Sonntag, 22. Mai 2022

Großbritannien: Staatlicher Gesundheits­dienst NHS stoppt Finanzierung durch Glücksspiel-Anbieter

Arzt mit Stethoskop und Kittel In Großbritannien sollen Spielsucht-Therapien des NHS künftig ohne Mittel der Glücksspiel-Industrie auskommen. (Bild: Pixabay)

Der staatliche Gesundheitsdienst Großbritanniens NHS wird Spielsucht-Behandlungen ab April nicht mehr durch Gelder aus der Glücksspiel-Branche finanzieren. Dies verkündete die Direktorin für psychische Gesundheit des NHS Claire Murdoch in einem Brief an die Spielerschutz-Organisation GambleAware.

NHS kappt Spenden der Spielerschutz-Organisation GambleAware

In den vergangenen drei Jahren sei habe der National Health Service (NHS) durch die Gelder, die GambleAware zur Verfügung gestellt habe, schneller Behandlungen für Problemspieler anbieten können.

Der britische Gesundheitsdienst NHS hat seit dem Jahr 2019 eine Vereinbarung mit der Spielerschutz-Organisation GambleAware. Im Rahmen dieser fließen jährlich 1,2 Mio. GBP in Spielsuchtbehandlungen, die der NHS in fünf Spezialkliniken in London, Leeds, Manchester und Sunderland anbietet. Zudem wird die nationale telefonische Beratungsstelle durch die Gelder gefördert.

Schon länger bemängeln Kritiker allerdings, dass GambleAware sich hauptsächlich durch Gelder der Glücksspiel-Industrie finanziert. So erklärte die Spielerschutz-Organisation erst Anfang Februar, allein die drei Glücksspiel-Riesen Bet365, Entain und William Hill hätten mit mehr als 9 Mio. GBP von April bis Dezember 2021 zu mehr als der Hälfte des Spenden-Pools beigetragen.

Spielsuchtbehandlungen sollten Murdoch zufolge [Seite auf Englisch] allerdings Teil der normalen Verpflichtungen des NHS sein. Die Anzahl der darauf spezialisierten NHS-Kliniken nehme zu.

Spielsucht-Behandlungen als „normale“ Dienste des Gesundheitswesens

Ziel sei es, die Finanzierung der Kliniken aus den NHS-Fonds zu bestreiten, wie es für die anderen Dienste des staatlichen Gesundheitsdienstes ebenfalls üblich sei. Auch zwei neue Spielsucht-Kliniken, deren Eröffnung der NHS am vergangenen Wochenende ankündigte, sollen ausschließlich durch die Gelder des NHS finanziert werden. Dies mache eine Erhöhung der Ausgaben der britischen Regierung für die psychische Gesundheit um 2,3 Mrd. GBP möglich.

Zu den Gründen für die Entscheidung erklärte Murdoch weiterhin:

„Unsere Entscheidung wurde stark von Patienten beeinflusst, die zuvor ihre Bedenken hinsichtlich der Inanspruchnahme von Diensten geäußert haben, die direkt von der Industrie gezahlt werden. Außerdem sind unsere Ärzte der Meinung, dass es Interessenkonflikte gibt, wenn ihre Kliniken teilweise durch Mittel der Glücksspielindustrie finanziert werden.“

Für den NHS sei es jedoch nicht möglich, die durch das problematische Glücksspiel verursachten Schäden allein zu bekämpfen. Daher verpflichte sich der Gesundheitsdienst auch weiterhin, eine konstruktive Beziehung zu GambleAware aufrechtzuerhalten und gemeinsam an einem geeigneten Behandlungssystem zu arbeiten.

Durch das Glücksspiel verursachte Schäden könnten jedoch nicht durch Behandlungen verhindert werden. Daher hoffe der NHS, dass sich GambleAware auch in Zukunft der Forderung anschließen werde, die Glücksspielindustrie stärker zu regulieren und höher zu besteuern.

Ob diese Forderung tatsächlich zielführend ist, stellen Kritiker einer Überregulierung allerdings häufig in Frage. So warnte zuletzt der britische Glücksspielverband Betting & Gaming Council (BGC) davor, dass eine zu strenge Regulierung zur Abwanderung der Spieler in den Schwarzmarkt führe.