, September 16, 2018

Nährwertangaben zu Kalorien oder Fettgehalt eines Produkts geben Konsumenten im Supermarkt einen guten Überblick über die gesundheitlichen Aspekte von Lebensmitteln. In Kanada haben jetzt Forscher Spielautomaten mit vergleichbaren Etiketten ausgestattet, um ihre Auswirkungen auf ein gesünderes Spiel zu untersuchen.

 

Ausgangspunkt der zwei Professoren der University of Waterloo im ostkanadischen Bundesstaat Ontario war die Frage, inwieweit Informationen zu Gewinnchancen auf einzelnen Spielautomaten das Verhalten der Spieler beeinflussen und ob diese Daten letztlich zu einem bewussteren Spielverhalten führen.

 

Slot-Labels in Anlehnung an Lebensmittel-Ampeln

Im Rahmen einer Feldstudie statteten die Forscher eine Reihe von Slots mit Infoplaketten aus, die vom Design her an Lebensmittel-Ampeln angelehnt waren, wo der Konsument auf den ersten Blick erfährt, wie hoch beispielsweise die Fett-, Salz- oder Zuckeranteile je Portion oder 100 Gramm sind.

 

Statt der Lebensmittelnährwerte gaben die Etiketten des Forschungsprojekts detailliert Info zu der Häufigkeit von Bonus-Zahlungen, der Höhe der durchschnittlichen Gewinne oder der Auszahlungsrate und Volatilität der betreffenden Video Slots.

 

Die Etiketten sollen dafür sorgen, dass Spieler bewusst spielen

Ziel der umfassenden Information war, den Spielern genau darzulegen, wie ihre Chancen bei einem Gerät stehen. Dahinter steht die Hoffnung, dass die Zocker angesichts der oftmals geringen Chancen und niedrigen Ausschüttungen dazu verleitetet werden, ihr Spielverhalten zu hinterfragen und in Zukunft bewusster sowie weniger an den Automaten zu spielen.

 

Kevin Harrigan ist einer der beiden Initiatoren. Er hofft, dass Spieler mit Hilfe der Etiketten die Geräte besser einschätzen können. Denn diese seien von Grund auf so konzipiert, dass sie den Spielern durch Sound- und Lichteffekte sowie vielfältigste Animationen vorgaukeln, Geldgewinne zu erzielen oder kurz vor dem Gewinn eines Jackpots stehen, obwohl sie tatsächlich Geld verlieren oder nur Cent-Beträge ausgeschüttet bekommen.

 

Die ‘Slot-Ampel’ sollte deshalb frei von Effekten aufzeigen, wie die Chancen der Kunden stehen. Sein Kollege Dan Brown entwickelte deshalb Labels, die vom Design her sehr nah an den in der US-Lebensmittelindustrie verwendeten Sticker mit Nährwertangaben liegen. Harrigan sagt zu der Intention des Projekts:

Ich dachte mir, dass das Design der Geräte Teil des Problems ist. Besonders der Sound irritiert die Leute. Wenn wir sie fragen, wie viel sie gewonnen haben, schätzen sie ihre Gewinne angesichts der anfeuernden Sounds meistens zu hoch ein. Hier sind zusätzliche Informationen nötig, damit die Einschätzung stimmiger wird. Daher unser Projekt.

Widersprüchliche Ergebnisse der Studie

Sticker

Sticker-Beispiel (Bild: olg)

Ein Resultat der dreiwöchigen Untersuchung war, dass sich die Spieler besser über die Funktionalität und Chancenverteilung Geräte informiert fühlten. Insbesondere die Ausschüttungsquote zeigte ihnen, welchen Anteil das Casino einbehielt. Jedoch führten die Labels bei Spielern mit problematischem Verhalten zum gegenteiligen Ergebnis: Da sie die Auszahlungsraten kannten, spielten sie im Verlustfall nur umso mehr, da sie das Gefühl hatten, dass eine Auszahlung des betreffenden Slots nun unmittelbar bevorstünde.

 

Zur praktischen Durchführung der Studie kontaktierten die Professoren die zuständige Glücksspiel-Organisation Ontario Lottery and Gaming Corporation (OLG). Dies veranlasste die Installation der Labels auf etwa 250 Automaten des Grand River Raceway Casinos in Elora.

 

Ursprünglich hatte Harrigan auch die durchschnittlichen Kosten, die ein Slot in der Stunde verursacht, auf die Etiketten drucken wollen. Der Forscher schätzt diese auf 75 bis 100 Dollar. Da der Betrag jedoch nur äußerst schwer zu ermitteln ist, verzichteten die Forscher auf diese Angabe.

 

Sheona Hurd, bei der OLG verantwortliche Direktorin zur Förderung von Strategien für mehr soziale Verantwortung, ist vom Erfolg des Experiments überzeugt. Es helfe Spielern dabei, die Slots besser einzuschätzen. Deshalb wird die OLG die Studienergebnisse und das Feedback der Beteiligten analysieren, um darauf aufbauend im weiteren Verlauf des Jahres eine erneute Studie mit verbesserten Labels durchzuführen.

 

Die Etiketten sind nur Teil einer breit angelegten Strategie der OLG, um ein problembewusstes Spielverhalten in der Bevölkerung zu fördern. Denn Schätzungen zufolge haben allein in Ontario 250.000 Menschen ein Problem mit dem Glücksspiel.

 

Die beiden Organisatoren Harrigan und Brown hoffen, dass sie die OLG dabei unterstützen können, Spieler über die Risiken des Glücksspiels in Zukunft besser aufzuklären. Brown meint dazu:

Wir wissen, dass die gesundheitlichen Folgen des Glücksspiels real und schwerwiegend sind. Die Glücksspiel-Betreiber dürfen ihre Kunden deshalb nicht mit falschen Versprechungen in die Irre führen. Wir wollen helfen, damit die Spieler über die Chancen und Gefahren besser aufgeklärt werden.

Auch Deutschland von dem Problem betroffen

Da die Spielsucht auch hierzulande weit verbreitet ist, würden Forschungen zum Thema sicher dabei helfen, bessere Methoden zur Förderung eines verantwortungsvollen Spiels zu entwickeln.

 

Es ist zurzeit allerdings nicht abzusehen, ob und wann Chancen auf den Test vergleichbarer Information an Spielautomaten in Deutschland zu erwarten sind. Betrachtet man die bisher erfolgreiche Lobby-Arbeit der deutschen Lebensmittelbranche gegen die Einführung einer Lebensmittel-Ampel, wie sie in vielen anderen Staaten längst üblich ist, erscheinen die Chancen im Casino-Bereich zweifelhaft.

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