, 09.09.2018

Aktive Sportler sehen sich durch ihr Fachwissen oft als Experten an und sind davon überzeugt, höhere Gewinnchancen bei Sportwetten zu haben. Könnte das stimmen oder sind Sportwetten doch reine Glückssache?

 

Sportwetten bergen ein besonderes Faszinationspotential, nämlich den Sport selbst. Denn die Materie mit denen sich die Wetten beschäftigen, werden von vielen Menschen selbst in ihrer Freizeit praktiziert. Auch der Fakt, dass beim Sport dieselben Emotionen durchlebt und dieselben Hormone ausgeschüttet werden, wie beim Wetten, führt dazu dass besonders unter Sportliebhabern der Hang zu Sportwetten besonders hoch ist.

 

Sind Sportwetter deshalb anders, als andere Glücksspieler? Ja, sagt Frank Gauls, Psychotherapeut und Leiter der Fachsstelle Glücksspielsucht. „Sie unterscheiden sich einerseits durch ihre Sportbegeisterung, andererseits ist die Vorstellung das Spiel kontrollieren und beeinflussen zu können, bei Sportwettern viel stärker ausgeprägt. Sie glauben fest, sie beherrschen das – garantiert.“

 

fußballer kopfball

Wer selbst spielt, hat oft eine hohe Affinität zu Sportwetten. Bildquelle: 1sucai.com

Die Vorstellung, dass Sportexperten und aktive Sportler gute Sportwetter sind, weil sie – so die Begründung – mehr vom Sport verstehen als andere ist weit verbreitet. Das ergab jedenfalls eine Befragung von Nachwuchsspielern der Fußballbundesligisten: 42 % der Befragten meinten, dass die Aussage zutrifft.

Dr. Matthias Krell Geschäftsführer der Landeszentrale für Gesundheitsförderung Rheinland-Pfalz sieht eine Gedanken-Spirale, in die junge Spieler hineingeraten können:

Gerade bei Jugendlichen geht es zu Beginn oftmals nur darum, das Wetten einmal auszuprobieren. Erste Gewinne schaffen dann Erfolgserlebnisse und können zu einer fatalen Selbstüberschätzung führen. Die irrige Annahme, Gewinnchancen durch vermeintliches Fachwissen verbessern zu können, ist eines der größten Risiken, die zu einer Suchterkrankung führen können.

Aber weshalb sind einige Sportwettenprofis dann langfristig so erfolgreich und fahren Gewinne ein, von denen sie leben können?

 

Der ehemalige Profifußballer der Zweiten Mannschaft von Borussia Dortmund, Marco Schneider, bietet sein Expertenwissen als Insidertipps für Wettbegeisterte an: „Die überwiegende Anzahl an Spielern lässt sich bei ihren Tipps von Statistiken und oft auch von der Sympathie für bestimmte Mannschaften leiten. Doch genau dies ist falsch“, sagt der 29-Jährige.

„Zum richtigen Wetten gehören, ganz andere Dinge, welche von vielen Sportfans oft außer Acht gelassen werden. Hier kommt mein Service ins Spiel. Durch jahrelanger Erfahrung habe ich mir ein Wissen angeeignet und meine eigene Strategie entwickelt um langfristig mit Einzelwetten Gewinne zu erzielen.“

Interessierte können bei Schneider eine Mitgliedschaft abschließen und erhalten im Monat 100-175 Tipps um ihre Wetten zu platzieren.

 

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Dr. Tobias Heyer: “Sie können Wissen nicht zu Geld machen.“ Bildquelle: tobha.de

Der Psychologe Dr. Tobias Hayer hält derartige Anbieter für Humbug: „Eine Studie, die Experten, Amateure und Laien auf Spielausgänge bei der Europameisterschaft 2008 hat wetten lassen, zeigt zweifelsfrei: Sie können Wissen nicht zu Geld machen.“

 

Und auch der Psychologe Dr. Jens Kalker pflichtet ihm bei. „In einer Schweizer Untersuchung wurden die Wettergebnisse von Fußballexperten, Fußballamateuren und Laien miteinander verglichen. Nur in drei von zehn Fällen lagen die Experten vorne.“

 

Ein Zusammenhang zwischen Fachwissen und Wetterfolg kann nicht hergestellt werden.

