, November 5, 2018

 

Ein europaweites Recherchenetzwerk analysiert streng vertrauliche Papiere des Weltfußballs. Das Ergebnis: Von der oftmals vielbeschworenen Transparenz ist nur wenig zu sehen. Stattdessen: Der Verdacht von Hinterzimmerabsprachen der erfolgreichsten Klubs. Gibt es geheime Pläne, eine europäische Superliga ins Leben zu rufen?

 

Der 1. FC Bayern und seine Außendarstellung: Macht und Kontrolle?

 

Allianz Arena

Die Allianz Arena in München. Auch künftig BuLi-Austragunsort? (Quelle:pxabay.com/drischdi, licensed under CC0)

Erst vor kurzem sorgte eine Pressekonferenz der Bayern für Aufsehen. Man wolle sich „Polemik und Häme“ nicht länger bieten lassen, hatten insbesondere die Bayernchefs Rummenigge und Hoeneß die anwesenden Pressevertreter wissen lassen. Die Vorstandsetage berief sich auf das Grundgesetz und immer wieder auf den Wert der „Fairness“.

 

Diese eindrückliche Vorstellung vom 19. Oktober ließ tief blicken: Der 1. FC Bayern scheint die Zügel in der Hand halten zu wollen, im Sport und in der Öffentlichkeit. Wie sehr, das lassen einige der neuesten Entwicklungen im Zusammenhang mit Veröffentlichungen der Plattform „Football Leaks“ vermuten.

 

Das Magazin „Der Spiegel“ hat sie im Recherchenetzwerk „European Investigative Collaborations“ (EIC) gemeinsam mit 14 weiteren europäischen Redaktionen aufbereitet. Unter ihnen befindet sich auch der NDR, der dem Thema am Sonntagabend eine Dokumentation widmete.

 

Football Leaks: Kein Ende der Enthüllungen in Sicht

 

Mit weiteren über 70 Millionen Dokumenten ist Football Leaks das größte Datenleck der Geschichte. Und ein beeindruckender Blick hinter die Kulissen eines Sports, der weltweit über so viel Macht verfügt wie kein anderer. Während vordergründig „Werte“ und „Fairness“ propagiert werden, scheint es hinter verschlossen Türen und in vertraulichen Kommunikationen in erster Linie um einen Wert zu gehen: Den des Geldes.

 

Nachdem bereits etliche Spitzenfußballer und Funktionäre über Football Leaks stolperten und ihre kreativen Steuermodelle offenlegen mussten, haben die Whistleblower nun erneut zum Angriff geblasen.

Diesmal im Fokus: Das Wirken der großen Verbände und ihrer Chefs. „Der Spiegel“ kündigt an, in den kommenden Wochen nach und nach weitere Skandale rund um den Spitzensport ans Licht zu bringen.

 

Eine neue europäische Superliga?

 

„500 Millionen Euro plus“. So viel würden jedem der großen europäischen Fußballklubs jährlich winken, wenn man den Ausführungen von Charlie Stillitano glauben darf. Dazu müssten die Vereine einfach nur die Organisation einer “Elite”-Liga selbst in die Hand nehmen.

Zum Vergleich: Real Madrid erhielt nach dem Champions League-Sieg 2016 „nur“ rund 80 Millionen von der UEFA.

 

„Der Fußball muss wachsen“

 

Der US-Amerikaner Stillitano ist einer der umtriebigsten Funktionäre im internationalen Fußball. So organisiert sein Unternehmen „Relevant Sports“ unter anderem die jährlich größtenteils in den USA stattfindende Turnier-Serie „International Champions Cup“, zu der auch die großen europäischen Vereine einfliegen.

Das Credo Stillitanos: „Der Fußball muss wachsen.“

 

Seine Idee: Eine europäische Superliga, in der jedes Spiel ein Spitzenspiel ist. Teilnehmer: Die europäischen Mannschaften mit der stärksten TV-Präsenz. Die Creme de la Creme für 34 Wochen immer dienstags, mittwochs und samstags. Inklusive K.O.-Runde zum Abschluss der Saison. Und das alles ganz ohne die UEFA.

 

Somit wäre die neue Superliga rein privatwirtschaftlich organisiert und die Vereine Anteilseigner. Eine Win-Win-Situation, für alle, die dabei wären.

Für die anderen eher nicht.

 

European Super League: Ließ der FC Bayern Bundesliga-Ausstieg prüfen?

