, 09.02.2021

Das Online-Glücksspiel soll in Deutschland in diesem Jahr erstmals bundesweit legalisiert und reguliert werden. Gespielt wird in Online-Casinos in Deutschland tatsächlich jedoch schon seit fast 20 Jahren. Warum also hat die Politik den Trend so lange ignoriert und zum Teil aktiv bekämpft? Und wird der Glücksspielstaatsvertrag 2021 tatsächlich Einfluss auf das Spielverhalten der Deutschen nehmen?

 

Die 90er Jahre: erste Vorläufer von Online-Glücksspielen

Mit der globalen Ausbreitung des Internets seit Anfang der 90er Jahre ließen die ersten Online-Glücksspiele nicht lange auf sich warten. Der noch heute international erfolgreiche Spielhersteller Microgaming entwickelte im Jahr 1994 als erster eine Glücksspiel-Software und launchte mit „The Gaming Club“ das weltweit erste Online-Casino.

 

The Gaming Club Online-Casino Spielkarten Würfel Jetons

Microgaming launchte 1994 das weltweit erste Online-Casino The Gaming Club (Bild: The Gaming Club)

Ein Jahr später steuerte der irische Software-Entwickler CryptoLogic die ersten Verschlüsselungsprotokolle bei, die für Sicherheit bei Transaktionen in Online-Casinos sorgen sollten. Die technologischen Weichen waren somit grundsätzlich gestellt, jedoch fehlte in ganz Europa die notwendige Gesetzgebung.

 

Anders sah es auf der anderen Seite des atlantischen Ozeans aus. Als erstes Land weltweit erlaubte und regulierte 1994 das Karibikland Antigua und Barbuda das Online-Glücksspiel.

 

Die zweite Glücksspielaufsicht der Welt entstand anschließend 1996 in Kanada. Die Kahnawake Gaming Commission stellt noch heute Lizenzen für Online-Glücksspiele aus.

 

Im Jahr 1998 wurde mit Planet Poker dann der erste Online-Pokerraum mit Echtgeld eröffnet. Im gleichen Jahr launchte darüber hinaus Microgaming den weltweit ersten progressiven Jackpot Slot Cash Splash.

Nach der Jahrtausendwende begannen auch die Gesetzgeber Europas, das Online-Glücksspiel zu legalisieren und entsprechende Lizenzen auszustellen. Ein chronologischer Überblick:

 

  • Malta: Regulierung und Lizenzierung durch die Malta Gaming Authority seit 2001
  • Großbritannien: Legalisierung 2005, Regulierung durch die UK Gambling Commission seit 2007
  • Italien: Legalisierung und Lizenzierung durch die Zollverwaltungsbehörde (ADM) seit 2006
  • Frankreich: Partielle Markteröffnung für Online-Glücksspiel im Jahr 2010
  • Belgien: Lizenzierung von Online-Glücksspiel-Anbietern seit 2011
  • Spanien: Legalisierung von Online-Glücksspiel im Jahr 2011, Lizenzvergabe seit 2012
  • Dänemark: Partielle Markteröffnung und Regulierung durch die Spillemyndigheden seit 2012
  • Portugal: Legalisierung und Regulierung seit 2015
  • Schweden: Legalisierung und Regulierung durch die Spelinspektionen seit 2019
  • Schweiz: Legalisierung im Jahr 2019, Lizenzvergabe jedoch ausschließlich an konzessionierte Spielbanken.
  • Niederlande: Legalisierung und Lizenzierung im Jahr 2021

Der Moneymaker-Effekt – Interesse am Online-Poker irreversibel geweckt

Chris Moneymaker beim Poker WSOP 2003

Mit seinem Sieg der WSOP 2003 kreierte Chris Moneymaker einen weltweiten Online-Poker-Boom (Bild: YouTube)

Während zahlreiche europäische Länder ihre Gesetze im Laufe der Jahre an die wachsende Beliebtheit von Online-Glücksspielen angepasst haben, ist Deutschland zu keinem Zeitpunkt auf den Zug aufgesprungen.

