, 06.04.2020

Italienische Spielsucht-Hilfsorganisationen erhalten aktuell deutlich mehr Anrufe von Problemspielern oder deren Angehörigen als vor dem landesweiten Corona-Lockdown.

 

Wie die italienische Tageszeitung La Repubblica am Montagmorgen berichtete [Seite auf Italienisch], führe der Umstand, dass Spieler keinen Zugriff mehr auf einen Großteil landbasierter Glücksspiele haben, in einigen Fällen zu steigender Frustration und Gewaltbereitschaft.

 

Spielsuchtexperten sähen jedoch auch eine Chance in der erzwungenen Abstinenz vom Glücksspiel. Da das Online-Glücksspiel nicht für jeden interessant oder leicht verfügbar sei, könnten einige Personen, für die insbesondere landbasierte Slots die Ursache des Problems seien, jetzt den endgültigen Absprung aus der Sucht schaffen.

Letzten offiziellen Daten zufolge gaben die Italiener im Jahr 2019 insgesamt 110 Mrd. Euro für das legale Glücksspiel aus. Eine Million Spieler gehörten zur Risikogruppe, die problematisches Spielverhalten entwickeln könnten. 400.000 Menschen hingegen galten als spielsüchtig.

Abstinenz bringt Probleme zum Vorschein

Der Psychotherapeut Leopoldo Grosso erklärt gegenüber La Repubblica, dass die Angehörigen von Spielsüchtigen jetzt eine besonders schwere Zeit durchlebten. Aufgrund der Ausgangsperren seien die Menschen gezwungen, mehr Zeit auf engem Raum zu verbringen als zuvor.

Es gibt bereits einen Anstieg von Hilferufen von Personen, die unter Aggression leiden, weil ihnen das Glücksspiel unzugänglich geworden ist. Das Problem verstärkt sich jetzt, wo Familien gezwungenermaßen zusammenbleiben müssen und die oft zuvor geheim gehaltene Glücksspielsucht zum Vorschein kommt.

So erführen zahlreiche Ehepartner und Kinder erst jetzt von dem problematischen Spielverhalten eines Elternteils. Gleichzeitig werde es nämlich auch zunehmend schwerer, illegale Glücksspielstätten aufzusuchen, da die Polizei derzeit verstärkt gegen diese vorgehe.

 

Online-Glücksspiele nicht für jeden eine Alternative

Während das Online-Glücksspiel international derzeit einen großen Anstieg neuer Spieler verzeichne, sei dies für viele Italiener jedoch nach wie vor keine realistische Alternative.

 

Für einige Spieler sei es „einfach nicht dasselbe“ wie das Spiel am echten Automaten. Viele verbänden das tägliche Glücksspiel mit dem Gang in den Kiosk, wo Spielautomaten und Kaffee zusammengehörten.

 

Auch behindere der Umstand, dass einige Menschen in Italien keine Bankkarten oder gar Bankkonten besitzen, den Notumstieg auf das Online-Glücksspiel.

 

Insgesamt biete sich damit für viele Betroffene eine Chance, das problematische Spielverhalten jetzt hinter sich zu lassen. Umso wichtiger seien daher Hilfsangebote und eine stets verfügbare Telefonseelsorge.

 

Ob die Zahl Spielsüchtiger im Jahresvergleich nach Beendigung der Corona-Krise geringer ausfallen wird, bleibt jedoch abzuwarten.