, 01.07.2019

In Großbritannien sind Pferderennen weiterhin hauptsächlich eine männliche Domäne. Eine Studie der Universität Liverpool förderte nun zutage, dass weibliche Jockeys noch immer häufig benachteiligt werden, obwohl sie bei den Pferderennen oftmals erfolgreicher abschneiden als ihre männlichen Konkurrenten.

 

Die wissenschaftliche Untersuchung wurde unter Leitung der Doktorandin Vanessa Cashmore durchgeführt. Sie stützte sich auf die Auswertung der Daten einer 18-jährigen Zeitspanne, bei der über 1,6 Millionen Pferderennen berücksichtigt wurden. Für ihr Vorhaben wurde Vanessa Cashmore von der britischen Reiter-Organisation Racing Foundation und der Stiftung Women in Racing unterstützt und mit Datenmaterial versorgt.

 

Frauen haben höhere Gewinnchancen

Pferderennen Cheltenham

Rennen in Cheltenham (Bild: Wikipedia)

Eines der herausragenden Ergebnisse der Studie ist, dass weibliche Jockeys eine etwas höhere Gewinnwahrscheinlichkeit als männliche Reiter haben. Vanessa Cashmore fand heraus, dass bei ausgeglichenen Verhältnissen die Siegchancen von Frauen bei 52 % gegenüber 48 % ihrer männlichen Konkurrenten liegen.

 

Das Wissen um den weiblichen Erfolg scheint sich jedoch bei vielen Beteiligten noch nicht herumgesprochen zu haben: Menschen, die bei Pferderennen Wetten abgeben, setzen im Zweifelsfall eher auf einen männlichen Jockey.

 

Häufig zu Unrecht, denn laut der Analyse hat ein mit einer Quote von 1:9 bewertetes Pferd mit einem weiblichen Jockey ungefähr dieselbe Siegchance wie ein mit 1:8 vergleichsweise höher eingeschätzter männlicher Reiter. Die schlechtere Einschätzung der weiblichen Jockeys koste die Wettenden der Doktorandin zufolge deshalb viel Geld.

 

Beim diesjährigen Reitsport-Spektakel in Cheltenham untermauerten weibliche Jockeys eindrucksvoll ihre Stärke: Mit Bryony Frost, Lizzie Kelly und Rachael Blackmore gewannen während des viertägigen Turniers gleich drei Frauen prestigeträchtige Rennen.

 

Damit waren 14,3 % der Cheltenham-Gewinner weiblich, obwohl sie nur 9,2 % der Jockeys stellten. Die Doktorandin erklärte zu der herrschenden Diskrepanz in der Wahrnehmung:

The wettende Öffentlichkeit unterschätzt diese Jockeys permanent. Dies könnte ein Indikator für die negative öffentliche Meinung über die Fähigkeiten von Reiterinnen sein.

Weibliche Jockeys unterrepräsentiert

Doch nicht nur die Wettbüros und Wettfreunde in Großbritannien scheinen den Frauen zu wenig zuzutrauen. Auch bei Rennstallbesitzern und Trainern werden Männer bevorzugt. Am deutlichsten zeigt sich das Missverhältnis beim Einsatz von Frauen als Jockeys.

 

So setzten 2018 46 % aller Trainer überhaupt keine Frauen als Jockeys ein. Allerdings sinkt diese Zahl mit zunehmender Größe des Rennstalls: Bei Betrieben mit 100 und mehr Pferden verzichten lediglich 11,4 % auf weibliche Jockeys.

In Großbritannien reiten derzeit etwa 450 Jockeys mit einer Profi-Lizenz. Hinzu kommen rund 300 Amateure, die in ihrer Freizeit an Rennen teilnehmen. Der Anteil weiblicher Jockeys bewegt sich im einstelligen Prozentbereich [Seite auf Englisch] und stieg von 4,6 % (2000) auf 8 % (2012), ehe er wieder auf 6,2 % (2015) sank.

Doch auch wenn Frauen eingesetzt werden, scheint die Zuversicht in ihr Können bei vielen Verantwortlichen nicht sehr hoch ausgeprägt zu sein. Die von Vanessa Cashmore ausgewerteten Daten zeigen, dass weibliche Jockeys bei Rennen eher auf älteren Pferden an den Start gehen.

 

So reiten über 11 % auf Pferden, die älter als 14 Jahre sind, während lediglich 1,7 % der Frauen auf Pferden im Alter zwischen drei und fünf Jahren an den Turnieren teilnehmen. Vanessa Cashmore zufolge gibt es zudem nur eine äußerst schwache Tendenz zur Veränderung, denn die Zahlen lägen über den Zeitrahmen auf einem lediglich schwach ansteigenden Niveau.

 

So dürfte es bei gleichbleibender Entwicklung rund 50 Jahre dauern, bis das Verhältnis von weiblichen und männlichen Jockeys in etwa gleich sei. Dass weibliche Jockeys trotz dieses “materiellen Nachteils” vergleichsweise besser abschneiden, zeige, dass es eine große Diskrepanz in der öffentlichen Wahrnehmung der Frauen und ihrer tatsächlichen Leistung gäbe, so die Doktorandin.

 

Sie schließt ihre Untersuchung mit dem Wunsch, die Akzeptanz der Frauen im Reitsport verbessern zu können:

Ich hoffe, dass diese Untersuchung uns bei der Änderung unserer Einstellung gegenüber weiblichen Jockeys einen Schritt weiterbringt und, noch wichtiger, zu einem geänderten Verhalten beiträgt.

Sollten die Reitsport-Verantwortlichen die erfolgreichen Resultate der Frauen bei den Rennen von Cheltenham richtig analysieren, dürften die Chancen auf die gewünschte Verhaltensänderung beträchtlich steigen.