 

Gezockt wurde im Internet trotzdem. Ein erster großer Boom wurde im Jahr 2003 verzeichnet, denn der sogenannte „Moneymaker-Effekt“ ging auch an Deutschland nicht vorbei.

 

Der Begriff geht auf den heute weltweit bekannten US-amerikanischen Poker-Spieler Chris Moneymaker zurück [Infos und Statistiken auf Englisch].

Als Amateur-Spieler gewann dieser 2003 die World Series of Poker (WSOP) und sackte dabei einen Gesamtpreis von 2,5 Mio. USD ein. Sein Sieg war damals für viele Glücksspiel-Interessierte der Beweis, dass jeder, der genügend Talent und Scharfsinn hat, es mit den Profis aufnehmen und mit Poker Geld verdienen kann.

Die große Nachfrage nach Online-Poker ging zwar an der Politik, nicht aber an der Industrie vorbei. Online-Pokerräume wie PokerStars und PartyPoker wurden und werden auch heute noch von Spielern aus Deutschland besucht.

 

Deutsche Spieler suchen aktiv nach Online-Glücksspiel

Poker Chip

Starke Nachfrage nach Online-Poker zwischen 2004 und 2006 (Bild: UiHere)

Eine Analyse der Daten von Google Trends zeigt eindeutig, dass das Interesse der Deutschen an diversen Online-Glücksspielen bereits seit mehr als 15 Jahren sehr stark ist.

 

Seit 2004 gab es einen raschen und starken Anstieg der Suchanfragen nach „Online-Poker“, der im Herbst 2006 seinen Höhepunkt erreichte.

 

Anschließend verringerte sich die aktive Suche nach Pokerräumen jedoch stetig. Konträr dazu stieg parallel die Kurve der Suchanfragen nach „Online-Casino“ an.

 

Ein letzter Höchststand wurde im Dezember 2020 verzeichnet. Beim Begriff „Online-Sportwetten“ wiederum ist seit 2004 ein stetiges Auf und Ab zu beobachten.

 

Verpasste Chance? Deutsche Glücksspiel-Unternehmen ziehen ins Ausland

Während internationale Online-Glücksspielfirmen über die Jahre auch dank der vielen Kunden aus Deutschland Millionenumsätze generierten, gingen deutsche Glücksspielfirmen bezüglich des Online-Glücksspiels zumindest hierzulande leer aus.

 

Die traditionsreiche Gauselmann Gruppe, die seit Jahrzenten die Glücksspielindustrie mit Automaten beliefert und seit 2013 im Bereich Spielbanken tätig ist, musste für das Online-Glücksspiel ins Ausland ausweichen.

Die Gauselmann Gruppe ist seit 2008 unter den Marken adp Gauselmann GmbH, edict eGaming GmbH und Blueprint Gaming Limited auf dem internationalen Online-Glücksspielmarkt tätig. Besonders auf dem britischen Markt ist der Konzern heute gut vernetzt. Mit Blueprint-Spielen ist die Gauselmann Gruppe nach eigener Angabe auf mehr als 400 Online-Glücksspiel-Plattformen vertreten.

Einen ähnlichen Weg schlug auch der alteingesessene deutsche Automatenhersteller Bally Wulff ein. Etwas später als die Gauselmann Gruppe brachte Bally Wulff im Jahr 2016 die ersten Online-Casinospiele auf den Markt. Heute sind die Slots des Entwicklers in zahlreichen internationalen Online-Casinos zu finden.

 

Schleswig-Holsteins Sonderweg: kurz und folgenreich

In ihrem Heimatland Deutschland konnten die Glücksspielkonzerne jedoch nur begrenzt online durchstarten. Eine erste legale Möglichkeit bot sich im Jahr 2012, als Schleswig-Holstein als einziges Bundesland Lizenzen für Online-Casinos ausstellte. Politisch gesehen war der Sonderweg des Landes zwar kurz, für die Industrie jedoch in positivem Sinne folgenreich.

