Kostenloses Suchthilfeprogramm „Neustart“ online

, Oktober 11, 2017

Steffen Moritz und seine Mitarbeiterin posieren vor einer Wand

Professor Steffen Moritz arbeitet viel mit depressiven Krankheitsbildern und hat „Neustart“ entwickelt. (Bildquelle)

Mit dem Selbsthilfeprogramm „Neustart“ ist jetzt ein neues Angebot zur Bewältigung von Spielsucht und problematischem Spielverhalten auf den Markt gekommen. Das Besondere an Neustart ist, dass das Programm komplett online verfügbar ist und über die Webseite oder App gesteuert wird. Das Therapiekonzept beruht auf den Eckpfeilern „kostenlos, anonym und wissenschaftlich“. Basierend auf verhaltenstherapeutischen Einsichten können Nutzer über mehrere Module ihr Spielverhalten hinterfragen und in Eigenregie, aber unter wissenschaftlicher Anleitung und Begleitung, behandeln. Das Onlineportal soll jedoch nicht als Ersatz für eine Psychotherapie dienen. Vielmehr soll es lange Wartezeiten bis zu einem ärztlichen Termin überbrücken und den Betroffenen eine diskrete Möglichkeit bieten, erste Schritte zu unternehmen.

 

Deutsche Automatenindustrie sponsert das Programm

Steffen Moritz und sein Team

Steffen Moritz mit Team (Bildquelle)

Der Verband der Deutschen Automatenindustrie fungiert als Sponsor einer Vorstudie, die die Entwicklung des Therapieprogramms erst ermöglicht hat. Nachdem die öffentliche Hand eine Finanzierung abgelehnt hatte, erwies sich die Anfrage bei den Glücksspielunternehmern als erfolgreich. Diese sind zum einen gesetzliche dazu verpflichtet, Gelder in die Spielsuchtprävention zu investieren. Zum anderen zeigt die gesamte Automatenwirtschaft in Deutschland seit jeher großes Engagement dabei, Spielsucht vorzubeugen und gefährdeten Spielern effektive Hilfsangebote zu bieten. Wie der Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung für das Jahr 2017 zeigt, fruchten diese Bemühungen. Die Zahl der Spielsüchtigen in Deutschland ist mit 0,37 % so tief wie noch nie.

 

Online-Programm, App und Retraining

Neustart besteht aus zwei grundlegenden Bestandteilen. Zum einen erfolgt die Behandlung der psychischen Seite des Problems, zum anderen die Therapie des physischen Verlangens nach bestimmten Aktivitäten. Im Rahmen der psychologischen Hilfestellung bieten die Wissenschaftler ein Online-Programm bestehend aus sieben Einheiten an. Diese werden durch Hausaufgaben und Merkblätter unterstützt. Emotionale Probleme und typische Denkfallen, die zu Einsamkeit, Grübeln und Niedergeschlagenheit führen, sollen durch das Ausüben neuer Aktivitäten, Übungen zum Selbstwertgefühl und persönlicher Achtsamkeit gelindert werden. Als weitere Unterstützung dient eine App. Auf der Webseite beschreibt das Team die Funktionsweise der Anwendung wie folgt:

„Die in der App verwendeten Selbsthilfe-Methoden basieren auf wissenschaftlich anerkannten Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) zur Abmilderung emotionaler Probleme wie Niedergeschlagenheit und Einsamkeit, aber auch Störungen der Impulskontrolle, die häufig Spielprobleme hervorrufen und/oder aufrechterhalten. Sie können die App so einstellen, dass sie zu einer bestimmten Tageszeit kurze Übungen erhalten und so regelmäßig an die App erinnert werden. Die Aufgaben nehmen wenige Minuten in Anspruch und können leicht in den Alltag integriert werden.“

Die körperliche Abhängigkeit soll durch das sogenannte „Retraining“ reduziert werden. Diese Methode dient dazu, positive Assoziationen und Gefühle im Zusammenhang mit Spielautomaten und anderen Produkten aufzulösen. Bei der Behandlung von Nikotin- oder Alkoholabhängigkeiten hat sich Retraining bereits als wirksam erwiesen.

 

Depressionen & Co. können Spielsucht begünstigen

Entstanden ist Neustart am Universitätsklinikum Hamburg in der Abteilung für klinische Neuropsychologie. Die Psychologen und Psychotherapeuten der Station beschäftigen sich in ihrer Forschungsarbeit vor allem mit den Themen Depression und Zwangsstörungen. Wissenschaftliche Erkenntnisse aus diesen Bereichen liegen auch Neustart zugrunde. Denn psychische Störungen sind nicht selten Auslöser für Folgeerkrankungen in Form von pathologischem Glücksspiel. Die Diagnosen weisen zum Teil große Ähnlichkeiten auf. Der Leiter der Arbeitsgruppe, Prof. Steffen Moritz, erklärt den Ansatz seines Programms so:

„Unser Wunsch ist es, die Unbehandelten zu behandeln. […] Wir wissen, dass viele Menschen, die zu pathologischen Spielern werden, nicht nur Probleme mit dem Glücksspiel haben. Weit vorher gibt es oftmals andere Problembereiche wie Depression, Angststörungen oder Störungen der Impulskontrolle, die das problematische Glücksspiel anfachen und teilweise sogar auslösen können.“

Mit Neustart richtet sich die Arbeitsgruppe unter Prof. Moritz besonders an Betroffene, die sich eine kostenintensive Therapie nicht leisten können oder wollen:

„Unser Ziel ist es, Behandlungskonzepte niedrigschwellig insbesondere an jene Betroffene abzugeben, die aufgrund von Scham oder mangelnden finanziellen Möglichkeiten noch nicht bereit oder in der Lage sind, professionelle Hilfe zu suchen. Selbsthilfeangebote dienen der Linderung der Symptomatik und bei schwereren Problemen auch der Anbahnung einer späteren Psychotherapie.“

Ansprechpartnerin für alle Interessierten ist Frau Lara Bücker, Psychologin an der Uniklinik Hamburg. Auf der Webseite der Arbeitsgruppe für Klinische Neuropsychologie finden sich zudem weitere Angebote und Informationen zum Thema Glücksspielsucht und ihrer Therapie.