, 08.10.2020

Heute Nachmittag trifft sich der Parlamentarische Untersuchungsausschuss (PUA) zum Bilanzskandal von Glücksspiel-Finanzdienstleister Wirecard zu seiner konstituierenden Sitzung. Die Parlamentarier sollen aufklären, wie es zu dem laut Medienberichten, „wohl größten Betrugsskandal der Nachkriegsgeschichte“ kommen konnte. Gleichzeitig tauchen Hinweise auf, dass der ehemalige DAX-Konzern bereits im Jahr 2010 wegen seiner Aktivitäten im Bereich Online-Glücksspiel ins Visier der Strafermittlungsbehörden geraten war.

 

Verantwortliche „vor die Flinte“ nehmen

 

Der Wirecard-PUA soll heute um 15 Uhr erstmals zusammenkommen. Das überparteiliche Gremium dürfte vor einer Mammutaufgabe stehen. Fabio Di Masi, finanzpolitischer Sprecher von Die Linke und Obmann seiner Partei im PUA, zeigt sich jedoch kämpferisch. Dem rbb-Inforadio gegenüber erklärte der Politiker:

Wir müssen uns ja jetzt erstmal einlesen in die Akten, denn vieles haben wir ja vorenthalten bekommen in den letzten Wochen von der Bundesregierung. Das können wir jetzt anders anfordern als Untersuchungsausschuss. Und dann nimmt man sich diese Leute meistens vor die Flinte, wenn man gut bewaffnet ist.

Es wird nicht nur zu klären sein, wo die vielen Millionen des scheinbar so florierenden ehemaligen DAX-Konzerns abgeblieben sind. Besonders interessant dürfte werden, wer seit wann gewusst haben könnte, dass es sich bei Wirecard um eine teure „Luftnummer“ handelte.

 

Laut Di Masi müssten auch mögliche Verwicklungen von Nachrichtendiensten und Verbindungen nach Österreich genau unter die Lupe genommen werden.

 

Verschleierte Wirecard vorsätzlich illegale Online-Zahlungen?

 

Besondere Aufmerksamkeit dürfte die Frage erhalten, ob der Finanzskandal vielleicht schon früh abwendbar gewesen wäre: Aktuellen Recherchen des Magazins Finance Forward zufolge hatte die Staatsanwaltschaft München I den Zahlungsdienstleiter schon vor einer Dekade ins Visier genommen.

Das ZDF berichtet, dass der Wirecard-PUA die A-Liga der deutschen Polit-Prominenz geladen hat. Hierzu gehören Bundeskanzlerin Merkel, Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Scholz und Wirtschaftsminister Altmaier. Ebenfalls aussagen sollen Bayerns Ministerpräsident Söder und der Leiter der Bayerischen Staatskanzlei Herrmann. Auch Ex- Wirtschafts- und Verteidigungsminister zu Guttenberg, der zeitweise als Lobbyist für Wirecard tätig war, soll auf dem heißen Stuhl Platz nehmen.

Im Jahr 2010, so habe eine Sprecherin bestätigt, habe es ein Verfahren gegen „unbekannte Verantwortliche der Wirecard-Gruppe“ gegeben. Dabei sei es um „Finanztransaktionen im Zusammenhang mit Online-Glücksspiel in den USA“ gegangen. Die Ermittlungen seien jedoch 2012 eingestellt worden.

 

Unter Berufung auf Insider-Informationen berichtet Fast Forward, dass Wirecard damals im Verdacht gestanden habe, ein System installiert zu haben, dass illegale Zahlungsflüsse von Online-Casinos verschleiert habe.

 

Es bleibt abzuwarten, inwieweit es den Parlamentariern gelingen wird, Licht ins Dunkel der Wirecard-Vorgänge zu bringen. Vielleicht lohnt sich ein Blick zum Nachbarn Österreich und seinen Untersuchungsausschuss zum ebenfalls hochprominent besetzten Ibiza-Skandal. Von Aufklärung noch immer weit entfernt, liefert er zumindest regelmäßig Schlagzeilen.

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