Montag, 03. Oktober 2022

Neue Studie: Präventionsmaßnahmen könnten Spielsucht verstärken

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Spielsucht ist eine ernstzunehmende Krankheit (Bild: getty)

Eine neue Studie [Artikel auf Englisch] des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel will herausgefunden haben, dass sich Spielerschutzmaßnahmen wie geringe Gewinnchancen negativ auf Problemspieler auswirken können.

Die Untersuchung mit dem Titel „It’s all about gains: Risk preferences in problem gambling“ wurde im Journal of Experimental Psychology: General der American Psychological Association veröffentlicht. Sie basiert auf einer empirischen Erhebung, bei der 74 Probanden im Hinblick auf ihre Wahrnehmung bei drohenden Verlusten und lockenden Gewinnen befragt wurden.

Gewinnchancen werden von Problemspielern überschätzt

Eine wichtige Erkenntnis aus der Studie ist die Feststellung, dass Spielsüchtige im Vergleich zu Nicht-Betroffenen Gewinnchancen anders wahrnehmen als Verlustaussichten. Die richtige Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten ist bei ihnen offenbar anders geregelt als bei Personen, die nicht spielen. So wirken in der Präventionsarbeit zwar die Hinweise auf Verluste, nicht jedoch eine Anmerkung, dass die Gewinnwahrscheinlichkeit bei einem Spiel sehr gering ist.

Die Forscher konfrontierten die Teilnehmer der Studie mit mehreren Entscheidungssituation

Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel

Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel (Bild: wikipedia.org)

en. Dabei waren die Probanden in drei Gruppen unterteilt: 26 Nichtspieler, 23 Hobbyspieler und 25 Problemspieler. In den insgesamt 29 Entscheidungen fiel auf, dass die Gruppe der pathologischen Spieler sich öfter für die risikoreichere Variante entschied.

Offenbar überschätzten sie die eigentlich sehr geringen Gewinnchancen der angebotenen Alternative. Zur Wahl stand auf der anderen Seite eine sichere Auszahlung, doch diese schlugen viele Spieler in der Hoffnung aus, bei der anderen Option noch mehr zu gewinnen.

Die Angst vor Verlust gibt es auch bei pathologischen Spielern

Im Gegensatz zur verkehrten Wahrscheinlichkeitseinschätzung von Problemspielern konnten die Forscher aus Kiel jedoch aus herausfinden, dass der Hinweis auf einen drohenden Verlust sowohl bei Problemspielern als auch bei Gelegenheits- oder Hobbyspielern ein Gefühl von Angst auslöste.

So konnten keine Unterschiede in der Reaktion auf eine Entscheidung festgestellt werden, bei der ein sicherer Verlust die Alternative war. Der daraus resultierende emotionale Stress wurde sowohl bei allen drei Untersuchungsgruppen beobachtet.

Präventionsstrategien müssen eventuell neu überdacht werden

Die Reduzierung von Gewinnen ist ein gängiges Mittel im Rahmen der heutigen Spielsuchtprävention. Neben Aufklärungskampagnen, beschränkten Einsatzmöglichkeiten wie zuletzt an den umstrittenen FOBTs in Großbritannien, und Spielersperren oder anderen Limits sind die Hinweise auf eine extrem geringe Gewinnwahrscheinlichkeit ein wichtiger Bestandteil der Präventionsstrategie. Patrick Ring vom Institut für Weltwirtschaft ist Erstautor der Studie und erklärt dazu:

„Das ist besonders wichtig, wenn man die derzeitige Präsentation von Glücksspielen betrachtet, bei der meist nur auf die Gewinnwahrscheinlichkeit hingewiesen wird. Spielsüchtige reagieren darauf besonders anfällig, weil sie diese niedrige Gewinn­wahr­scheinlichkeit im Kopf höher wahrnehmen.“

Als Paradebeispiel nennt Patrick Rings Kollege und Co-Autor Ulrich Schmidt die deutsche Lotterie 6aus49. Hier gilt eine Gewinnwahrscheinlichkeit von 1:140 Millionen. Diese Angaben sind auf jedem Lottoschein zu finden. Eine Alternative sehen die Forscher aus Kiel nun darin, statt auf die Gewinnaussichten auf die Verlustgefahr hinzuweisen:

„Wenn die Spielveranstalter ihrer Verantwortung nachkommen wollen, Glücksspielsucht vorzubeugen, dann müssen sie darüber nachdenken, nicht nur anzugeben, wie groß die Wahrscheinlichkeit auf den Hauptgewinn ist, sondern insbesondere, wie häufig Spieler leer ausgehen.“

180.000 Menschen in Deutschland leiden an Spielsucht

In Deutschland gelten rund 180.000 Personen als spielsüchtig. Dabei hat die Sucht schwerwiegende Folgen für die Betroffenen und ihr Umfeld. Arbeitsverlust, Einsamkeit und Beschaffungskriminalität sind nicht selten Begleiterscheinungen einer Spielsucht.

Die Zahl der pathologischen Spieler verzeichnet jedoch einen Abwärtstrend. So zeigte das Jahrbuch Sucht 2018, eine Veröffentlichung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. einen Rückgang von 35.000 Problemspielern im Vergleich zum Vorjahr. Korrespondierend werden auch Beratungs- und Therapieangebote häufiger wahrgenommen.