, November 8, 2018

Über 52.000 Menschen fordern in einer Petition das Ende der Zusammenarbeit des FC St. Pauli mit dem US- Sportartikelhersteller Under Armour. Eine Kooperation mit dem Unternehmen, das seine Mitarbeiter erst kürzlich darüber informierte, das Stripclub-Besuche nicht mehr als Spesen abgerechnet werden können, sei mit den Werten des Vereins nicht vereinbar.

 

FC St. Pauli: Rebell und Weltverbesserer

 

St. Pauli Logo

Weltverbesserer oder Opportunisten? Die Führung des FC St. Pauli steht in der Kritik (Quelle:VEO15, licensed under CC 4.0)

Einen Teil der Attraktivität des 1. FC St. Pauli macht sein Ruf als unangepasster Underdog aus. Die Hamburger stehen für viele Fans für authentischen Fußball, gegen den Kommerz und für Fairness auf und abseits des Spielfeldes. Als einer der ersten Vereine positionierten sich die Kiezkicker offensiv gegen Rassismus und sexualisierte Gewalt. Toleranz und Respekt im gegenseitigen Miteinander werden als wichtige Eckpfeiler des Vereins beschrieben.

 

Und nicht nur intern vermittelt der Lokalrivale des HSV ein ganz bestimmtes Lebensgefühl, auch in der Zusammenarbeit mit Partnerunternehmen sollen Werte als Leitlinien eine große Rolle spielen, wie der Verein auf seiner Homepage ausführt:

Sponsoren und Wirtschaftspartner des FC St. Pauli und deren Produkte sollen im Einklang mit der gesellschaftlichen und vereinspolitischen Verantwortung des Clubs stehen.

Kleines Problem: Der Ausrüster Under Armour, mit dem die St. Paulianer seit der Saison 2016/2017 kooperieren, scheint die oft und gern in den Vordergrund gestellten Ideale des Vereins nicht zu 100 % zu teilen.

 

Zweite große Under Armour-Krise in nur 1,5 Jahren

 

Bereits im Februar 2017 hatte es in Fankreisen gebrodelt: Nachdem sich Under Armour-Chef Kevin Plank in einem Interview lobend über den damals neugewählten US-Präsidenten Donald Trump geäußert und ihn als „real asset“ ( dt. einen echten Gewinn) für die USA bezeichnet hatte, sah sich der FC St. Pauli herber Kritik an der Zusammenarbeit ausgesetzt.

Nach eigener Aussage wandten sich die Verantwortlichen in der Führungsetage St. Paulis mit einem kritischen Schreiben an die Europa-Dependance des Unternehmens, weitere Schritte folgten nicht.

 

Petition gegen Kooperation: „Zur Not auch ohne Trikot… isso!“

 

Nun sieht sich der Verein erneut mit dem Ärger der Fans über die Zusammenarbeit mit dem Ausrüster konfrontiert: In einer Online-Petition verlangen am Donnerstagmorgen bereits über 52.000 Menschen den Boykott der Marke und einen sofortigen Stopp der Kooperation des FC St. Pauli mit dem US-Unternehmen. Unter dem Titel „Keine blutigen Under Armour-Trikots für den FC St. Pauli!“ fordern vor allem Fans den Verein zum Handeln auf:

Diese Petition verlangt ein klares Bekenntnis des Vereins zu den oft betonten Werten der Achtung von Menschen und Tieren, der deutlichen Positionierung gegen Gewalt, der Entkommerzialisierung des Fußballs und der Nähe zur Stadt und Region.

Der Ersteller der Petition kritisiert, dass Under Armour für die Ausrüstung der US-Army mit Militärkleidung verantwortlich ist und neben der Produktion von Jagdbekleidung auch tierverachtende Jagdshows unterstützt. Zudem gäbe es die Vermutung einer Nähe des Sportartikelherstellers zur stark umstrittenen amerikanischen Waffenlobby NRA (National Rifle Association).

 

Erst das Fressen und dann die Moral?

 

Petition St. Pauli change.org

Schon über 52.000 Unterschriften: Petition auf change.org (Quelle:change.org)

Der Verein muss sich in der Unterschriftenaktion den Vorwurf gefallen lassen, mehr Wert auf Profit als auf die Zusammenarbeit mit nachhaltig wirtschaftenden Herstellern zu legen. Angeblich investiert Under Armour jährlich eine Million Euro in den Verein. Zum Vergleich: Der vorherige Ausstatter Hummel zahlte jährlich 300.000 Euro.

 

Die neuesten Enthüllungen, des amerikanischen Wall Street Journals in Bezug auf das Milliardenunternehmen, das seinen Hauptsitz in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland hat, dürften weiteres Öl ins Feuer schütten. Insider haben den Journalisten einen Einblick in die Firmenkultur von Under Armour gegeben.