 

Laut Kalter handelt es sich um eine sogenannte Kontrollillusion. „Eine Kontrollillusion ist es, wenn Menschen glauben, gewisse Vorgänge kontrollieren zu können, die nachweislich nicht beeinflussbar sind. Diese Illusion wird durch die Werbung und die öffentliche Darstellung von Sportwetten stark gefördert.“

 

In einer Anzeige aus der Lausitzer Rundschau würde es zum Beispiel heißen: „Eine gewonnene Wette kann Aufschluss darüber geben, wer sich in der Tat mit der Welt des Sports auskennt und ein Fachmann auf dem Gebiet ist.“ Auch die Werbung von tipico mit Werbeträger Oliver Kahn sei ein höchstbedenklicher Fall, so Kalke. Sätze wie „Millionen von Sportfans sollten ihr Wissen nutzen und Wetten platzieren!“ Dies würde die Vorstellung, dass sportliches Know-How Einfluss auf den Erfolg bei Sportwetten habe, schüren. „Wie wir gesehen haben belegen Studien aber genau das Gegenteil“, sagt Kalker.

 

Auch Tobias Hayer spricht von groben kognitiven Verzerrungen bei Sportwetten.

Der Spieler oder die Spielerin verknüpfe zum Beispiel fehlerhaft Zufallsereignisse, die tatsächlich unabhängig voneinander seien. Trotz vorherrschender Misserfolgserlebnisse ist sie oder er mitunter gefangen in der einmal eingeschlagenen Spielstrategie. Sie oder er denkt und handele auch abergläubisch, indem objektiv nicht haltbare kausale Beziehungen zwischen dem eigenen Handeln und dem Eintreten bestimmter Ereignisse hergestellt werden.

Dabei werden unter anderem (interne) Faktoren wie eine ausgeklügelte Spielstrategie für Erfolge verantwortlich gemacht. Andere (externe) Faktoren wie Fehlentscheidungen des Schiedsrichters oder der Schiedsrichterin gelten als Begründung für Verlusterlebnisse.

Der Glaube, das Spiel durch seine oder ihre Fähigkeiten beeinflussen zu können (Kontrollillusion) wird durch die Einbindung der Spieler bzw. der Spielerin in den Spielablauf gefördert. Verlusterlebnisse werden wegdiskutiert oder uminterpretiert.

Wo liegt dann das Erfolgsgeheimnis erfolgreicher Spieler? Sind sie schlichtweg Gustav Gans?

 

Der Berliner Dirk Paulsen lebt seit 25 Jahren von Sportwetten und das recht gut. Er sieht den richtigen Weg irgendwo in der goldenen Mitte aus Insiderwissen und statistischer Berechnung. Er hat ein Computerprogramm geschrieben, dass ihm bei seinen Wetten, vor allem denen auf Fußballspiele, hilft.

 

„Es gibt einen fairen Kurs und einen angebotenen“, sagt der gelernte Informatiker. „Der faire Kurs berücksichtigt so realistisch wie möglich die Spielstärke beider Mannschaften. Diese Spielstärke setzt sich aus unzähligen Ergebnissen in der Vergangenheit und weiteren Parametern zusammen, das sind Unmengen an Daten, die ich implementiert habe.“ Sobald Paulsen den fairen Kurs für ein Spiel ermittelt hat, vergleicht er ihn mit dem auf dem Markt angebotenen. Wenn der Markt einen höheren Kurs auf eine Mannschaft bietet als es der faire Kurs wäre, dann setzt Paulsen.

 

Allerdings sind ihm die Grenzen seiner Strategie bewusst. Das Programm basiert auf der Wahrscheinlichkeitstheorie. Der Computer errechnet das häufigste Ergebnis, mit dem vergleichbare Spiele in der Vergangenheit geendet haben. „Ich bin nicht computerhörig, das ist nur eine Entscheidungshilfe“, sagt Paulsen. „Der Rechner weiß ja nicht, ob sich ein wichtiger Spieler beim Aufwärmen vor einem Spiel verletzt.“ Paulsen verlässt sich auf eine Mischung aus Zahlenmaterial, Gefühl und aktuellen Informationen.

 

Der Erfolg scheint ihm in seiner Strategie Recht zu geben. Seinen Bürojob hat er schon lange aufgegeben.

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