische Netzwerk tatsächlich ist, ist bislang nicht endgültig geklärt.