 

UA: Stripclub-Besuche auf Firmenkosten, Go-Go-Tänzerinnen auf Firmenfeiern

 

Laut Bericht der umsatzstärksten Zeitung der USA verschickte das Unternehmen in diesem Jahr eine E-Mail mit brisantem Inhalt an seine Mitarbeiter:

Ab sofort dürfen Besuche in Stripclubs sowie Glücksspiel und die Nutzung von Limousinen nicht mehr über die Firmenkarte der Angestellten abgerechnet werden.

 

Dass „Erwachsenenunterhaltung“ nicht Teil der Spesen ist, scheint zuvor in der Unternehmenskultur von Under Armour nicht fest verankert gewesen zu sein.

 

Mehr als zwölf (ehemalige) Mitarbeiter sprachen mit den Journalisten des Wall Street Journals und beschrieben die Vorgänge bei Under Armour: So hätten Mitarbeiter ganz offen und regelmäßig mit Gästen den Stripclub „Scores“ in Baltimore besucht. Hierbei seien nicht selten Rechnungen von mehreren Hundert Dollar angefallen, die das Unternehmen übernommen habe. Symptomatisch für das Unternehmen, dessen Kultur laut Insidern von Machismo und Frauenfeindlichkeit geprägt sein soll.

1996 gründete der College-Footballspieler Kevin A. Plank (heute 46) die Sportmarke Under Armour. Der Einstieg in den Markt gelang Under Armour mit der Entwicklung enganliegender und temperaturregulierender Sportbekleidung.

Heute bietet das Portfolio neben dem ursprünglichen Markenkern Sportbekleidung auch Freizeitbekleidung, Schuhe und Accessoires. Das Unternehmen hat weltweit ca. 15.200 Mitarbeiter und macht einen jährlichen Umsatz von knapp 5 Milliarden US-Dollar.

Kevin Plank

Under Armour- Gründer und CEO Kevin Plank (Quelle:Dcavalli, licensed under CC 3.0)

Weitere Anekdoten erzählen von Parties, die Firmengründer und CEO Plank auf seiner Farm gab: Eingeladen waren eigentlich Sportler, VIP-Gäste und Topmanager von Under Armour, hinzukamen einige Mitarbeiterinnen des Sportartikelherstellers, die zwar nicht dem exklusiven Zirkel der Führungskräfte angehörten, dafür aber nach Meinung der Verantwortlichen andere Qualitäten mitbrachten: Sie waren jung und gutaussehend.

Laut Wall Street Journal gab es einen Ausdruck für die Praxis junge Mitarbeiterinnen zum Gefallen der männlichen Gäste einzuladen: „Den Teich füllen“.

 

2017 legte Plank noch einmal nach: Er ließ leichtbekleidete Go-Go-Tänzerinnen auf der Firmenfeier auftreten. In diesem Jahr fiel die Feier aus. Vielleicht auch, weil sich Gäste vermehrt unangenehm berührt gezeigt hatten.

 

Unangemessenes Verhalten als Teil der Unternehmenskultur?

 

Dass der Bruder des Chefs, der eine hohe Führungsposition innehatte, das Unternehmen im Jahr 2012 wegen Vorwürfen des sexuellen Fehlverhaltens verlassen musste, ist nur ein weiterer Baustein in einem Gebilde, in dem Frauen laut Insidern aufgrund ihres Aussehens eingestellt wurden und in dem Gefühl lebten, keine Chance auf Beförderungen zu haben. Insgesamt herrsche bei Under Armour eine Praxis, in der CEO Plank Posten an Vertraute verteile und Frauen nicht vor sexueller Diskriminierung und unangemessenem Verhalten seitens männlicher Mitarbeiter geschützt seien, berichten Insider.

 

St. Pauli Ausrüster Under Armour: Aussitzen ist keine Option

 

Der 1. FC St. Pauli, der sich Respekt und Transparenz in großen Lettern auf die Totenkopffahne schreibt, wird wohl kaum umhinkommen, sich weiterhin mit den Vorwürfen der Fans und den neuesten Enthüllungen in Bezug auf St. Pauli-Ausrüster Under Armour zu beschäftigen.

Pauli-Geschäftsführer Andreas Rettig gibt sich auf Nachfrage der Hamburger Morgenpost besorgt:

Das sind Informationen, die wir mit Sorge zur Kenntnis genommen haben. Wir haben unmittelbar nach Bekanntwerden mit unserem Partner Kontakt aufgenommen. Es ist uns versichert worden, dass Under Armour dieses Thema sehr ernst nimmt und interne Maßnahmen eingeleitet worden sind.

Im Oktober hatte Präsident Oke Göttlich den Ausrüstervertrag, der angeblich bis 2021 läuft, gegen die Petition verteidigt: Jeder große Sportartikelhersteller beliefere auch das Militär, von einer Nähe des Unternehmens Under Armour zur NRA könne keine Rede sein.

 

Das Bild des sauberen, authentischen Vereins ist natürlich auch Teils des Markenkerns der Kiezkicker. Will man es gegen den Verdacht der opportunistischen Profitgier verteidigen, wird man wohl kaum um richtungsweisende Entscheidungen herumkommen.