, June 29, 2019

Warwick Bartlett, Chef der britischen Beratungsfirma gbgc (global betting & gaming consultants), sagt der landbasierten Casino-Industrie des Vereinigten Königreichs dunkle Zeiten voraus.

 

Warwick Bartlett bei einem Interview

Warwick Bartlett zweifelt an der Zukunft britischer Wettbüros. (Quelle: YouTube)

In einem am Donnerstag veröffentlichten Interview mit dem Branchenportal gamblinginsider.com kritisierte Bartlett vor allem die Neuregulierung der Fixed-Odds-Betting-Terminals (FOBTs), die die Automatenbetreiber hart getroffen habe.

 

Der Maximaleinsatz an den Spielautomaten, die in Großbritannien vornehmlich in Wettbüros und auf Pferderennbahnen zu finden sind, wurde seit dem April 2019 von 100 Pfund (ca. 110 Euro) auf 2 Pfund (ca. 2,20 Euro) reduziert. Resultat waren ein drastischer Einbruch der Gewinnerwartungen der Anbieter sowie drohende Schließungen von Wettbüros.

 

Hunderte Wettbüros werden schließen

 

Bartlett, der als graue Eminenz der britischen Buchmacherszene gilt und bereits im Jahre 1992 die Branchenvertretung „British Betting Office“ gründete, prognostiziert die Schließung von Hunderten von Wettbüros in ganz Großbritannien.

 

Betroffen seien keine einzelnen Automatenbetreiber. Die komplette Industrie leide unter den Auswirkungen der Einsatzreduzierung für FOBTs. Nutznießer der Misere seien die Online-Casinos und Online-Buchmacher, die sich über steigende Kundenzahlen freuen dürften:

„Der britische Markt für Online-Glücksspiel wächst weiter. Ich denke, es wird durch die Tatsache, dass Hunderte von lizenzierten Wettbüros schließen werden, einen Schub bekommen (…). Große Anbieter und unabhängige Buchmacher schließen jetzt allesamt Wettbüros und ihre Kunden müssen entweder ein anderes Wettbüro finden oder online wetten.“

Englische Traditionsbuchmacher profitierten nur dann weiterhin von ihrem Geschäft, wenn die Ladenkundschaft erfolgreich auf die eigenen Online-Angebote umgeleitet werden könne. Keine leichte Aufgabe auf einem umkämpften Markt, der sich immer neuen Regulierungsvorhaben stellen muss.

 

Die Katze beißt sich selbst in den Schwanz

 

Bartlett trifft mit seinen Aussagen über die potenzielle Abwanderung der Ladenkunden in den virtuellen Raum einen empfindlichen Nerv. Sollte dies tatsächlich geschehen, stünde der Nutzen der reduzierten Spieleinsätze komplett infrage.

 

Schließlich wollten Politik und Glücksspielregulatoren durch die Beschränkung den Spielerschutz stärken und die Gefahren hoher Verluste begrenzen. Ironischerweise könnte allerdings das genaue Gegenteil passieren.

Nicht nur Spielverluste rückten die FOBTs ins schlechte Licht

 

Dass sich Politiker so vehement gegen die FOBTs einsetzten, ist nicht nur mit dem Spielerschutz begründbar. Schon seit Jahren hielten sich hartnäckige Gerüchte, dass die Spielautomaten zum Waschen von Drogengeldern genutzt würden.

 

Mitunter wurden britische Buchmacher sogar mit Bußgeldern belegt, weil Drogendealer in ihren Wettbüros Geld wuschen. In einem prominenten Fall aus dem Jahre 2013 musste der Wettanbieter Coral eine Geldstrafe in Höhe von 90.000 Pfund (ca. 100.000 Euro) bezahlen, weil ein Drogendealer in den Wettshops der Marke knapp eine Millionen Pfund (ca. 1,1 Millionen Euro) gewaschen hatte.

Sollten Spieler ihr Geld zukünftig auf Online-Plattformen ausgeben, weil die in Wettbüros angebotenen Niedrigeinsätze schlichtweg unattraktiv erscheinen, gäbe es so gut wie keine Kontrolle über deren Spiel- und Setzverhalten.

 

Auch eine persönliche Betreuung der spielenden Kundschaft, wie sie heute in den Wettbüros möglich ist, wird online bislang kaum umgesetzt.

 

Welche Optionen gab es?

 

Zähler von Verlusten an FOBTS

Die Kampagne “Gambling Related Harm APPG” forderte eine Senkung der Einsätze. (Quelle: Twitter)

In Bartletts Augen wäre eine schrittweise Reduzierung des Einsatzmaximums ein praktikabler Ansatz gewesen, um die negativen Auswirkungen auf die Industrie zu begrenzen. Auch die Spieler hätten sich so womöglich besser an die neue Realität gewöhnen können.

 

Die Regierung habe überreagiert und sei mit „drakonischen“ Mitteln vorgegangen. Statt einer Senkung auf 2 Pfund, wäre eine Einsatzreduzierung auf 30 Pfund (ca. 33 Euro) vernünftig gewesen und auch von der UK Gambling Commission akzeptiert worden.

 

Nun stehe man dem Problem der Zerstörung einer Industrie und vieler Arbeitsplätze gegenüber.

 

So reagierten die Aktien der britischen Glücksspielanbieter

 

Die Aktien der britischen Wettbürobetreiber reagierten auf die Nachricht von der Senkung des Einsatzmaximums empfindlich. So gab das Wertpapier von William Hill seit Juli 2018 mehr als 50 % an Wert ab.

 

Im Wert sank auch die Aktie des Wettbüro-Betreibers Paddy Power und des Mutterkonzerns Flutter Entertainment. Sie büßte im selben Zeitraum knapp ein Drittel ihres Wertes ein.

 

Ob sich die Unternehmen vom FOBT-Debakel erholen, könnte letztlich an einem anderen Ort als Großbritannien entschieden werden: den USA. Dort werden Sportwetten von den US-Bundesstaaten zunehmend reguliert und könnten den englischen Firmen hohe Umsätze bescheren.