 

Geht man nach den vom Recherchenetzwerk bearbeiteten Dokumenten schien der 1. FC Bayern München ein solches Gedankenspiel nicht kategorisch auszuschließen. Den Enthüllungen zufolge wandte sich der Chefjustiziar des Vereins, Michael Gerlinger, im Februar 2016 an eine internationale Anwaltskanzlei:

Die Juristen sollten prüfen, ob und wie Vereine aus internationalen Wettbewerben aussteigen können. Auch die rechtlichen Bedingungen für das Verlassen nationaler Ligen und Verbände sollen genau untersucht werden.

 

Im Klartext: Der 1. FC Bayern schien gewillt, dem Fußball, wie er bisher existierte, den Rücken zugunsten einer europäischen Superliga zu kehren. Keine Champions-League, keine deutsche Meisterschaft und – wenn möglich – kein Einsatz von Bayernspielern in der Nationalmannschaft.

 

In der dem Spiegel vorliegenden Kommunikation möchte Justiziar Gerlinger von den Juristen wissen, ob die UEFA die Super League-Vereine für mögliche Einnahmeverluste haftbar machen könnte, ob Spieler von Verbänden oder Ligen für ihre Teilnahme an der Super League bestraft werden könnten und ob es theoretisch nach einem Ausstieg aus den nationalen Ligen eine Verpflichtung der Vereine gäbe, Spieler für die Nationalmannschaften abzustellen.

 

Die europäischen Topklubs: Eine eingeschworene Gemeinschaft?

 

Zeitgleich zu den Anfragen der Bayern begannen den Recherchen der Journalisten zufolge auch weitere europäische Topklubs, mögliche Optionen auszuloten. Neben Bayern München bildeten Real Madrid, der FC Barcelona, Juventus Turin, der AC Mailand, Manchester United und der Londoner FC Arsenal die Gruppe, deren Interesse der Einführung einer europäischen Superliga gegolten haben könnte.

 

Karl Heimz Rummenigge

Karl-Heinz Rummenigge (Quelle:Michael Lucan, Licensed under CC-BY-SA 3.0)

Während sein Verein laut der Recherchen die rechtlichen Rahmenbedingungen und Konsequenzen der möglichen Einführung einer Superliga prüfen ließ, wählte Bayernboss Rummenigge wohl einen anderen Weg:

Den großen Klubs lägen Angebote zur Teilnahme an einer Superliga vor, gab der Funktionär bei einem Treffen der European Club Association (ECA) bekannt, und beschwor die UEFA „die Einigkeit im Fußball“ zu bewahren. Die ECA ist ein mächtiges Bündnis von 220 europäischen Vereinen, Rummenigge war zu diesem Zeitpunkt seit acht Jahren ihr Vorsitzender.

 

Auf Druck der Vereine? UEFA beschließt CL-Regeländerungen

 

Was sich ein bisschen nach Machtspielchen anhört, könnte Wirkung gezeigt haben: Im August 2016 beschlossen die UEFA-Verantwortlichen eine Champions-League-Reform, die seit der laufenden Saison zum Tragen kommt. In erster Linie profitieren die leistungsstarken Teams:

 

Zum einen qualifizieren sich der Sieger der UEFA Europa League und die vier Top-Mannschaften der vier bestplatzierten nationalen Verbände automatisch für die Champions League.

Neu ist auch, dass das Antrittsgeld in der Gruppenphase niedriger ist als zuvor. Dafür werden nun Punktgewinne und das Erreichen der K.O.-Phase finanziell deutlich stärker honoriert. Hinzukommen Zahlungen, die sich am sogenannten „Klubkoeffinzienten“ orientieren.

Dieser bemisst sich an einer Fünfjahreswertung der Vereine und garantiert den auf europäischem Parkett dauerhaft erfolgreichen Klubs weitere lukrative Ausschüttungen. Seltener vertretene und weniger siegreiche Vereine haben das Nachsehen.

Der Schlüssel zur Verteilung der Einnahmen durch Werbe-und Fernsehrechte der Championsleague wird alle drei Jahre neu festgelegt.

Mit den 2016 geänderten Regeln steigt die Prognose der zu erwartenden Ausschüttungen an die Vereine bei der UEFA-Champions League in dieser Saison auf über zwei Milliarden Euro.

Das ist ein Plus von 44,5 % im Vergleich zur Vorsaison. In der Saison 2006/2007 hatte die UEFA noch 593 Millionen an die teilnehmenden Vereine ausgeschüttet.

Durch die Gründung der UEFA Club Competitions SA (UCC) im Sommer 2017, wächst zudem der Einfluss der ECA auf die UEFA bedeutend. Hierzu heißt es auf der Website der UEFA:

Der UCC ist eine Tochtergesellschaft der UEFA, deren Mitglieder zur Hälfte von der UEFA und zur anderen Hälfte von der Europäischen Klubvereinigung (ECA) ernannt werden.