  • Schleswig-Holsteins Regierungskoalition aus CDU und FDP lehnte 2011 den Entwurf des damaligen Glücksspieländerungsstaatsvertrages (GlüÄndStV) ab.
  • Am 14. September 2011 verabschiedete das Land sein eigenes „Gesetz zur Neuordnung des Glücksspiels“.
  • Am 6. Mai 2012 verlor die bestehende Regierung die Landtagswahlen. Es bildete sich eine neue Koalition aus SPD, Grünen und SSW.
  • Am 18. und 19. Dezember 2012 wurden trotzdem die ersten Online-Casino-Lizenzen ausgestellt.
  • Im Januar 2013 trat das Land dem GlüÄndStV nachträglich bei. Der Sonderweg wurde beendet.
  • Die Lizenzen blieben für 6 Jahre gültig und liefen somit im Dezember 2018 aus.

Im Rahmen der Sonderregelung durften die in Schleswig-Holstein lizenzierten Online-Casinos auch Werbung schalten. Jedwede Werbung muss seit jeher jedoch den Hinweis enthalten „Dieses Angebot gilt nur für Personen mit Wohnsitz oder gewöhnlichem Aufenthaltsort in Schleswig-Holstein”.

 

Logischerweise erlangten die Online-Casinos damit jedoch die Aufmerksamkeit der Bürger im gesamten Bundesgebiet. Da es in Deutschland auch kein gänzlich effizientes regionales Geoblocking gibt, konnten sich auch Spieler aus anderen Bundesländern registrieren und online spielen.

 

Poker Stars Werbung Angebot gilt nur für Spieler mit Wohnsitz in Schleswig-Holstein

Angebote für Schleswig-Holstein bundesweit genutzt (Bild: YouTube)

 

Dieser Umstand ist in den letzten Jahren in der Politik viel kritisiert worden. Nichtsdestotrotz haben weder Ermahnungen noch Strafandrohungen oder Gerichtsurteile den deutschlandweiten Online-Glücksspiel-Boom stoppen können.

 

Der Glücksspielstaatsvertrag 2021: Mehr Schein als Sein?

Seit Oktober letzten Jahres ist nun eine Übergangsregelung in Kraft, die für eine reibungslose Öffnung des Online-Glücksspielmarktes in ganz Deutschland ab dem 1. Juli 2021 sorgen soll.

 

Strikt rechtlich gesehen gelten die nicht lizenzierten Online-Casinos zwar noch immer als illegal, sie werden aber derzeit im Rahmen der Regelung bundesweit geduldet. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass sie bereits jetzt die im Staatsvertrag vorgesehenen Anforderungen erfüllen und umsetzen.

 

Die Glücksspiel-Anbieter, die sich an die Vorgaben halten, sehen sich mit zahlreichen Einschränkungen konfrontiert, die es in anderen Ländern nicht gibt. Der tiefgreifendste Unterschied zwischen Deutschland und dem Ausland ist dabei die (mangelnde) Vielfalt des Spielangebots.

 

Live-Wetten, progressive Jackpots und einige Online-Tischspiele sollen verboten bleiben. Der Deutsche Sportwettenverband (DSWV) sieht dies sehr kritisch. In einem Statement kommentiert DSWV-Präsident Mathias Dahms:

Ein starres Regelwerk, das in den nächsten Jahren nicht verändert werden kann, hilft weder dem Spielerschutz noch wird es dazu führen, den auch zukünftig noch existierenden Schwarzmarkt zurückzudrängen.

Diese Befürchtung ist von mehreren Experten aus Politik, Wirtschaft und Industrie geäußert worden. Das Interesse der Spieler an progressiven Jackpots und anderen „verbotenen“ Spielen werde durch den Staatsvertrag schließlich nicht verschwinden, so die Kritiker des Entwurfs.

 

Auch die strikten Einsatzlimits, regelmäßigen Spielpausen und umfangreiche Überwachung könnten die Spieler abschrecken und dazu veranlassen, weiterhin nicht lizenzierte Angebote zu nutzen.

 

Sollte sich dies bewahrheiten, könnte der Vertrag im schlimmsten Fall nichts als eine bedeutungslose Formalität bleiben, am realen Glücksspielinteresse der Deutschen vorbeigehen und keine der gewünschten Änderungen erzielen.

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