 

Die Aufgabe des UCC ist es, die UEFA-Kommission für Klubwettbewerbe zu beraten und Empfehlungen in strategischen Geschäftsangelegenheiten zu geben sowie Prüfmöglichkeiten zu schaffen, bevor diese an das UEFA-Exekutivkomittee zur Abstimmung weitergegeben werden.

 

Der UCC befasst sich nicht mit sportlichen Themen, sondern nur mit geschäftlichen Angelegenheiten.

Doch trotz der Zugeständnisse der UEFA scheint das Thema „European Super League“ keineswegs vom Tisch zu sein.

 

Die „bindende Absichtserklärung“ und die „unabsteigbare“ Elite

 

Laut Spiegel-Recherche ging in der Nacht zum 22. Oktober dieses Jahres eine Mail beim spanischen Klub Real Madrid ein. Im Anhang: Der Entwurf einer „bindenden Absichtserklärung“ für elf europäische Spitzenvereine.

 

Der Entwurf lässt die Vermutung zu, dass elf Gründervereine planen, gemeinsam eine Firma in Spanien einzutragen. Diese solle dem Dokument zufolge künftig allein für die Organisation, Durchführung und Vermarktung einer „European Super League“ zuständig sein.

Den Leaks zufolge wäre der 1. FC Bayern mit 8,29 % der Firmenanteile nach Real Madrid, dem FC Barcelona und Manchester United der viertgrößte Anteilseigner der Super League-Firma.

 

Die elf Gründungsmitglieder planen laut Absichtserklärung, sich von der UEFA loszusagen und als Elite in der Super League zu spielen. Für die kommenden 20 Jahre soll der Verbleib dieser Vereine in der Superliga gesetzt sein. Mit fünf weiteren Klubs, die als „Anfängliche Gäste“ eingeladen würden, bestünde die Superliga ab 2021 aus den 16 Top-Mannschaften Europas.

Gründungsmitglieder der European Super League wären laut der geleakten Dokumente der FC Bayern München, Real Madrid, der FC Barcelona, Manchester United, Juventus Turin, der FC Chelsea, der FC Arsenal, Paris Saint-Germain, Manchester City, der FC Liverpool und AC Mailand.

 

Als Gäste würden Borussia Dortmund, Olympique Marseille, Atlético Madrid, Inter Mailand und AS Rom gehandelt.

 

Deutsche Funktionäre: „Abschied aus der Bundesliga kommt nicht in Frage“

 

Während der Geschäftsführer von Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke, die konkrete Absichtserklärung nicht kommentieren möchte, bestreitet er nicht, dass die Überlegung einer Super League durchaus im Raum steht. Konkrete Pläne gebe es aber nicht. Wichtiger noch: Ein Ausstieg aus der Bundesliga komme für den BVB keinesfalls in Frage: „Das ist die Brandmauer“.

 

Die Bayern, die laut den Enthüllungen von Football Leaks eine führende Rolle im Nachdenken über eine Superliga eingenommen haben könnten, äußern sich nach Bekanntwerden der Recherchen ähnlich. Auch für Rummenigge kommen ein Verlassen der Bundesliga und der UEFA laut eigener Angabe nicht in Frage:

“Wir stehen total zu unserer Mitgliedschaft in der Bundesliga und analog auch zu den UEFA-Wettbewerben. Das haben wir nie infrage gestellt.”

Zuvor hatte der Verein in einer Pressemitteilung klargestellt, mit neuerlichen Verhandlungen in Bezug auf einen Super League nichts zu tun zu haben. Diesbezügliche Pläne seien den Bayern „weder bekannt“, noch habe man „an Verhandlungen hierzu teilgenommen“. Dem FC Bayern sei auch nicht bekannt, „warum er hier in einem vom ,Spiegel‘ zitierten Dokument aufgeführt wird“.

 

Laut Spiegel-Informationen sollten die ersten 16 Vereine der European Super League die Absichtserklärung noch im November unterschreiben.

Würde der vermeintliche Plan in die Wirklichkeit überführt, müsste der europäische Fußball vermutlich ganz neu gedacht werden, sowohl von den Vereinen und Verbänden, als auch von Spielern und Fans.

 

Daran, ob, wie und wann das vermeintlich brisante Dokument zum Tragen kommt, wird sich auch der FC Bayern messen lassen müssen. Stichwort „Transparenz und Fairness“.